Crash-Consulting: Warum du kein Berater werden solltest

Nehmen wir den klassischen Young Professional bei McK & Co. Nennen wir ihn Tom. Tom hat einen exzellenten Abschluss, beste Praktikums-Zeugnisse und natürlich hat er sich schon als junger Mensch auch ehrenamtlich engagiert. Klar, in einer Führungsrolle. Er spricht Englisch und Spanisch fließend, ist eloquent, strukturiert und voller Tatendrang. Beste Voraussetzungen, von den großen Recruitern wahrgenommen zu werden. Das Auswahlverfahren ist gut gelaufen. Tom hat den Job: in einer großen, international aufgestellten Strategieberatung. Wow! Es lockt die große weite Konzernwelt mit gigantischen Herausforderungen. Reisen. Schöne Hotels. Ein klasse Gehalt. Ein rasanter Erfolgszug.

„Ich bin gut, richtig gut. Ich bin etwas Besonderes.“, denkt Tom, denn er hat sich in einem elitären Zirkel durchgesetzt. Tom startet durch zu seinem ersten Projekt. Und er gibt alles. 110 Prozent, manchmal 120, jeden Tag. Denn er weiß, dass nur die Besten richtig Karriere machen. Mo bis Do allein im Hotel, bis spät abends recherchieren und Präsentationen vorbereiten. Um 07:15 Uhr wieder geschniegelt im Anzug, schnell mit dem Taxi zum Kunden. Was macht eigentlich Toms Freundin gerade? „Nein, ich kann Sonja noch nicht anrufen.“, denkt Tom. „Es ist noch zu früh.“ Und über den Tag ist sie dann auch schon wieder vergessen.

Zahlen, Daten, Fakten – und nicht an die Menschen denken

Probleme gibt es nicht, nur Herausforderungen. Und einen tiefen Blick auf die Probleme, äh: Herausforderungen, auch nicht. Tom wollte eigentlich immer wissen, was wirklich hinter den Dingen steckt. Mit allen Beteiligten reden. Was denken die Mitarbeiter, die betroffen sind von der Herausforderung? Was denken der Einkauf, der Vertrieb, das Controlling? Wie sind Führungskultur und Fehlerkultur? Wie fühlen sich die Menschen, über die wir hier Konzepte schreiben? Doch der Alltag sieht anders aus.

Im Konzern rückt eine Liga von Strategen an. Das Besprechungszimmer ist über Wochen geblockt, damit die Crew arbeiten kann. Was hinter der Tür passiert, wissen nur wenige im Haus. Und auch die nur ansatzweise. Die Consulting-Frischlinge sind losgelassen auf das Allerheiligste des Konzerns. Und werden zu fürstlichen Tagessätzen abgerechnet. Sie lernen direkt am lebenden Objekt. Gut, dass das Beratungshaus eine feste Methode hat, wie vorzugehen ist. Das Standardschema lässt sich auch von den Youngsters – natürlich nur mit Extremeinsatz – für den Top-Kunden umsetzen.

Blenden, Bluffen, Burnout

Nach ein paar Wochen wird es Tom mulmig zumute. „Ist es das, was ich gewollt habe?“, fragt er sich. Denn Tom hat seine Identität an der Tür des Meetingraums abgegeben. Und ihm schwant, dass sich dem Problem des Konzerns – ja: einem handfesten Problem! – nicht mit Powerpoints und Excel beikommen lässt. Tom fühlt sich wie ein Blender, ein Ja-Sager, ein Leiharbeiter in Armani. Und Sonja hat auch Schluss gemacht, ihre Sachen gepackt, ist ausgezogen… Tom schmeißt hin. Er erkennt, dass ihm die Ochsentour gar nichts gebracht hat, außer einem Tinnitus. Er und die Kollegen haben zwar das Feld komplett gepflügt. Aber gesät haben sie nichts. Und wenn die Ernte ausbleibt, hat halt das Konzern-Management die Hochglanz-Strategie nicht richtig umgesetzt.

„Berater in der Sinnkrise“

…titelte die FAZ im letzten Jahr. Und damit hat sie Recht. Denn ein fürstlich bezahlter Knochenjob schafft noch keinen Sinn. Die Beratung muss sich neu erfinden. Schlaue Ehrgeizlinge, zu totaler Aufopferung bereit, mit Analysen über Wochen beschäftigt zu halten, die heute über das Web schneller und viel günstiger gehen, können nicht die Zukunft sein. Der Consulting-Kunde von heute will Expertise in Fachfragen, Spezialisten für asiatische Märkte, für digitale Produkte, für HR-Konzepte, die die Menschen mitnehmen. Er möchte Berater, die zuhören, die nahbar sind, deren Werte klar sind. Und die auch die Werte – und alle Menschen – im Unternehmen sehen, das sie beraten.

Und junge Consultants? Sie wollen raus aus der „Up and out“-Selektion, raus aus der Höher-schneller-weiter-Spirale. Und sie wollen mit umsetzen. Verantwortung für Ergebnisse übernehmen. Zusammen mit den Kunden Erfolge feiern. Und danach auch noch Zeit für Familie, Freunde und das eigene Zuhause haben. Es gibt Beratungen, die so sind und die das bieten. Du musst nur richtig suchen. Die McKs dieser Welt sind es definitiv nicht.

Autor Ben Schulz hat ein ganzes Buch über das Thema geschrieben: „Goodby, McK … & Co.“ erscheint ab morgen im Buchhandel und ist ab sofort auf Amazon verfügbar. 


Ben Schulz

Benjamin Schulz ist Sparringspartner und Troubleshooter im Personal Branding. Das Herz des Marketing-Experten und seiner Agentur werdewelt schlägt für strategische Positionierung und Identität. Bei Kabel eins stand er als „Mittelstandsretter“ bei „Abenteuer Leben“ vor der Kamera. Der Pastorensohn, Unternehmer und Vater von vier Kindern ist Autor zahlreicher Bücher.

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