Harn mit Hirn: Wie Maj Puskaric aus Pipi Geld macht

Mit dem durchgeknallten Antihelden Captain Mittelstrahl, der in seinem rot-gelben Ganzkörperkostüm „Möööf“ rufend über die Hanfparade springt und wahnwitzig schlechte Witze macht, hat Synthetic Urine außer der Firmenadresse nichts gemein. Auch wenn der sonst wenig zurückhaltende Puskaric damit nicht hausieren geht – hinter dem schrillen Kunstpipiversand verbirgt sich eine klassische schwäbische Erfolgsgeschichte. Doch zugleich scheint es, als diene der biedere Kunstharnhandel dem Chef vor allem dazu, seinen Captain-Mittelstrahl-Eskapismus zu ermöglichen. Und immer weiter zu treiben.

Waffe für die Unterhose

Auf den Fake-Urin folgte der Fake-Penis. Plausibler Schritt eigentlich: Wer vor aufmerksamen Augen synthetischen Urin abdrücken muss, braucht dafür schließlich auch ein passendes Gerät. Im Onlineshop heißt es in der Produktbezeichnung zum Screeny Weeny 5.0 schlicht: „Der Erfinder hatte das Ziel, den weltbesten und zuverlässigsten Fake-Penis auf den Markt zu bringen. Als Orientierung diente ihm die Kalaschnikow, die durch ihre hohe Zuverlässigkeit unter widrigsten Bedingungen berühmt wurde.“ Logisch.

Die AK-47 also im Geist, nahm Puskaric für das erste Modell einen Abdruck – natürlich – seines eigenen Genitals und nutzte die sieben Jahre Berufserfahrung als Steinmetz, um die Gussform herzustellen. In die füllen seine Mitarbeiter nun jeden Tag in verschiedenen Hauttönen von Schwarz bis Schweinefleischig eingefärbtes Silikon. Für Halloween gab es sogar weiße Vampirpimmel.

Mann muss das einmal als Zwischenbilanz festhalten: Mit falschen Exkrementen und bizarren Scherzartikeln ist Puskaric im schwäbischen Hinterland gelungen, wovon sie in den hippen Startup-Buden in Berlin, Hamburg, München träumen: das zu 100 Prozent selbst finanzierte Startup. Und wo dort die zum Klischee verkommenden Tischkicker Spaß und Lässigkeit oft nur simulieren, machen Puskaric und seine Leute hier nicht nur gutes Geld, sondern Späßle nach Späßle nach Späßle.

Kein Wunder, dass dem 40-Jährigen ein irres, aber halt auch gerechtfertigtes Selbstbewusstsein eigen ist. Über jede seiner Ideen sagt er: „Ich habe eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie gut ist. Die meisten Erfinder erfinden auf Teufel komm raus. Ich sage aber: Eine gute Erfindung muss aus dem Gefühl raus kommen. Ist halt auch ’ne Gabe.“ Und die flüstert einem dann Sachen wie den künstlichen Urin ein? Puskaric drückt den Rücken durch, lächelt maliziös und erklärt: „Schon Leonardo da Vinci hat gesagt: In der Einfachheit liegt die Perfektion.“

Das hat Leonardo zwar so nie gesagt, aber Puskaric hat trotzdem recht. Manchmal braucht es jemanden, der einfach mal macht. Und der die Sache dann anschließend mit schwäbischer Gründlichkeit planvoll durchzieht. So abgedreht Puskarics Produkte sind, so bodenständig organisiert er sein Business: Natürlich brauche er eine Website und Personal, aber das Wichtigste sei sein Vertriebsnetz. „Wenn ich das erst einmal habe, kann ich eine Erfindung nach der anderen reinwerfen, und spätestens nach drei Tagen ist die auf dem Markt.“ Künstlicher Urin und Plastikschwänze klingen erst einmal bescheuert – bei näherer Betrachtung sind es jedoch perfekt auf ihre Zielgruppen zugeschnittene Produkte. Und, sagt zumindest ihr Erfinder, Weltmarktführer in ihrem Segment.

CleanU2
Captain Mittelstrahl ist der hart durchgeknallte Alias von Maj Puskaric – ein wahnsinniger und wahnsinnig bizarrer Antiheld im Namen des Harnstoffes

Geht es nach Puskaric, und nach allem, was man weiß, tut es das ja, steht er erst ganz am Anfang. Im Obergeschoss der Firma sitzen an zwei leicht wahllos in den Raum gestellten Schreibtischen zwei Mitarbeiterinnen. Auf einem Tisch liegt ein halbes Dutzend Nerf-Spielkanonen. Ein Beamer strahlt Urwald-Atmo an die Wand, im Hintergrund dudeln Sitarklänge. Auf einem Whiteboard hat Puskaric mit schnellen Strichen seine Pläne für die Zukunft aufgemalt. Der Stalin, die abhörsichere Handytasche, soll wie Synthetic Urine ein eigenständiges Unternehmen werden. „Ich habe alles geplant“, sagt Puskaric. „Es werden insgesamt zwölf Firmen, die ich hochziehen will. Obendrüber die Dachfirma – also ich. Und dann kommt die 13. Firma. Das ist eine Milliardenidee. Die ist zu gewaltig und zu geil.“

Schwäbischer Zuckerberg

Das Problem: Für die Umsetzung seiner Milliardenidee bräuchte Puskaric Kredite. Hat er aber keine Lust drauf. Bislang konnte er jede Idee, jedes neue Produkt, jede Expansion aus den Erlösen seiner Firmen finanzieren. Banker? Findet er kacke. Und ohnehin habe er noch 100 Ideen in der Schublade. Die könne er jederzeit herausholen, ein Patent anmelden und loslegen. Aber noch einmal zur Milliardenidee. Worum geht es ganz grob? Puskaric schüttelt den Kopf und grinst.

Schwer zu sagen, ob das Show ist, ob es wirklich diese sagenhafte Milliardenidee gibt, ob hier ein lustiger Verrückter nur Luftschlösser zusammenschwäbelt oder ob vor einem der nächste Mark Zuckerberg von Eberdingen-Nussdorf sitzt. Aber auf eine Art ist es auch herrlich egal. Wichtiger als alles andere: Zuzutrauen wär’s ihm.

Und falls doch mal was schiefläuft beim Ausbau seines Fakefäkal-Imperiums? Für den Fall hat Puskaric vorgebaut: Ein paar Käffer weiter steht sein Einfamilienhaus. Natürlich abbezahlt.

Diese Story stammt aus der neuen Business Punk – jetzt am Kiosk, beim Bahnhofsbuchhandel
oder direkt hier: http://goo.gl/7P8oTm
Mehr Infos und Heftproben: http://goo.gl/RQu6fO

Wir freuen uns auf euer Feedback. Viel Spaß mit der neuen Ausgabe!


Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder
placeholder