Cannes-Lions-Chef Papa im Gespräch

Das Cannes Lions Festival of Creativity steht mit dem Brasilianer José Papa unter neuer Leitung. Unser Gastautor hat sich noch vor Bekanntgabe der diesjährigen Preisträger mit dem Festivaldirektor zum Gespräch getroffen.

In der vergangenen Woche fand das Kreativ-Festival Cannes Lions statt, zu dessen Chef José Papa im vergangenen Jahr ernannt wurde. Der Brasilianer kommt direkt von der Modetrend-Analyse-Agentur WGSN und soll sich nun als Festivaldirektor der Zukunft der Kreativbranche widmen.

Unser Gastautor Sascha Hanke, Co-Kreativchef bei der Kommunikationsagentur Kolle Rebbe und ehemaliges Mitglied der Cannes-Jury, hat sich vor Bekanntgabe der Preisträger mit Papa getroffen. Ein Gespräch über die Agenturbranche, Kreativ-Awards und künstliche Intelligenz, aber auch über Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Ausschweifungen auf dem Festival.

Interviev: Sascha Hanke

José, was kann ein brasilianischer Kreativer besser als ein Deutscher – und umgekehrt?

Kreativität hängt nicht von der Herkunft ab. Ich bin auf eine deutsche Schule in São Paulo gegangen. Was ich als sehr positiv empfand, war die Gewissenhaftigkeit, das Engagement, die Strenge im Vorgehen. Ich denke, dass dies unsere Kulturen unterscheidet. Brasilien ist entspannter, flexibler – die Deutschen orientieren sich mehr am Prozess, sind strenger in der Vorgehensweise.

Der perfekte Kreative wäre also eine Mischung aus beidem?

Auf jeden Fall.

Bevor du als neuer Chef der Cannes Lions angefangen hast, hast du für WGSN Forecasts gearbeitet, einen weltweiten Scout für Modetrends. Du bist also mit Vorhersagen vertraut. Was sagst du voraus – wie wird Deutschland dieses Jahr in Cannes abschneiden?

Schwer vorherzusagen, weil sich immer mehr Länder bei den Cannes Lions beteiligen. Neu dabei sind Arbeiten aus dem Libanon, aus Vietnam, aus Ecuador und Peru. Es ist also immer schwieriger, hier zu gewinnen. Deutschland ist aber immer ein starker Kandidat [hat sich in diesem Jahr leider nicht bewahrheitet, die Deutschen haben im Vergleich zum Vorjahr deutlich weniger Löwen gewonnen, Anm. d. Red.].

Hier in Cannes wird viel gefeiert. 2015 wurde ein Paar auf dem roten Teppich beim Sex erwischt – das Bild ging viral. Dieses Jahr gibt es weniger Partys, mehr Sicherheitsmaßnahmen, Zutritt zu Hotelbars nur noch mit speziellen Pässen und so weiter. Soll man sich in Cannes nicht mehr amüsieren?

Doch, doch! Das ist ja einer der Punkte, der Cannes so einzigartig und reizvoll macht, sollte aber eben nicht das Einzige sein, was uns definiert. Uns geht es um Vernetzung. Wir feiern die Arbeit, regen zum Lernen an. Wir werden das Spaßelement dabei nie verlieren. Aber man sieht, dass die Leute herkommen, um sich inspirieren zu lassen. Es wird immer um kreative, bahnbrechende, fortschrittliche Arbeiten gehen, die die Branche verändern.

Muss man eigentlich Awards gewinnen, um ein guter Kreativer zu sein?

Eine sehr gute Frage. Ich bin natürlich voreingenommen und antworte einfach mal mit „Ja“. Für mich sind Awards eine wichtige Bestätigung. Um glücklich zu sein, muss man nicht unbedingt eine Auszeichnung gewinnen, aber es ist eine tolle Bestätigung dafür, dass man ein kreatives Produkt geschaffen hat. Ich denke in der Tat, dass Awards Biografien verändern können, Unternehmen verändern können – ja, sogar die Popkultur positiv beeinflussen können.

Während sich andere Awards komplett auf die kreative Community konzentrieren, wie zum Beispiel der D&AD oder die One Show, haben die Cannes Lions ziemlich früh die Kunden als Hauptzielgruppe für sich entdeckt und damit viel für unsere Branche getan. Wann werden Kunden Teil der Jurys?

Sie sind es schon.

Ja? Aber den klassischen CMO von Unilever zum Beispiel habe ich hier noch nicht entdeckt.

Nein, nein. Letztes Jahr zum Beispiel hatten wir den CMO eines großen Mobilfunkanbieters in der Jury. Aber du hast natürlich Recht, mit Kunden meine ich vor allem die vielen kreativen Köpfe aus den Media- und Tech-Companies. Ich denke, dass diese Entwicklung der gesamten Branche nützt. Weil es ein Weg ist den Kunden aufzuzeigen, warum Kreativität wichtig ist.

Wonach entscheidet ihr, wer in die Jury kommt?

Einer unserer schwierigsten Jobs ist es in der Tat, die Jurys auszubalancieren. Wir streben an, im Hinblick auf Nationalität, Geschlecht, ethnischen Hintergrund, Agenturtypus und Branchen so vielfältig zu sein wie möglich. Eine sehr schwierige Aufgabe.

Ich erinnere mich an die fantastischen, kämpferischen Auftritte von Cindy Gallop in den letzten Jahren hier in Cannes zum Thema Geschlechtergleichheit. Was sind eure Bemühungen dahingehend?

Wir haben hier auf einen Bedarf in der Branche reagiert und den „Glass Lion“ ins Leben gerufen, der Kampagnen und Initiativen belohnt, die dieses Thema betreffen. 2012 hatten wir noch einen Frauenanteil von 20 % in der Jury, in diesem Jahr sind es schon 33,5 %.


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