Wie ihr formulieren solltet, um in Erinnerung zu bleiben

Es gibt Sätze, die vergessen wir nie wieder. Und die Menschen, die sie gesagt haben, auch nicht. Die Fähigkeit so zu formulieren schreiben wir gern einem ominösen rhetorischen Genie zu. Tatsächlich steckt hinter jeder berühmten Äußerung Methode.

Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich Selbstmord begehen soll oder nicht. So, jetzt machst du dir Sorgen. Oder auch nicht. Das hängt wohl vor allem davon ab, ob wir uns schon mal begegnet sind. Bleib entspannt, ich habe nichts dergleichen vor. Vermutlich habe ich mit dem Satz irgendeine Reaktion bei dir ausgelöst, aber sicher werde ich dir dafür nicht in Erinnerung bleiben. Jedenfalls nicht aus rhetorischer Sicht.
Ein anderer hat das geschafft. Ich gehe jede Wette ein: Du hast dieselbe Aussage schon gelesen oder gehört, vermutlich beides. Nur war sie da anders formuliert. Meinen Eingangssatz wirst du vergessen, vielleicht schon mit dem nächsten Klick. Den anderen, obwohl er dieselbe Botschaft enthält, nicht: „Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage“, jener berühmte Satz, den William Shakespeare in der Tragödie Hamlet den Prinzen von Dänemark sagen lässt.

Das ist die Macht der Sprache. Was wir sagen, kann Menschen in Erinnerung bleiben, manchmal sogar ein Leben lang, und es kann sie nachhaltig prägen. Oder es kann von einem Moment auf den nächsten vom Rand ihres Bewusstseins kippen wie der Magier Rincewind über die Kante von Terry Pratchetts Scheibenwelt. Welcher von beiden Fällen eintritt hängt davon ab, wie wir Sprache verwenden. Worte wirken – wenn wir sie richtig wählen.
Was du Menschen sagen willst, in einer Präsentation, bei einer Feedbackrunde, in welcher Gesprächssituation auch immer – das weißt du in der Regel. Aber wir machen uns oft nicht genug Gedanken darüber, wie wir es sagen.

Vom Konkreten ins Philosophische

Wenn du willst, dass die wichtigsten deiner Worte anderen im Gedächtnis bleiben, ist es aufschlussreich zu sehen, wie andere das geschafft haben. Diejenigen, an deren Worte wir uns alle erinnern. Der berühmte Satz aus Shakespeares Hamlet ist nur ein Beispiel dafür. Wo liegt der Unterschied zwischen meiner ‚übertragenen‘ Fassung derselben Aussage und Shakespeares wohl bekanntester Formulierung?

Die Antwort ist: Abstraktion. Shakespeare ist eine Abstraktionsstufe höher gegangen als ich, nämlich vom Konkreten ins Philosophische. Er hat den Klartext – Selbstmord – zum Subtext gemacht und hat sich mit der Formulierung auf den größeren Zusammenhang bezogen, die menschliche Existenz an sich. Damit hat er erreicht, dass der Satz nicht nur die Figur des Hamlet betrifft, die gerade konkret über Selbstmord nachdenkt, sondern jeden Einzelnen, der irgendwie mit seiner Existenz hadert. Was wir ja alle hin und wieder mal tun, wenn auch nicht gleich in der … eines Hamlet. Die Abstraktion bietet dem Publikum ein Identifikationsmoment.

Sätze, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen

Das Genie hat also Methode. Und das gilt für alle großen Sätze, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ein weiteres Beispiel aus einer sehr berühmten Rede, zunächst wieder in übertragender Form: „Ich hoffe, dass die Diskriminierung der afroamerikanischen Minderheit in den USA in einer Generation verschwunden sein wird.“ Dieselbe Aussage in voller Ohrwurm-Qualität, wie sie wohl die meisten Menschen der westlichen Welt kennen:„Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einem Land leben werden, in dem sie nicht aufgrund ihrer Hautfarbe beurteilt werden.“

Ich muss nicht mal erwähnen, dass der Satz von Martin Luther King stammt, und auch das ist der Wirkung der Worte zu verdanken. Die überraschende Wendung: Martin Luther King hat hier die umgekehrte Methode verwendet wie Shakespeare und hat das Abstrakte durch das Konkrete ersetzt.  Diskriminierung im Allgemeinen wurde durch die Diskriminierung seiner eigenen Kinder ersetzt – bzw. deren Ausbleiben. Das Ziel der Aussage bleibt dasselbe: Identifikation. Damit hat er sich zu einem lebenden Symbol für den Kampf gegen Diskriminierung gemacht. Durch die Konkretisierung hat er allen Schwarzen ermöglicht, sich mit ihm zu identifizieren.

Um ein möglichst wirkungsmächtiges Identifikationsmoment zu schaffen, sind also zwei Wege möglich:

Konkret oder abstrakt? Nutze die Kraft der Sprache, indem du mit der Dualität von Konkretion und Abstraktion experimentierst. Klingt eine Aussage distanziert oder trocken, wähle eine Formulierung, die mehr Nähe erzeugt, indem sie anderen Identifikation ermöglicht.

  1. Wenn du eine kategorische Aussage treffen willst, gehe von der konkreten Formulierung aus eine Abstraktionsstufe höher und formuliere im größeren Zusammenhang. Beispiel: Aus „Die Abteilung hat im letzten Jahr 2.400 Überstunden gemacht“ wird „Wir sind überlastet.“
  2. Wenn du ein Thema besetzen willst, mach es konkret, indem du persönlich wirst. Beispiel: „Durch Stressmanagement lernen Mitarbeiter, ihre Ressourcen besser einzuteilen und besser zu regenerieren“ wird zu „Ich habe meinen Schlaf wiedergefunden.“


René Borbonus

René Borbonus ist Trainer, Buchautor und Vortragsredner und zählt zu den gefragtesten Experten für professionelle Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Er ist einer der meist gebuchten Redner zu seinen Themen Rhetorik und Kommunikation.

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