Die Gründer von GMX sind mit einem neuen Startup zurück

Text: Sonja Salzburger

Jeden Dienstag trafen sich die drei Männer zum Mittagessen. 15 Jahre lang. Bei Steak und Kaiserschmarrn diskutierten sie, wie alles immer schlimmer wird mit diesem Internet, dem Datenschutz und überhaupt. Den einen nervte, dass er acht verschiedene Apps benutzen muss, um sich mit Freunden, seiner Familie und beruflichen Kontakten auszutauschen. Der andere verbannte die meisten Apps von seinem Smartphone, Facebook und Whatsapp sowieso. Wie kann es sein, rätselten die drei, dass so viele Menschen vermeintlich kostenlose Apps nutzen und nicht hinterfragen, welchen Preis sie tatsächlich dafür bezahlen? Dass sie einem Instant-Messaging-Dienst aus Kalifornien mit nur einem Klick ihr komplettes Adressbuch übereignen? Inklusive Geburtstag der Ehefrau, geheimen Telefonnummern von Freunden und Adressen der Großeltern?

So hätte es weitergehen können. Nur sind die drei Männer nicht irgendwelche Pensionäre, sondern Eric Dolatre, Karsten Schramm und Peter Köhnkow. 1997 haben sie GMX gegründet, das bald zu einem der größten deutschsprachigen Webportale wurde. Anfang der Nullerjahre verkauften sie ihre Anteile komplett, gründeten Familien und unterstützten als Business-Angels jüngere Entrepreneure. Und weil sie sich mit dem immer schlimmer werdenden Internet und dem mangelhaften Datenschutz nicht abfinden wollten, weil sie Kinder haben und nicht möchten, dass denen die Datengier amerikanischer Konzerne eines Tages zum Verhängnis wird, haben sie nun wieder eine gemeinsame Firma, ein „Rentnerstartup“.

Erste Anschaffung: Kicker

So nannte es einmal einer ihrer ersten Mitarbeiter. Dolatre, 54, Schramm, 51, und Köhnkow, 60, haben das nicht als Beleidigung aufgefasst. Im Gegenteil, sie fanden die Bezeichnung so treffend, dass sie ihr Münchener Messenger-Startup Brabbler heute selbst oft so bezeichnen. Und es auch leben. Nach dem Beschluss, zwei Jahrzehnte nach GMX noch einmal gemeinsam zu gründen und eine Alternative zu Whatsapp zu entwickeln, ließen sie es erst mal langsam angehen. Denn sie teilten zwar die gleiche Vision – „eine digitale Welt, in der Vertraulichkeit und Privatsphäre Realität sind“ –, aber woher sollten sie wissen, ob sie sich nach all den Jahren nicht nur bei der Wahl des Mittagessens einig sind (Schramm und Dolatre bestellen fast immer das Gleiche), sondern auch beruflich noch miteinander können?

Die Gründer von GMX (von links nach rechts): Peter Köhnkow, Karsten Schramm und Eric Dolatre.

Um das herauszufinden, mieteten sich Dolatre, Schramm und Köhnkow 2014 ein Dachbodenapartment in Unterhaching, stellten drei Schreibtische hinein und kauften einen Kicker. „Der Kicker war schon damals bei GMX das Wichtigste“, sagt Dolatre. Sie haben dann viel Tischfußball gespielt, nebenbei das Konzept für ihre App geschrieben und sich einen alten Server gekauft. „Ich glaub, der hat neu so 6 000 oder 8 000 Euro gekostet, und wir haben ihn für 260 Euro gekauft“, sagt Dolatre. „273 Euro“, korrigiert ihn Schramm. „Wir haben noch eine Netzwerkkarte dazugekriegt.“ Das Gerät wurde in einem Nebenraum auf dem Dachboden untergebracht, aber ans Arbeiten war nicht mehr zu denken. „Das war ein Riesenteil und dermaßen laut. Eine Geräuschkulisse wie ein durchfahrender Zug“, sagt Dolatre. Schramm besorgte ein halbes Dutzend Mikrofaserdecken, die als Schallschutz mit Klebeband an der Tür befestigt wurden.

Dem Trio war schnell klar, dass sie noch einen Finanzexperten brauchten, wenn aus ihrer Vision einmal ein funktionierendes Business werden sollte. Deshalb holten sie Anfang 2015 Dolatres langjährigen Freund Jörg Sellmann, 53, dazu. Nun fehlte noch ein Name für ihr Unternehmen. Brabbler war ein Vorschlag von Köhnkow. Der gefiel den anderen anfangs zwar gar nicht, weil aber niemand eine bessere Idee hatte, gingen sie im Februar 2015 zum Notar und gründeten die Brabbler AG.


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