Christian Lindner: Das Comeback

Wie rettet man eine erledigte Partei? Christian Lindner versucht es mit Humor, Marketing und radikaler Personalisierung. Scheint zu klappen. Taugt die FDP zum Role-Model?

Ein regnerischer Donnerstagabend Ende Juni – Christian Lindner lässt auf sich warten. An diesem Abend findet im Ballhaus in der Berliner Chausseestraße, einem charmant aus der Zeit gefallenen Ort mit Tischtelefonen, purpurroten Lampen und vergoldeten Säulen, die Veranstaltung „Get Started Policy Pitch“ statt. Der Lobbyverband Bitkom hat Politiker eingeladen, die Digitalagenda ihrer Parteien für die anstehende Bundestagswahl vor der Berliner Startup-Szene zu präsentieren. Schnell, konkret, unterhaltsam, soweit das eben geht. Dabei soll diese Veranstaltung bitte auch irgendwie lässig sein, freie Rede, vielleicht Powerpoint und, total gut gemeint: ein Popsong als Einlaufmusik für die Politiker, wie beim Boxen.

Bei Bitkom haben sich 2 500 Unternehmen aus der Digitalwirtschaft, darunter 400 Startups, zusammengetan. Wenn eine politische Veranstaltung für Christian Lindner ein Heimspiel ist, dann diese. Wie wichtig auch die anderen Parteien das Pitch-Spaßevent nehmen, zeigt die Besetzung: Die SPD hat Generalsekretär Hubertus Heil geschickt. Sein CDU-Pendant Peter Tauber hatte ebenfalls zugesagt, ist jedoch verhindert. Nun sitzt Helge Braun, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin, im Saal. Daneben Petra Sitte, Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken, und Kerstin Andreae, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen. Wo aber bleibt Lindner?

Als der mit fast 20 Minuten Verspätung in den dunklen Saal tritt, geht ein Raunen durch die Reihen. „Das isser, da isser!“, flüstern sich zwei aufgeregte Jungunternehmer zu. Lindner steigt als Letzter für den Pitch auf die Bühne. Dazu spielt die Band „Jein“ von Fettes Brot, einen über 20 Jahre alten Partyhit, aber egal: Cool genug für diesen Abend ist das allemal. Und dann bringt Lindner die Veranstaltung auch nach Hause wie ein Boxer gegen einen hoffnungslos unterlegenen Gegner: Eine kurze Ode ans Scheitern, ein paar Punchlines zu Digitalisierung, digitaler Verwaltung und Glasfaserausbau, der Saal gehört ihm.

Wie verdammt konnte das passieren? Wie konnte ausgerechnet die FDP, diese über Jahre verlässlich uncoole Partei, dieser Hort der Herzenskälte zu etwas werden, was in Berlin-Mitte euphorisch beklatscht wird? Wie konnte eine Partei, deren Fans es bis vor wenigen Jahren ernsthaft lässig fanden, in der Oberstufe mit Aktenköfferchen und Polohemd und an der Uni mit schlecht sitzenden Konfirmationsanzügen und Zigarillos aufzutreten, für so viel Aufregung sorgen? Und vor allem: als sympathisch gelten? Um zu verstehen, wie das passieren konnte, muss man fast vier Jahre zurückgehen.

Als Christian Lindner am 22. September 2013 gegen halb fünf nachmittags unter die Dusche steigt, liegt seine Welt in Trümmern. Es ist der Tag der Bundestagswahl. In den Umfragen lag die FDP immer knapp über fünf, manchmal sogar bei sechs Prozent. Von Anfang an war klar, dass es knapp werden würde. Doch die ersten Exit-Polls, die Lindner wie alle wichtigen Funktionäre der großen Parteien um kurz nach 16 Uhr erhalten hat, zeigen: Es wird nicht knapp werden – es wird nicht reichen. 4,8 Prozent, die FDP fliegt aus dem Bundestag. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wird die Freie Demokratische Partei nicht mehr dem Parlament angehören. Das politische Königreich, das Lindner hatte erben wollen, ist in diesem Augenblick vor seinen Augen zerbröselt. Gleich muss er, damals Fraktionsvorsitzender im Landtag von NRW, ins FDP-Präsidium, anschließend in die Parteizentrale. Alle Kameras werden an diesem Abend auf die vernichtete FDP gerichtet sein. Was für ein unfassbarer Niedergang einer einst stolzen, wichtigen Partei. Der Tod eines Dinosauriers. „The End“.

Doch als Lindner um Viertel vor fünf wieder aus der Dusche steigt, da hat er einen Plan. Er will Vorsitzender der FDP werden. Er will kämpfen. Will Frieden in die unfassbar zerstrittene Partei bringen, Menschen für die FDP gewinnen, die Liberalismus eigentlich gut finden – das großkotzige Auftreten älterer, wohlhabender Männer aber nicht abkönnen. Er will sich vor allem endlich nicht mehr dafür schämen, wie die FDP in Deutschland wahrgenommen wird. Lindner hat den Plan, ausgerechnet die pullundrige FDP zum Prototyp einer modernen, schnellen Partei zu machen. Das wird ein langer Weg werden, das weiß er. Und ein schwieriger Weg. Aber was sind die Alternativen?

Später am Wahlabend stehen Rainer Brüderle und Philipp Rösler, der FDP-Spitzenkandidat und sein Parteivorsitzender, beide bleich, mit langen Gesichtern in dunklen Anzügen vor den Kameras. „Es ist nicht das Ende der Partei“, sagt Brüderle mit brüchiger Stimme, und es klingt eher nach vager Hoffnung denn nach Gewissheit. Im Publikum weint eine Frau.

Die Suche nach der Idee

Zwei Tage darauf setzt sich Lindner selbst den Kameras aus, müde, angespannt, in einem etwas zu großen Anzug und grün-weiß-gestreifter Krawatte. Er setzt zu einer harschen Abrechnung mit seiner eigenen Partei und ihrer Arbeit in der Regierung an: „Zum Schluss war die liberale Idee verschüttet – unter Klientelverdacht, Lobbyvorwürfen und Häme.“ Lindner hebt die Hand: „Es geht darum, eine glaubwürdige und sichtbare Erneuerung der FDP als liberaler, eigenständiger und unabhängiger Kraft zu erreichen.“ Seine Idee: eine FDP als mehr oder minder ordoliberale Partei, die einen Staat mit starken Regeln, aber wenig Einmischung fordert. Lindner weiß damals, keine 48 Stunden nach der krachenden Niederlage, auch schon, woher er die notwendigen Stimmen für den Wiedereinzug in den Bundestag bekommen will: von liberal denkenden Müttern und Vätern, ehrgeizigen Frauen, jungen Menschen, Facharbeitern und Azubis. Er nennt das Ganze – ausgerechnet – „Projekt 2017“.

Christian Lindner
Neuanfang: “Als alles runtergerockt war, habe ich gesagt: Jetzt musst du´s machen.“

Eine beeindruckende Dreistigkeit. Gerade eben hatte die FDP noch ein massives Misstrauensvotum von ihrer Kern­klientel bekommen, da spricht Lindner bereits davon, Menschen als Wähler zu gewinnen, die zur FDP bis dato im besten Falle ein humoristisches Verhältnis hatten, um es mal vorsichtig zu formulieren: Facharbeiter! Frauen! Junge Menschen! Zwei Tage nach dem Debakel klingt Lindners Plan wie die Weihnachtswunschliste eines Vierjährigen und eher nach politischem Selbstmord als nach vernünftiger Strategie. Zumal im gleichen Moment die alte Garde der FDP ohne Ausnahme zurücktritt. Philipp Rösler: weg. Rainer Brüderle: weg. Daniel Bahr: weg. Dirk Niebel: weg. Guido Westerwelle: weg. Wäre die FDP ein Startup, wäre dies der Zeitpunkt, an dem man einsehen müsste, dass es mit einem simplen Pivot nicht mehr getan ist. Hier muss man noch einmal ganz neu denken – oder es vernünftigerweise lieber gleich sein lassen.

Natürlich war die FDP an all dem selbst schuld. Wenn eine Partei mit langer Tradition und funktionierenden Strukturen plötzlich derart am Abgrund steht, hat das mit Inhalten, mit der Umsetzung und Inszenierung von Politik zu tun. Und die FDP hatte 2013 eine Reihe Probleme, für die sie ganz allein verantwortlich war: Sie war komplett zerstritten und ohne jeden inhaltlichen Kompass. Das Einzige, was man gemeinsam noch konnte, war, laut zu sein. Die eine Forderung, auf die sich die einst liberale Partei noch mehrheitsfähig verständigen konnte: Steuern senken. Damit hatte sie bei der Bundestagswahl 2009 ihre Stimmen geholt – um dann außer der verhängnisvollen Senkung der Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen keine Forderung spürbar umsetzen zu können.


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