Shahak Shapira zeigt Deutschland, wie politische Satire funktioniert

Wollte man einen Durchbruch als Comedian in Deutschland generalstabsmäßig planen, man hätte es kaum zielführender anstellen können. Und tatsächlich kann man Shapiras Leben vor der Schlägerei im Rückblick fast als eine Art Trainingslager für den Ernstfall verstehen.

Shapira, blond, blaue Augen, mittelgroß, ist 1988 in Israel geboren. Aufgewachsen in einer Art Hippie-Siedlung in der Westbank, erlebte er dort im Alter von zwölf die zweite Intifada hautnah mit. Dann zog er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder in ein Dorf in Sachsen-Anhalt. „Der erste Mensch, den ich da in Laucha gesehen habe, war ein Typ auf einem Fahrrad mit ganz vielen Piercings in seinem Gesicht, einer kurzen Hose und tätowierten Beinen – und am Knöchel hatte er ein Hakenkreuz tätowiert“, fasste Shapira seinen ersten Tag in Deutschland einmal zusammen. „Und ich dachte: geil. Das wird ein interessantes Leben, das ich jetzt führe.“

Zunächst wurde es nicht nur interessant, es wurde vor allem demütigend, erzählt Shapira. Wie er sich von überschaubar smarten Leuten im als NPD-Hochburg bekannten Laucha für dumm verkaufen lassen musste, weil sein Deutsch noch nicht gut war. Wie er merkte, dass er hier nie wirklich dazugehören würde, selbst als er mit 17 bereits Websites für Autohäuser baute und damit Geld verdiente.

Als Shapira mit der Schule fertig war, bewarb er sich an der renommierten Miami Ad School, wurde sofort genommen, zog direkt nach Berlin und tat, was dort eigentlich alle tun: Er arbeitete als Creative Director, drehte kleine Filmchen, versuchte sich an Musikvideos, legte unter dem DJ-Alias Shap im Ritter Butzke und anderen Clubs auf, produzierte zum Vergnügen eine Reihe überraschend eingängiger wie alberner Deep-House-Remixe – unter anderem von der Jahr-2000-Crossover-Hymne „Butterfly“ von Crazy Town und dem Schmuserockhit „Otherside“ von den Red Hot Chili Peppers.

Nachdem Zeitungen in Deutschland, Israel und auch die „New York Times“ einmal über die Schläger an Silvester berichtet hatten, konnte Shapira zwar eine Fanbase und gute Kontakte zur Presse vorweisen, doch es gab ein Problem: Er war jetzt „der lustige Jude“. Zwar ist das zutreffend und auch nun kein grundsätzliches Problem, aber auf ausschließlich diese Rolle hat Shapira exakt gar keine Lust. „Ich spreche gerne über Politik“, sagt er. „Aber doch nicht immer!“

Also entscheidet sich Shapira erst einmal, den unpolitischsten Quatsch überhaupt zu verbreiten, und startet 2015 den Youtube-Channel „90’s Boiler Room“. Dort lädt er Mash-ups aus Trash-Hits und den damals wahnsinnig beliebten Boiler-Room-Mitschnitten hoch, bei denen DJs und ihr Publikum scheinbar zufällig in höchster Ekstase gefilmt werden – was natürlich ein eitles Schmieren-theater-stück-chen ergibt, das all denjenigen, die nicht dabei waren, das unangenehme Gefühl verleihen soll, gerade richtig etwas zu verpassen. Shapira legt also unter die Videos bekannter DJs einfach die größte 90er-Schrottmusik: Richie Hawtin tanzt dann mit schwarz-rot-goldener Blumenkette lachend zu „Barbie Girl“ von Aqua, Sven Väth reckt freudig den Finger in die Luft, während die Backstreet Boys „Backstreet’s Back“ singen – Kulturkritik-Kleinodien, die die Lächerlichkeit des DJ-Startums und bräsig inszenierter Mitte-Feierei vorführen.

Als im Mai 2016 Shapiras Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen – wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde“ erscheint, steht sein Plan: Nur mit lustigen Social-Media-Posts und einem Buch soll es das nicht gewesen sein mit dem Auscashen seines Schlägereiruhms. Shapira will jetzt richtig Comedian werden, auftreten, ein Mann und ein Mikrofon und ein halbes Dutzend Pointen. Er will nicht nur auf Twitter die großen Debatten über Hashtags befeuern, nicht bloß mit halbwegs ahnungslosen Rappern über Politik sprechen – sondern überall und von jedem ernst, aber nicht zu ernst genommen werden. Also schaut sich Shapira einmal genauer an, was die ganzen jugendlichen Touristen am Denkmal für die ermordeten Juden Europas eigentlich so treiben. Er findet heraus: Unfug, herz- und kopflosen Unfug, der Shapira, dessen Großvater die Schoah als Einziger der ganzen Familie nur knapp überlebte, wütend macht. Er legt hinter die absurd albernen Instagram-Fotos, auf denen Jugendliche vor den Mahnmal-Stehlen posieren, Bilder aus Konzen-trationslagern, Fotos ausgemergelter Körper und von Leichenbergen. Der Titel der Arbeit: Yolocaust, ein Kofferwort aus dem Akronym Yolo, kurz für „You only live once“, und Holocaust. Die perfekte Provokation.

Die Debatte lässt nicht auf sich warten: Es ist eine Mischung aus Entsetzen und Verblüffung, aus Verunsicherung und Ablehnung. Doch das ungute Verhalten am Mahnmal, der Umgang mit der Erinnerung an die Verbrechen des Drittens Reichs überhaupt werden weltweit Gesprächsthema. Die ARD und die BBC berichten, in der „FAZ“ gibt Shapira ein langes Interview, absolut ernsthaft. Aber natürlich kommt der Vorwurf, er habe mit dem Schockeffekt nur sein Buch in die Bestsellerliste gebracht, mehr aber auch nicht.

Provokation als Option

Kann man so sehen, doch Shapira, den vor etwas mehr als zwei Jahren noch kein Mensch kannte, hat sich ein Image gezimmert, eines, das ihn in keiner Weise einschränkt. Er hat den Ruf, auch die härtesten gesellschaftlichen und politischen Themen so verpacken zu können, dass vom abgebrühten Teenager bis zur intellektuellen Feuilletonistin jeder sofort dazu eine Meinung und Haltung haben muss. Es kann also losgehen.

Für 2018 ist das erste Mal eine Stand-up-Comedy-Tour angekündigt, 15 Abende „German Humor“ sind aktuell geplant. Wenn alles gut geht, wird Shapira dann auch das erste Mal regelmäßig im Fernsehen auftreten. Und schon Mitte August erscheint sein neues Buch: „Holyge Bimbel: Storys vong Gott u s1 Crew“. Gott, die Schöpfungsgeschichte, der ganze heilige Krempel in SMS-Trash-Lingo. Natürlich kompletter Unsinn, der weder mit Shapiras Politsatire noch mit jener Silvesternacht irgendwas zu tun hat. Und genau das ist der Punkt für Shapira: Wenn er will, kann er den ganzen Politikquatsch machen, muss er aber nicht. Was eben auch geht: vollkommen ernst zu sein. „Ich hoffe, dass ich im Herbst das erste Mal wählen kann“, sagt Shapira. Es wird eine der teuersten Stimmen der Bundestagswahl sein. Denn um die deutsche Staatsbürgerschaft zu kriegen, musste Shapira fast 1 500 Euro in Anwälte, Tests und Dokumente investieren. „Aber ich dachte, ich kann ja nicht die ganze Zeit Witze über die AfD machen und dann nicht zur Wahl gehen.“

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Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 04/2017. Titelgeschichte: FDP-Chef Christian Lindner und der radikale Relaunch seiner Partei. Mehr Infos gibt es hier.


Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.

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