Talent oder Training: Kann jeder ein guter Redner werden?

Es gibt viele schwierige Fragen in der Rhetorik, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Die meisten Menschen erwarten, dass das auch auf die meistgestellte aller Fragen zutrifft: Kann jeder ein guter Redner werden? Das merkt man schon daran, wie suggestiv sie oft gestellt wird: „Ist es nicht so, dass Reden vor allem ein Talent ist?“ Oder: „Es kann doch nicht wirklich jeder ein guter Redner werden?“ Oder: „Muss man mit dem Talent zur freien Rede nicht geboren werden?“

Dass viele so skeptisch sind, hat natürlich damit zu tun, dass gute Redner die Blicke auf sich ziehen. Sie stehen gefühlt auf einem Podest – auf der Bühne, in den Medien, auch im Unternehmen. Und solche Menschen lösen bei eher introvertierten Menschen leicht einen Komplex aus. „Liegt mir nicht“, „könnte ich nie“, „das Talent möchte ich haben“ – wer so etwas sagt, ahnt vermutlich schon die Wahrheit, und verschanzt sich mit seiner Skepsis in der Komfortzone.

Tatsächlich gibt es unter den guten Rednern jedoch viele introvertierte Menschen. Solche, die nicht zwanghaft jeden Raum unterhalten müssen, den sie betreten. Die sich bei ersten Begegnungen und in großen Gruppen unbekannter Menschen auch mal schwertun. Die lieber vorbereitet sprechen als spontan. Die zweifeln, ständig ihre Inhalte hinterfragen und für die Reaktionen des Publikums sehr sensibel sind. Und die eben nicht trotzdem, sondern genau deswegen sehr gute Redner geworden sind.

Warum? Weil sie das Reden – im Gegensatz zu manchem extravertierten Menschen – sehr ernst nehmen.

Um die vermeintlich schwierige Frage ein- für allemal klar zu beantworten: Nein, man muss mit dem Talent zur freien Rede nicht geboren werden. Ja, jeder kann ein guter Redner werden. Es mag sein, dass extrovertierte Menschen es dabei etwas leichter haben, weil sie diese Schwelle nicht überwinden müssen. Und es mag auch sein, dass introvertierte Menschen genau deshalb am Ende oft die besseren Redner sind.

Es gibt viele prominente Beispiele, die das unter Beweis stellen. Martin Luther King etwa hat sein Rhetorik-Seminar (in den USA gehört das zum gehobenen Bildungs-Kanon dazu) nur mit einer drei abgeschlossen. Der Rest ist Geschichte: Es gibt wohl keinen Redner, der die jüngere Geschichte in den USA mehr beeinflusst hat als er.

John F. Kennedy ist nicht nur für die Rede berühmt, in der er sich selbst als gefüllte Teigware bezeichnet hat. Wer käme auf die Idee, diesem Mann mit seiner festen Stimme und seiner beispiellosen Überzeugungskraft Redeangst zu unterstellen? Die Wahrheit ist: Der Mann war beim Reden so nervös, dass die Leute, die hinter ihm auf dem Podium saßen, seine Beine zittern sehen konnten.


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