Wie McKinsey sich und seinen Kunden agiles Arbeiten und Startup-Geist beibringt

Digitale Transformation auf die harte Tour: Janis Bode hat früher Ego-Shooter programmiert. Heute arbeitet er bei McKinsey. Startup-Welt und Consulting – passt das zusammen?

Janis Bode wollte nie Berater werden. Nicht sonderlich verwunderlich für einen, der neben der Schule seinen eigenen Ego-Shooter programmiert hat und sich während des Mathematikstudiums unter anderem mit der Frage beschäftigt hat, wie man Rapunzels Haar animiert – ehe er anschließend bei einem Gaming-Startup anheuerte. Trotzdem sitzt Bode, mittlerweile Agile Coach, nun in einem Berliner Büro von McKinsey. Einfacher, einleuchtender Grund: Er ist ein neugieriger Mensch.

Als ein Headhunter ihn Anfang 2016 anrief und fragte, ob er nicht als Agile Coach bei McKinsey anfangen wolle, war Bode skeptisch. Gleichzeitig reizte ihn der Pitch: Startup-Geist in den Laden bringen, ein Team von Digitalern aufbauen, die McKinsey unter seine Berater mischen will. Denn die Consultingfirma möchte ihren Kunden nicht mehr nur polierte Powerpoint-Präsentationen verkaufen, sondern sie auch mal mit halb fertigen Prototypen konfrontieren. Es brauchte noch ein langes Gespräch mit den Verantwortlichen von McKinseys Digital Labs. Dann sagte Bode: „Cool. Lass mal machen.“

Startup-Guy bei McKinsey

Trotzdem – als Startup-Guy unter Beratern? „Ich kam hier an und dachte: Das kann überhaupt nicht funktionieren. Das passt nicht zusammen“, erinnert sich Bode. Aber genau darin bestand ja der Reiz: der eigene Job als Prototyp für eines der renommiertesten Beratungsunternehmen der Welt.

Tatsächlich verlief der Start nicht reibungslos, aber das war gewollt. McKinsey hat sich bewusst gegen den klassischen Weg entschieden, einfach eine Digitalo-Bude zu kaufen und diese dann mehr oder weniger gut in die eigenen Strukturen zu integrieren. „Wer so agiert, will sich verändern“, sagt Bode. „Das hat mich interessiert.“ Seine Aufgabe dabei: herausfinden, wie man als Experte für agiles Arbeiten eine auf Analyse und Perfektionismus getrimmte Institution beweglich und fehlertolerant macht.

Agile und Struktur

Bodes Job war dabei so simpel wie komplex: anders sein. Würde ein klassischer Berater vor die Aufgabe gestellt, einen Agile Coach auf sein Projekt zu nehmen, müsse man sich das grob so vorstellen: „Der Klient möchte in diesem Bereich agile werden. Ich habe das schon einmal vorstrukturiert: Das sind die 20 Sachen, die wir machen müssen, dann ist diese Abteilung hier agile.“ Natürlich eine überzeichnete Szene, aber im Kern wahr: Hier die strukturierten Analysten, die in einem abgeschlossenen Raum sitzen, sich durch Datenberge fressen, Empfehlungen, Roadmaps entwickeln und abarbeiten. Dort die Kreativen, die sich mit dem Kunden hinhocken, mit ihm gemeinsam User interviewen, sich Stück für Stück ans Ergebnis herantasten – während Bode gleichzeitig den Kunden an die Hand nimmt, um mit ihm seinen ganz individuellen, weil eben nicht einfach so implementierbaren Weg zu agilen Arbeitsweisen zu finden.

Doch vor der Harmonie stehen die Konflikte. Und deren Überwindung erfordere ein Umdenken „sowohl für den etablierten Berater als auch für das Digitaltalent, das aus dem Startup-Umfeld kommt“, sagt Bode. Etwa, wenn ein Designer verstehen muss, dass es nicht nur um „Customer-Love“ geht, sondern ganz schnöde darum, „ob der Klient was davon hat“.

Nicht Synthese, sondern Symbiose

Ein Jahr ist Bode nun bei McKinsey, und seine Rolle als wandelnder Prototyp nimmt Gestalt an: wenn ein Kunde sich freut, dass Bodes Leute herausgefunden haben, warum Monteure eine App nicht mögen – die Benutzeroberfläche war zu filigran für ihre Finger. Oder wenn Berater auf Bode zukommen und bei agilen Projekten mitmachen wollen. Oder umgekehrt: Wenn Designer Projekte managen.

Dennoch ist Bode noch immer im Prototypmodus. Etwa wenn ein Chef Kennzahlen der agilen Projektmanagementmethode Scrum zur Messung der Leistung seiner Leute nutzen will. Dem musste Bode erst mal erklären, dass diese Kennzahlen im Gegenteil den Mitarbeitern dienen, damit sie ihrem Chef sagen können, welche Ressourcen sie für ihren Job benötigen.

Eins ist Bode inzwischen klar: Beratung und Startup-Geist gehen schon zusammen – aber nicht in der Synthese, sondern in der Symbiose. Oder, wie er selbst es in eine salomonische Formel fasst: „Zusammenarbeiten, obwohl man anders ist.“
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 05/2017. Titelgeschichte: Gestartet als durchgeknalltes Kondom-Startup berät Einhorn Products jetzt milliardenschwere Konzerne. Mehr Infos gibt es hier.

 


Christian Cohrs

Christian ist einer der Redaktionsleiter bei BUSINESS PUNK und legt großen Wert darauf, dass Startups nicht in Schmieden hergestellt werden. Wenn er nicht an den Texten von Autoren herummäkelt (das ist nun einmal sein Job), schreibt er über Gründerthemen, Gewissensfragen und Schnaps.

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