Diese Frau sagt: Whistleblower können Unternehmen retten

Katharina Weghmanns zweites Leben begann in einer Sackgasse: „LOL!“, schrieb der Banker in seiner Antwortmail auf die Frage, was seine Branche aus der Finanzkrise gelernt habe.

Die E-Mail hat Weghmann aufgehoben. Als Beweis für den Zynismus einer Branche, deren vermeintliche Ausgefuchstheit die Weltwirtschaft 2008 beinahe in den Abgrund gestürzt hatte – und Weghmann in eine Sinnkrise. Vorher, in ihrem ersten Leben, war die Kölnerin sieben Jahre Managerin, leitete zuletzt eine Werbeagentur in der Schweiz. Dann kam die Finanzkrise. „Ich dachte mir, meine Güte“, sagt Weghmann. „Ich komme aus der Wirtschaft, ich bin in der Wirtschaft, ich habe eine Führungsaufgabe, kann mir das auch passieren?“

Also machte sich Weghmann auf die Suche – „nach Antworten für mein eigenes Dilemma“, wie Weghmann es formuliert. Sie zog nach New York, um an der Columbia University zu Ethik in der Finanzindustrie zu forschen. Der Plan: Learnings der Banker sammeln und auswerten, um Führungskräften zu helfen, ethischer zu handeln. „Da hatte ich noch dieses lineare Business-School-Mindset: Wir haben ein Problem, wir analysieren das, und zack replizieren wir das in andere Kontexte“, sagt Weghmann. Und das sei natürlich totaler Quatsch gewesen. Persönliche Kontakte, über die sich Weghmann Zugang zu Insidern erhoffte, machten ihr wenig Mut. Und tatsächlich wollte am Ende nicht ein Banker mit ihr reden. Nur „LOL!“

Das sei ziemlich hart gewesen, erinnert sich die heute 36-Jährige. Ihr Gedanke damals: „Scheiße, das Thema scheint so frisch nach der Krise ein absolutes Tabu zu sein.“ Entweder hatten die Banker tatsächlich nichts gelernt. Oder ihr Zynismus war so tief verwurzelt, dass sie gar nicht aus ihren Fehlern lernen konnten.

Weghmann steckte in der Sackgasse, war frustriert und ratlos. Dabei stand sie kurz davor, auf ein Thema zu stoßen, das ihr zur Lebensaufgabe werden würde und in den kommenden Jahren auf ein überaus ambitioniertes Projekt hinauslaufen sollte: der Wirtschaft endlich ethisches Verhalten beizubringen.

Forschungsprojekt Whistleblower

Als Weghmanns Promotionsprojekt davorstand zu scheitern, hatte ihre New Yorker Professorin eine Idee. Wie wäre es mit einem anderen Forschungsobjekt: Whistleblowern. Hinweisgeber also, die sich an fragwürdigen bis illegalen Praktiken ihrer Arbeitgeber stören und diese offenbaren. Die antworteten zwar nicht mit „LOL“ auf Weghmanns Anfragen, dafür schrieben sie E-Mails, die sich innerhalb von zehn Sekunden selbst zerstörten. Treffpunkte änderten sich kurzfristig. „Es war wirklich so wie im Film“, sagt Weghmann.

whistleblower in unternehmen
Katharina Weghmann: Die 36-Jährige ist Executive Director in der Abteilung Fraud Investigation & Dispute von EY.

Ewig habe es gedauert, Vertrauen aufzubauen. Erst als die Whistleblower überzeugt waren, dass es Weghmann wirklich ernst damit war, Hinweisgebern eine Stimme zu geben, ließen sie sich auf Interviews ein. Fast alle wollten anonym bleiben, außer dreien: Michael Winston und Richard Bowen, die enthüllt hatten, wie ihre jeweiligen Arbeitgeber die Subprime-Krise mitverursacht hatten. Und der schweizerische Wikileaks-Informant Rudolf Elmer.

Am Ende, 2014, nach drei Jahren intensiver Forschung erkannte Weghmann eine Gemeinsamkeit der Whistleblower, mit denen sie gesprochen hatte: „Alle wollen den Organisationen helfen“, sagt Weghmann. „Und die waren so verzweifelt, dass einfach niemand zugehört hat.“ Über 80 Prozent aller Hinweisgeber würden zunächst intern Alarm schlagen, im Schnitt drei Mal. Erst wenn sie im Unternehmen ungehört bleiben, würden aus ihnen Whistleblower, so Weghmann. „Das war für mich wie ein Schock. Ich habe die Welt mit komplett anderen Augen wahrgenommen.“

Doch der Gewinn dieser Erkenntnis war wahnsinnig kräftezehrend. Während der Recherche für ihre Dissertation, die mitunter Züge eines Real-Life-Thrillers hatte, habe es Tage gegeben, an denen sie glaubte, verrückt zu werden, sagt sie. Immerhin war da noch ihr Mann, der ihr bestätigten konnte, dass nicht nur sie allein eine gerade geöffnete E-Mail direkt wieder verschwinden gesehen hatte.

Schließlich war Weghmanns Dissertation fertig. Ihr Fazit: „Man kann viel Mehrwert schaffen, wenn man auch mit marginalisierten Stimmen redet.“ Wenn man also Whistleblower nicht als Verräter behandelt, sondern ihnen zuhört und ihre Perspektive überdenkt, ehe sie an die Öffentlichkeit gehen.

Professoraler Auftrag

Doch damit war Weghmann das Thema nicht los. Nach der erfolgreichen Verteidigung der Dissertation sagten die Professoren zu ihr: „Du musst das raustragen, das ist dir schon bewusst.“ Wegh­mann spürte es selbst. Aber sie fragte sich auch: „Ist das gefährlich?“ Denn: „Ich stelle mich auf die Seite von Hunderten von Whistleblowern, die alle marginalisiert und teilweise verfolgt werden, einige auf Mafia-Art bedrängt. Da habe ich schon überlegt, ist das wirklich der Weg, den ich weitergehen möchte.“

Sie ging ihn weiter, arbeitete als selbstständige Beraterin, erklärte Führungskräften ihre Sicht auf Hinweisgeber, hielt Vorträge, saß auf Podien, unter anderem mit Daniel Ellsberg, der 1971 die „Pentagon Papers“ geleakt hatte und Weghmanns Thesen bestätigte. 2013 wurde sie Dozentin an der Universität Witten/Herdecke, gab Reflexionsseminare und Kurse zu verantwortungsvoller Führung. 2014 heuerte Weghmann für ein Jahr beim Integritätsberater Ethical Systems an, wurde parallel dazu Assistant Professor an der NYU Stern School of Business. Und eigentlich hätte das alles auch gut so weiterlaufen können. Doch dann kamen ihr Stefan Heissner und Felix Benecke in die Quere.

Heissner und Benecke sind Partner beim Consultinggiganten EY und im Bereich Fraud Investigation & Dispute Services tätig. Heissner leitet seit 2006 von Köln aus das Geschäft in Zentral- und Osteuropa. Benecke sitzt in Berlin und ist Experte für Good Governance und Integrität.

Dinner und neuer Job

Eigentlich sollte es bei dem Abendessen nur um einen kollegialen Austausch gehen, aber nach zehn Minuten sagt Benecke: „Du würdest perfekt zu uns passen. Ich glaube, ich muss nicht lange um den heißen Brei reden. Was muss ich tun, damit du bei uns arbeitest?“ Nichts – er brauche es gar nicht erst zu versuchen. Weghmann hatte ihre eigene Beratungsfirma BlackWhiteGold, mochte ihre Dozentenjobs und war nicht bereit, ihre Freiheit für einen Posten in einem 200 000-Mitarbeiter-Konzern aufzugeben. Doch Benecke ließ nicht locker. Sie könne ja an der Uni bleiben und innerhalb von EY unternehmerisch tätig sein, ein neues Geschäftsfeld aufbauen.

Es brauchte sechs weitere Monate und ein Dinner im Januar 2016, wo ihr diesmal Heissner von seiner eigenen, Wegh­manns nicht unähnlichen Mission sprach: die Welt über dem Umweg der Wirtschaft zu verbessern. Und er warb mit einem Team von Beratern bei EY, die genauso dachten wie sie. Das gab nach langem Zögern den Ausschlag. Weghmann sagte zu.


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