„Mit Manieren gehört man heute zur Elite“: Ex-Böhmi-Sidekick Cohn im Interview

Herr Cohn, Sie haben ein Buch über Manieren geschrieben, das einerseits witzig, aber auch ernst gemeint ist. Wie soll man sich Ihrer Meinung nach verhalten, um seinen Mitmenschen möglichst wenig auf den Geist zu gehen?

Einem Mitmenschen auf den Geist zu gehen oder nicht – das ist eine Kunst, die niemand kann! Das hängt nämlich auch von der Disposition des betreffenden Mitmenschen ab – und wenn jemand will, dass man ihm auf den Geist geht, ist der Geistgeher einfach, nun ja, eine arme Sau. Es gibt Menschen, deren Schlips ist derartig lang, dass man gar keine andere Chance hat, als sich darin zu verheddern.

Ihr Buch ist im Grunde ein Plädoyer für althergebrachte Regeln. Sind Manieren mittlerweile etwas Exzentrisches?

Man könnte es auch arrogant formulieren: Mit Manieren gehört man heute eben zur Elite! Aber es gehören sehr viele unterschiedliche Aspekte zu der Story hinter meinem Buch: Als ich jung war, hat mich meine Mutter mit einem Buch namens „Der gute Ton von heute“ geradezu erschlagen. Das Buch war schon damals so was von veraltet, das war sagenhaft. Darin habe ich als Allererstes gelernt, wie man in Anwesenheit gekrönter Häupter richtig rückwärtsgeht. Und, Sie werden es nicht glauben, das hat mir tatsächlich auch einmal im Leben geholfen! Aber das Buch war, wie man in der Jugendsprache heute wohl sagt, „so was von 1913“. Der ganze Duktus dieses Buchs war so niederschmetternd, dass man sich quasi per se schlecht benehmen muss, um diese ganze Einschüchterung zu überleben.

william cohn interview
Für Cohn ist Stil keine Frage von Kleidung – sondern von Haltung. Foto: Frank Bauer

Und so etwas wollten Sie auch verfassen?

Irgendwann ist mir dieses Buch wieder in die Hände gefallen, und ich dachte: bitte, nein! Dann habe ich nachgeschaut, was die Knigge-Gesellschaft heute eigentlich macht, welche Bücher es von irgendwelchen wohlmeinenden Gräfinnen und so weiter gibt. Und alle haben, für mein Empfinden, eine Sache gemeinsam – und das ist der erhobene Zeigefinger. Und auf den ist heute niemand mehr scharf!

Weil schlechtes Benehmen für viele heute zum guten Ton gehört? Wenn man den entsprechenden Status und ausreichend Kleingeld besitzt, hat man Benimm. Sind wir denn schon an dem Punkt, dass man sagen kann: Ja, in Berlin ist halt der Kapuzenpulli angemessene Businesskleidung?

Es gibt eine Grundregel, die ich gerne mag – das sind die geputzten Schuhe. Wenn Sie nun also mit tadellos geputzten, idealerweise Maßschuhen, auftreten, können Sie dazu tragen, was Sie wollen, auch einen Kapuzenpullover. Man wird Sie immer als einen Gentleman erkennen. Aber Sie müssen das Risiko eingehen, dass das nicht jeder erkennt. Wenn Ihre Kleidung also sonst vollkommen verrattet und verdreckt ist, könnte es also trotzdem sein, dass der Türsteher Sie nicht reinlässt!

Mit dem sogenannten Ugly Look, einer Mode, die absichtlich hässlich und provokant sein will, können Sie also offenbar nicht allzu viel anfangen?


Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder
placeholder