Griff ins Klo: Zukunftsforscher behauptet Digitalisierung sei übertrieben

Im Moment machen sich einige Menschen sehr über einen gewissen Matthias Horx lustig. Grund dafür ist unter anderem die neueste Prognose des Zukunftsforschers: „Digitalisierung wird übertrieben“. Hierfür hat er vor Kurzem ein Interview gegeben, das in mehreren Medien erschienen ist. Hm. Kann man ja ruhig mal so rausblasen in die Welt. Nun ist Matthias Horx aber nicht irgendjemand, sondern ein ehemaliger Journalist, der unter anderem für die Zeit geschrieben und der schließlich 1998 das Zukunftsinstitut gegründet hat, eine Beratungsfirma, die Firmen in Sachen Zukunftsstrategie berät und sich in Studien dezidiert mit zukünftigen Branchenentwicklungen beschäftigt. Dabei gehört der ADAC genauso zum Kundenkreis wie der Verband der Wellpappenindustrie oder T-Systems, das zur Deutschen Telekom AG gehört.

Leider hört man all die Expertise, die der Mann also mitbringen sollte, nicht wirklich heraus aus dem Interview. Da wird schnell postuliert, dass uns zu viel Virtualität krank macht, weil wir analoge Wesen seien. Gewagte medizinische-psychologische Diagnose für einen studierten Soziologen. Und in hegelianisch-geschichtsdeterministischer Manier wird ebenfalls behauptet, dass ja jeder Trend immer einen Gegentrend hervorruft und sich die Leute daher ja ganz logisch irgendwann wieder nach dem analogen Klick des Lichtschalters sehnen.

Weder Heilsbringer, noch Zerstörer

Mag ja sein, dass Vinylplatten wieder boomen und auch einige Printmedien wieder höhere Auflagen fahren. Das bedeutet jedoch nicht, das man die Bedeutung der Digitalisierung überschätzen könnte. Nie zuvor war die Welt so vernetzt, und mit der rasanten Entwicklung von KI steht uns vielleicht bald das nächste Konnektivitätslevel ins Haus. Nie zuvor hing etwa der Wirtschaftsstandort Deutschland so sehr von einer modernen digitalen Infrastruktur ab. Es geht nicht darum, die Digitalisierung als „Zerstörer“ zu fürchten oder als „Heilsbringer“ zu verherrlichen. Aber sie und ihr weitreichender Einfluss sind nun mal Tatsache. Ein Thema übrigens, mit dem sich Horx‘ Zukunftsinstitut in einem eigenen Dossier sehr wohl sehr eindringlich beschäftigt.

Die Aussagen von Zukunftsforscher Horx wären eigentlich gar nicht unbedingt eine Meldung wert. Es gibt ja viele Experten da draußen, die sehr viele Sätze über sehr viele Dinge sagen. Doch der Zukunftsforscher hat eben nicht das erste Mal ins Klo gegriffen und erfährt nach wie vor eine relativ breite und weitgehend unkritische Reichweite in den Medien. 2001 etwa behauptete er vollmundig, das Internet werde sich als Massenmedium nicht durchsetzen, denn: „Im Gegensatz zum einfachen Telefon oder einem Radio mit drei Knöpfen ist das WWW mehr denn je eine kompliziert zu bedienenden Angelegenheit“, kommentierte er im Standard die Ergebnisse einer Studie, die er damals durchgeführt hatte. Kurz: Die Technik würde die Menschen überfordern. Daher sei sie auch kein marktrelevanter Faktor:

Warum man nicht unbedingt auf Matthias Horx hören muss, hat er in seinem Interview übrigens selbst beantwortet. Auf die Frage, welcher Trend die Zukunft wohl stärker prägen wird, als wir denken, antwortete er: „Immer der, an den wir überhaupt nicht denken, wenn wir an Trends denken.“


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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