Peter Wittkamp erklärt, wie Ahnungslosigkeit zur Schlüsselkompetenz wird

Leider habe ich überhaupt keine Idee für diesen Text! Nichts, niente, gar nix. (Dieser „Satz“ ist überflüssig, bringt mir aber 21 Zeichen. (Inklusive dieser Erklärung in Klammern sind es sogar schon 129!)) Jetzt habe ich immer noch nichts Richtiges geschrieben, aber dadurch, dass ich darüber geschrieben habe, dass ich keine Idee für diese Kolumne habe, sieht das oben fast schon wie eine Einleitung aus. Erste Hoffnung keimt auf, dass am Ende hier doch noch ein Text steht, den ich an den Redaktionsleiter senden kann.

Wie gehe ich jetzt weiter vor? Für einen knackigen Schluss, der den Leser mit einem Schmunzeln entlässt, ist es gelinde gesagt noch ein bisschen zu früh. Es fehlt der Mittelteil. Wie beim Berliner Flughafen: Spatenstich war kein Problem, große Sause zur Eröffnung wird sicher auch schön – nur zwischen diesen beiden Zeitpunkten hakt es halt so ein kleines bisschen. „Halt so“ im letzten Satz waren übrigens auch redundante Füllwörter, aber – ihr ahnt es langsam – eben auch sechs zusätzliche Zeichen.

Selbstbewusstsein bei vollkommener Ahnungslosigkeit

So langsam kommt mir eine Idee, in welche Richtung dieser Text gehen könnte. Denn Selbstbewusstsein bei vollkommener Ahnungslosigkeit ist eine Tugend, die wohl jeder schon mal im Job besitzen musste – oder zumindest gerne besessen hätte. Manchmal gilt es, Aufgaben zu erledigen, ohne zu wissen, was man da eigentlich gerade macht. Beispiele: zwei Minuten vor der wichtigen Präsentation bemerken, dass der USB-Stick mit der Powerpoint-Präsentation noch zu Hause liegt. Also in dem Zuhause, von dem man sich gerade 500 Kilometer mit einem Flugzeug fortbewegt hat.

Oder dem Chef einen Zwischenstand zum Projekt mitteilen, von dem man bis dahin noch nicht mal wusste, dass man es verantwortet. „Läuft insgesamt gut, Boss. Langsam Richtung Zielgerade, nur hier und da noch ein paar Stellschrauben drehen. Ich muss auch direkt wieder los, wir haben dazu gleich ein sehr wichtiges Meeting.“

Oder im Bewerbungsgespräch vortäuschen, alles, was im Lebenslauf steht, würde genau so stimmen. Überhaupt Bewerbungsgespräche meistern. Also so tun, als wäre man bestens geeignet für einen Job, von dem man überhaupt nicht weiß, worin er genau besteht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie für die Position des ,Special Key Manager NL‘ jemand Besseren finden als mich“ sagen und dabei „Welche Specials, welche Keys, warum bin ich auf einmal ein Manager und steht NL für Holland oder Niederlagen?“ denken.

Alles genau so geplant

Der Trick besteht darin, so zu tun, als wäre alles genau so richtig. Alles genau so geplant. Selbstbewusstsein bei vollkommener Ahnungslosigkeit eben. Wenn die Präsentation auf dem Stick im Homeoffice liegt, wäre es der größte Fehler mit „Es tut mir sehr leid, aber bei der Powerpoint ist etwas schiefgelaufen“ in das Meeting zu gehen. Die bessere Alternative: „Sie, ich, wir alle haben doch genug von den immer gleichen mechanischen Leinwandpräsentationen, bei denen ein paar nette Überschriften und hübsche Grafiken Zwischenmenschliches ersetzen sollen. Ich hatte gestern Nacht um drei die perfekte Präsentation fertig und habe mir dann gedacht: Weißt du was, vergiss doch einfach mal die Bulletpoints in Helvetica und die 34 Charts mit irgendwelchen Linien nach oben oder unten. Rede doch mal wieder richtig mit deinen Kunden, und findet gemeinsam raus, was die Bedürfnisse sind und wo ihr Synergien finden könnt. Also habe ich das Ding gelöscht, sodass wir mal ganz in Ruhe miteinander zusammensitzen können.“ Voilà!

Auch ich werde den Leuten von Business Punk erzählen, dieser Text sei von Anfang an so geplant gewesen. Die unsichere Einleitung nur ein Stilmittel, um den Spannungsbogen aufzubauen. Werden sie mir sicher so abkaufen – und wenn nicht, ist es auch egal. So kurz vor Redaktionsschluss finden die jetzt eh keinen neuen Kolumnisten mehr.


Peter Wittkamp

Peter Wittkamp ist Kolumnist bei Business Punk. Außerdem Hauptautor und Gagschreiber der heute show online. Ab und an schreibt er auch ein Buch oder podcastet mit unserem Redakteur Daniel Erk unter "Erk und Wittkamp".

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