Facebook vor Gericht: Nippelzensur ist selbst für das 19. Jahrhundert zu prüde

Ein anonym bleibender Künstler aus dem 19. Jahrhundert ist nicht mit der Zensurpolitik Facebooks einverstanden und schrieb daher einen offenen Brief and Mark Zuckerberg, den wir hier veröffentlichen. Der Stein des Anstoßes: das Posting eines Gemäldes von Gustave Courbet.

Immer wieder ist die sogenannte „Nippelzensur“ Facebooks ein Aufreger: Ein Lehrer postete das Bild „Der Ursprung der Welt“ (1866) des französischen Malers Gustave Courbet auf Facebook, das den nackten Unterleib einer Frau zeigt. Daraufhin wurde dessen Account gelöscht. Der Lehrer erstellte Anzeige, da er sich in seiner Meinungsfreiheit beschränkt fühlte. Seit Anfang Februar wird verhandelt. Kurz darauf erreichte uns ein offener Brief, gerichtet an Mark Zuckerberg. Der Künstler und Weggefährte des Realisten Gustave Courbet aus dem 19. Jahrhundert, der jedoch anonym bleiben möchte, wirft Facebook falsche Sittlichkeit und diskriminierende Doppelmoral vor. Hier veröffentlichen wir den Brief in voller Länge.

Hochzuehrender und wohlgelahrter Vorsitzender der Geschäftsleitung Mark Zuckerberg,

gestatten Sie mir höflichst, einige bescheidene und wohlgemeinte Worte der Kritik, auch als Einladung zum Dialoge an Sie zu richten. Aus einem lokalen Tageblatt erfuhr ich vergangene Woche von einem bereits mehrere Jahre zurückliegenden Vorfalle, den ich als freischaffender Künstler, Franzose und Europäer doch als recht kurios erachten und wohl auch derart bezeichnen muss. Der Gazette entnahm ich also, das von Ihnen geleitete Unternehmen Facebook hätte im Jahre 2011 eine Eintragung betreffend den von mir hochverehrten Künstler und Freunde, Herrn Jean Désiré Gustave Courbet, welche sich am schwarzen Brette des Lehrers Frédérick Durand-Baïssas befand, abgenommen und besagtem Herren daraufhin jegliche Berechtigung entzogen, fortan unter seinem Namen jenes öffentliche Forum zu nutzen.

Ihr Unternehmen tat dies dem Vernehmen des Lehrers nach, da die Eintragung, welche das Gemälde „Der Ursprung der Welt“ aus dem Jahre 1866 zeigte, mit Ihren Richtlinien zur öffentlichen Zurschaustellung entblößter Körper nicht in Einklang stünde.

Da sich Durand-Baïssas nunmehr aufgrund des Entzuges seiner Berechtigung, dortens mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren in seinem Rechte auf freie Meinungsäußerung beschränkt sah, entschloss er sich, den Fall vor einem französischen Tribunal verhandeln zu lassen, welches sich am 1. Februar dieses Jahres anschickte, sich der Sache anzunehmen.

Nippelzensur
L’Origine du monde („Der Ursprung der Welt“). Bild: Wikipedia

Mir als einem europäischen Kinde des 19. Jahrhunderts und Zeitgenossen des hochverehrten Malers Courbet ist noch schmerzlich bewusst, dass der Gegenstand besagten Streites zur Zeit seiner Entstehung vor nunmehr anderthalb Jahrhunderten die wenig beweglichen bürgerlichen Grenzen der Anstößigkeit, wie sie auch in den Salons diskutiert wurden, überschritt, weswegen nicht zuletzt das Gemälde erstmals im Jahre 1988 im Rahmen einer Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit zur Schau gestellt wurde – in einem anderen Jahrhundert, in einer anderen Gesellschaft unter veränderten sittlichen Vorzeichen.

Ein Umstand, der bei allem Unrecht, der im Verlaufe des 19. Jahrhunderts auf französischem und europäischen Boden noch geschah, wohl gesellschaftlicher Prüderie mehr anzulasten ist als dem Umstand einer seit 1789 festgeschriebenen Meinungsfreiheit in Frankreich. Da auch die Landesväter Ihrer Nation wohlweislich zwei Jahre später jenen Artikel als ersten Zusatz ihrer Verfassung festschrieben, muss ich mich aber heute fragen, ob die US-amerikanische Gesellschaft nicht noch einer Sittlichkeit anhängt, die einer Freiheit, wie sie von Seiten Ihrer Regierung, Ihrer Mitbürger und der Tatsache eines in Ihren Landen existierenden „Porn Valley“ propagiert wird, zum Widerspruch gereicht.

Zumal auch eine kurze Recherche meinerseits diesen Widerspruch noch zu verstärken scheint, die mir bestätigt, dass Facebook einerseits durchaus ein Förderer nicht nur klassischer Kunst ist, sondern durchaus auch jener, welche von einem Kunstverständnis des verdienten Courbet abweicht. Die Tatsache jedoch, dass diese nur männliche Entblößung zum Inhalte haben dürfen, entbehrt einem Künstler wie mir schlussendlich jedweder Logik, der ich mich – ganz Kind der Aufklärung – verpflichtet wissen möchte. Zu nennen wäre an dieser Stelle etwa das Werk „Dat ass doe“ des volkstümlichen Sängers Justin Bieber, welches auf Ihrem Partnernetzwerk Instagram zu betrachten ist oder die Werkschau „Hot and Sexy Men„, die eine umfangreiche und regelmäßig um weitere Exemplare aktualisierte Sammlung kuratiert, die männliche Bildmotive zeigt, welche, wären es Frauen, Ihren Richtlinien nach zu einer Verbannung von Ihrer Plattform gereichen würde.

Dat ass doe @johnny photo cred

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Vielleicht, hochverehrter Geschäftsleitungsvoritzender Zuckerberg, fänden Sie in ihrer kostbaren Zeit einmal kurze Gelegenheit und die Güte zu versuchen, einem bescheidenen Künstler wie mir diesen Umstand zu erklären und ggf. diesen Widerspruch aufzulösen.

Denn, das Gemälde und die Muse des mir so teuren Gefährten Gustave Courbet auch über 150 Jahre nach seiner Entstehung noch geächtet und verschmäht zu wissen, sowie auch die künstlerischen Erben Courbets und vieler weiterer Künstler, die nicht müde werden als sogenannte User in Ihrem Netzwerk täglich wunderbare Werke zu schaffen, möchte nicht aufhören, mir in der Seele zu schmerzen.

Euer Wohlgeboren ergebendster Freund,

ein Anonymus aus dem 19. Jahrhundert


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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