Diese Gründer machen Airbnb mit Katzen und haben sich mit uns betrunken

Airbnb mit Haustier inklusive? Das Konzept von Petsnflats klingt nach Selbstläufer. Doch nicht für das ehrliche und betrunkene Kneipenvolk, das kräftig optimieren hilft.

Robert Halfmann kennt das: Geile Idee, unicorn-verdächtig, trotzdem total an die Wand gefahren. Überdreht rangegangen, Produkt überentwickelt, jeder Schritt übervorsichtig – sofort muss an alles gedacht sein. Anfängerfehler. Learning für Halfmann und Co-Founder Johannes Kettmann: Denk mal gar nicht so weit. Kommt dann schon alles. Das „Über-“ wurde also gestrichen. Simpel muss es sein, nichts zerdenken. Also Petsnflats.

„Wir machen Airbnb mit Katzen“, sagt Gründer Halfmann. Bäm, denke ich, ein Tresenpitch für die Götter. Auf der Plattform inserieren Haustierbesitzer kostenlos ihre Wohnung. Dafür passen die Besucher auf deren Lieblinge auf. Petsnflats nimmt eine kleine Vermittlungsgebühr. „New York für 3 Euro die Nacht“, pitcht Kettmann weiter. Aber nicht mich muss er überzeugen, sondern die sorgenfaltenzerfurchten Doggohalter, die am verrauchten Tresen grübeln, wie sie ihren nächsten Urlaub planen sollen, sodass auch für den besten Freund gesorgt ist. Also Zeit, loszuziehen, Feedback einfahren.

Von der Redaktion zu Fuß zur Bülow-Kneipe, mit Wegbier und winterlicher Kaltluftwatschen. Leider gestaltet sich professionelles Ranwanzen hier schwierig: zwei Russen mit marginalen Englischkenntnissen und eine Bettlerin, die uns um Zigaretten anhaut. Katzen? Ne, lass mal. Egal, das Aufwärmbier schmeckt.
Dann vielleicht doch sofort ins kalte, systemkritische Wasser: Im Kuckucksei, einer linken Studenten- und Arbeiterkneipe erkennen wir durch die Rauchschwaden schemenhaft an der Wand Rosa Luxemburg, Karl Marx und – ja! – Labrador Lisa! Wie sie und ihr Papa wohl auf das neue Gesicht des Kapitalismus in Form zweier frischer Sharing-Economy-Dudes reagieren? Fotos vom Hund sind schon mal okay: „Für ‚Business Punk‘? Kenn ich, ist nicht unbedingt links, aber locker!“ Ja, locker sind wir heute auf jeden Fall und bestellen eine Runde Hacker-Pschorr. Papa findet Petsnflats so na ja und zeigt auf Lisa, die maximal unbeeindruckt den stark frequentierten Eingangsbereich versperrt. Dämpfer müssen sein.

Bunnys und Bonsais

Aber Halfmann und Kettmann sind heiß und schnell; schon passen sie Emma ab, die gerade zur Tür hereinspaziert. Robert probiert es mit dem Airbnb-Pitch, und Emma ist begeistert. Erstes Feedback, gleich Fragenfeuerwerk: „Gibt’s das nur mit Katzen? Mit Kaninchen wäre es doch interessant! Und was ist mit Pflanzen?“ Klar, Bunnys und Bonsais, der nächste Markt, den man erschließen könnte. Aber dann wird Tacheles geredet, die 25-jährige Schwedin aus der Techbranche ist vom Fach: „Die Verbindung zu Airbnb halte ich für schädlich. Ist schließlich ein Konkurrent.“ ­Außerdem sei Airbnb scheiße und ohne Katzen. Fair point. Emma ist dabei. Bis sich herausstellt, dass sie die Idee so verstand, dass die Tiere herumreisen. Learning: Pitch überarbeiten, keine Missverständnisse! Aber hey, wer im Oktober eine Idee entwickelt hat und erst seit Dezember mit einer Betaversion online ist, dem sei das verziehen. Nutzen würde sie die Plattform – wenn für die Sicherheit garantiert wäre. „Wer haftet, wenn mein Tier stirbt?“ Wow, plötzlich geht’s ans Eingemachte.

Petsnflats

Dann doch erst mal lieber Startup-affines, jüngeres Publikum. Also ab Richtung Villa Neukölln. Schon vor der Tür treffen wir Daniel, einen aufgeweckten Typen, sofort angefixt. Haustiere? Ne, hat er nicht. „Aber pass auf, ich fahr bald nach New York, und Katze für drei Tage würd ich machen, ist doch mega!“ Das nächste Gesuch auf Petsnflats ist also sicher. Dann wird er kurz nachdenklich: „Scheiße, wenn mir mein Goldfisch kaputtgehen würde! Ihr braucht da ein richtiges Regelwerk.“

Das wissen die beiden Gründer. Denn auch Halfmann hat seine Erfahrungen mit fremden Haustieren. Viel verrät er nicht, nur: „Die Katze ist halt ein Arschloch und abgehauen.“ Das seien aber zivilrechtliche Verfahren, die nichts mit der Plattform zu tun hätten. Aber: Versicherungen wird es geben, Ratings und Bewertungssysteme. Doch lieber erst mal nichts zerdenken. Verbessere, was gerade anliegt. Stoisch!

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Ein paar Runden Bier und Tequila-Shots später treffen wir Paul und seine Freunde. Der postironische Schnauzbartträger gibt erst einmal eine persönliche Haustieranekdote zum Besten: Er musste seine zwei Kaninchen mit dem Spaten erlösen, weil der Hund ihnen die Beine abgebissen hatte. Okay! Schnell sind sich alle einig, dass so was wohl kein Standardrechtsfall ist. Grundsätzlich finden sie die Idee gut. Doch: nur 3 Euro Gebühr? „Der Fuck-up ist doch, du ziehst damit Typen an, die billig irgendwo Party machen wollen.“ Freizeitkokser, die nur feiern und ihre Doggos vernachlässigen? Nichts für die Petsnflats-Community. Warum also nicht ein verpflichtendes Anforderungsprofil, das definiert, welche Bedürfnisse befriedigt werden müssen? Dreimal am Tag Gassi oder nur einmal füttern und zehn Minuten Streicheln für den Hamster? Der Bucketlist-Cityhopper überlegt sich dann dreimal, ob der aufgekratzte Border Collie zu viel Verantwortung ist.

Das Pitchen hat nun komplett Kettmann übernommen, so schnell, dass ich ihn aus den Augen verliere. Irgendwann finde ich ihn am Tisch bei vier jungen Frauen, die angeregt diskutieren. Nur mit der Presse wollen sie nicht reden, also weiter. Was macht eigentlich der Halfmann?

Der sitzt ein Zimmer weiter über ein halb leeres Glas gebeugt im Sessel und schläft. Spät geworden. So bleibt am Ende des Abends nur noch Co-Gründer Kettmann, der weiter um sein Leben pitcht; außerdem die Erkenntnis, dass ein Produkt nicht von Anfang an zu Ende gedacht sein muss. Euer Anspruch ist Community? Dann fragt die Community! Was ist also der nächste Schritt nach diesem Abend? Kettmann: „Wir müssen klarstellen, dass sich die Leute sicherer fühlen als bei Airbnb.“ Amen to that.

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Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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