Die meisten Link-Posts auf Twitter kommen von Bots – und das ist vollkommen fein

Spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016 wird die Rolle von Social Bots auf Plattformen wie Twitter immer wieder diskutiert. Die kleinen Programme teilen und erstellen Nachrichten, beantworten Fragen, kommentieren und teilen Informationen. Wenn über sie geredet wird, steht meistens das schädliche Potenzial im Vordergrund, das sie in demokratischen Gesellschaften entfalten können: Sie verbreiten Fehlinformationen und manipulieren so den öffentlichen Diskurs. Einige Startups haben sich sogar schon auf deren Identifizierung spezialisiert.

Eine aktuelle Pew-Untersuchung hat sich nun auch mit dem Phänomen beschäftigt. Dafür wurde eine Stichprobe aus 1,2 Millionen Tweets ausgewertet, die Links zu den 2315 auf Twitter meist geteilten Seiten enthielten. Ergebnis: 66 Prozent aller getweeteten Links stammten von Accounts, hinter denen wahrscheinlich ein Bot steckte.

Reichweite ist nicht gleich Impact

So. Ist das jetzt gefährlich für uns? Nö. Denn die Studie hat sich zunächst nur mit englischsprachigen Tweets beschäftigt. Klar, die Bot-Problematik kennen wir im deutschsprachigen Diskurs auch, aber auch hier gilt: Social Bot ist nicht gleich böser Manipulationsversuch aus russischen Trollfarmen. Natürlich hört es sich heftig an, dass während der US-Wahl 36 000 „Manipulationsbots“ auf Twitter identifiziert wurden, die wahrscheinlich aus Russland kamen. Bei der Menge an Bots, die sonst noch so auf Twitter unterwegs sind, relativiert sich das aber wieder. Viele Unternehmen nutzen sie als Tools, um die Kommunikation mit ihren Kunden zu erleichtern. Sie beantworten Kundenanfragen oder spielen bestimmte Inhalte und Informationsmaterial an ihre Zielgruppe aus. Auch Newsportale nutzen zum Beispiel Bots, um Nachrichten zu timen und für verschiedene Social-Media-Kanäle optimiert auszuspielen. Auch im Porno- und Sportbereich kommen viele Bots zum Einsatz:

Interessant sind die Ergebnisse dort, wo es brisant wird: Eine große Sorge unter Politikern und Journalisten ist, dass mit Bots versucht wird, die Gesellschaft über polarisierende Debatten zu spalten, etwa indem sie extreme Ansichten oder Fake News streuen. Die Pew-Daten zeigen aber, dass die Quellen mit politischen Inhalten, die mehrheitlich von Bots geteilt werden, eine gemischte Leserschaft haben und also eher die sogenannte Mitte ansprechen.

Natürlich sollte man das zersetzende Potenzial, das Bots auch haben können, nicht klein reden. Jeden Tag erreichen manipulierte, fehlerhafte und gefakte Inhalte viele Leser. Man muss aber auch immer wieder Folgendes betonen: Reach ist nicht immer gleich Impact (Sorry an alle Marketer, aber ich gaube, am Ende seid ihr darüber auch ganz froh).


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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