Selbstoptimierung: Vom Wahn zum Sinn

Meta-Warnung vorweg: Dies ist ein Artikel über die Optimierung der Selbstoptimierung. Ihn ernst zu nehmen funktioniert nur mit einer großen Dosis Selbstreflexion, oder Korn, oder beidem.

Neulich wollte mir ein Heft im Bahnhofskiosk erklären, wie ich „enkelgerecht leben“ kann. Ein Programm zum Schreiben von Textnotizen bot mir “instant access to a minimal world where you can better isolate your thoughts and focus on your words.” Und mindestens einmal im Monat will mir jemand beibringen, „nein“ sei ein vollständiger Satz, und man solle ihn doch öfter mal äußern, außer natürlich wenn man damit sein Angebot kommentiere. Ausmalbücher für Erwachsene wollen mir helfen, mehr Zen zu spüren, und tatsächlich, so lerne ich, finde ich meine T-Shirts schneller, wenn ich sie gerollt in den Schrank lege. Ein Skifahrer grinst mich lasziv von der Matratze an, die mir „die bestmögliche Erholung“ gibt, und jede City-Buchhandlung hat diesen einen Tisch, eine Karikatur seiner selbst, überlaufend mit Büchern über Achtsamkeit und Minimalismus.

Die Selbstoptimierungsindustrie (zu der, full disclosure, auch ich als Ex-Therapeut gehöre) lungert an allen Ecken wie eine Armee aus Sesamstraßen-Schlemihls, die flüstern oder, meistens, schreien: „Hey du, willste besser werden?“ Und was man nicht alles werden kann. Produktiver. Lebenslustiger. Man kann besser kommunizieren. Und entspannter, gesünder, low-carbiger. Ein noch perfekterer Vater, eine liebevollere Freundin.

All das ist, im Prinzip, gut. Also sollte man glauben, dass nach Jahrzehnten (oder, je nach Maßstab und Kulturkreis, Jahrhunderten) der Selbstverbesserungskultur die Straßen voll seien von glücklichen, entspannten, sortierten, freundlichen Leuten.

Tatsächlich aber grummelt’s und meckert’s aus allen Ecken, als würden die Mach-Dich-Besser-Botschaften an uns abperlen wie Kondenswasser vom Hipster-Cold-Brew. Woher die Diskrepanz zwischen Versprechungen und Realität? Sicher können wir uns über vieles beschweren, nicht aber über zu wenig Leidensdruck. Die Optimierer sehen das Leid, und so sprießen – oft in gutem Wissen und Gewissen – hundert Bücher über Produktivität, samt Spezialkalender und auch-mal-Nein-sagen-Kaffeetasse aus dem Boden – die dann nach ein paar Wochen zu ihren Kumpels in den Schrank in der Teeküche wandert. Hinten links, direkt neben die Schrittzähler und Diätshakeshaker.

Wie man besser besser wird

OK, Herr Maul, wir sind nicht zum Jammern hier. Wie geht’s besser? fragen meine Klienten, wenn ich das alles erzähle, und Sie als Leser jetzt vermutlich auch. Sie vermuten, dass die Selbstoptimierung deshalb nicht klappt, weil man einfach nicht alles optimieren kann. Oder dass „man“ einfach noch nicht bereit ist. Oder noch ein anderes Buch von einem anderen Autor kaufen muss.

Das alles ist (bitte Vorwarnung vom Beginn des Artikels beachten) nicht so. Der eigentliche Trugschluss ist, dass es so etwas wie ein Ziel gibt; einen Zustand, in den man sich selbst versetzen oder hineinarbeiten oder gar wünschen kann, und dann, ja dann ist alles gut.

Und genau das ist die Crux. Es gibt nicht den optimalen Zustand. Es gibt noch nicht einmal eine Menge von optimalen Zuständen. Was es gibt, das sind Prozesse oder Phasen, die sich zwischendurch optimal anfühlen. Das Eichhörnchen klettert den allerhöchsten Baum hoch, um die allerbesten Nüsse zu pflücken, und oben angekommen sieht es: Es gibt noch größere Bäume. Das lokale Optimum fühlt sich so lange wie ein Maximum an, bis wir sehen, was noch alles gehen könnte. Und die Selbstoptimierungsheftchen führen uns – gute Absicht hin oder her – vom einen Baum zum anderen, immer auf der Suche nach dem besten.

Das, was zur guten Optimierung des Selbst beiträgt, ist mitnichten, den richtigen Baum zu finden. Es ist das Weitergehen, das Dranbleiben, das Rauf- und Runterklettern. Oben hocken ist leicht. Eine ganze Woche lang lowcarb, pescetarisch, zuckerfrei ernährt? Well done. Oder: Drei Monate lang jeden Tag im Fitnessstudio gewesen? Stark. Und dann? Ist ja doch ziemlich anstrengend, ne? Mein Meditationslehrer sagte uns: Wenn Du nur einen Tag die Meditationspraxis unterbrichst, fängst Du wieder ganz von vorn an, und jedesmal ist es so schwer wie beim ersten Mal. Leider hat er Recht. Die eigentliche Aufgabe ist nicht das Dranbleiben. Es ist das Neuanfangen.


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