14 Tage Barcelona: die Startup-Szene auf Klassenfahrt
Fünf Startups, sieben Workshops, 14 Tage Barcelona, ein Filmteam: Ist das Super Startup Adventure Camp von Lexrocket instagramtauglicher Urlaub, Bootcamp oder doch eine Gruppentherapie?
Ein warmer Tag im Mai in einer der schönsten Städte Europas: Am Flughafen Barcelona-El Prat knallt die Sonne auf das Rollfeld, Hunderte Menschen mit Jacken und Koffern in den Händen drängen sich durch die Flughafenhalle. Raus aus der Menge geht es mit dem Auto auf die Straße Richtung Norden.
Gut 20 Kilometer vom Flughafen, inmitten der City, eine alte Villa mit drei Stockwerken. Wuchtiges Tor, großer Pool, gemütliche Dachterrasse. Man hört den dichten Verkehr, Papageien zwitschern, es riecht nach Sommer. Nach Pflanzen, deren Gerüche das Gefühl von Sommerferien auslösen. Eine Villa fast schon aus einer kitschigen Telenovela. Eingangshalle, vergoldete Möbel, Statuen in Glasvitrinen. Aber nein, hier wird keine Seifenoper gedreht. Auch wenn sich hier tatsächlich für zwei Wochen ein Filmteam eingenistet hat. Der Auftrag: das Super Startup Adventure Camp dokumentieren.
Super Startup Adventure Camp? Ein Abenteuercamp für Startups? Klingt unfreiwillig lustig – und nach einem Ferienlager für Erwachsene, mit Dschungelprüfungen für Unternehmerinnen und Unternehmer, die mal Abstand von ihrem stressigen Alltag brauchen. Und dann wird noch alles von einem Filmteam begleitet, um das Erlebte später als Realityshow ausspielen zu können. Morgens Yoga am Strand, nachmittags actionreiche Spiele und abends Grillparty. Fun, fun, fun.
Mehr als ein Abenteuercamp?
Vivien Karl aber, eine der Teilnehmerinnen, sitzt im Schneidersitz auf der Couch, Macbook im Schoß, neben ihr die Coke Zero. Wie die vier anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist die 28-Jährige gekommen, um zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln. Zwei Wochen produktiv sein, konzentriert am Aufbau ihres Unternehmens arbeiten und sich mit Menschen austauschen, die gerade genau dasselbe umtreibt.
Tage, die genug Zeit für die eigenen Projekte bieten sollen und dennoch mit Programmpunkten gespickt sind. So werden die fünf später am Tag dann Niklas Röck lauschen, einem Gründer und Investor, der seine Expertise in D2C-Marketing und Werbepsychologie mit der gesamten Gruppe teilen will.
Neues Wissen, Motivation, Austausch unter Gleichgesinnten, dazu inspirierende Ausflüge, und das alles fernab der gewohnten Gefilde: Man kennt das Konzept, allerdings nicht unbedingt aus der Wirtschaft – sondern aus der gymnasialen Oberstufe. Das Super Startup Adventure Camp hat vom Wesen her frappierende Ähnlichkeit mit einer Klassenfahrt.
Ins Leben gerufen wurde das Camp von Lexrocket, einer Gründungsplattform. Die wiederum ist eine Initiative vom Digitalkonzern Lexware, mit dem Ziel, Startups und Gründungen zu fördern. Lexrocket sponsert allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern Reise und Unterkunft. Das Vorhaben dürfte daher vom Controlling skeptisch beäugt werden, doch Yalun Meng weiß, dass so auch für das Unternehmen ein wertvolles Netzwerk entsteht.
Von Mallorca über Venice Beach nach Barcelona
Meng ist der Kopf des Veranstalterteams. Er sagt: „Für uns ist es der Markenaufbau. Wir bauen eine Community auf, stellen Beziehungen her und werden hier Teil von möglichen Success-Storys.“ Der Deal: Lexware inszeniert sich so als junger und hilfreicher Player, und fünf junge Menschen dürfen davon profitieren. Für alle schön: Seit Februar 2018 finden zweimal im Jahr diese Fahrten statt. Die bisherigen Reiseziele: Mallorca, Venice Beach, Bali und L. A. – alles angenehm weit entfernt vom Inkubator mit seinen sterilen Glaskasten-Meetingräumen.

Meng sagt: „Mit dem Camp entzerren wir den Gedanken der klassischen Netzwerkveranstaltungen, auf denen man sonst nur flüchtige Kontakte knüpft.“ Er und sein Team wählen für jedes Camp fünf Startups aus. Im Schnitt gehen pro Camp 50 bis 80 Bewerbungen ein. Die einzige Voraussetzung für eine potenzielle Teilnahme: Das Startup sollte ab Gründung nicht älter als 36 Monate sein. „Und es muss eben auch menschlich passen“, sagt Meng.
Bei der Auswahl achtet Meng vor allem darauf, dass die Startups aus unterschiedlichen Branchen kommen. Auf diese Weise soll kein Konkurrenzdenken entstehen, wie Meng sagt. Stattdessen soll ein warmer und vertrauter Umgang stattfinden: „In der Startup-Bubble geht es nur noch um Business, Erfolg, Listen und Investments. Dabei sollte es vor allem um das Persönliche gehen.“ Stichwort: ehrliches Feedback. Ein Stichwort, das noch öfter fallen wird.
Dieses Mal sind drei Gründerinnen und zwei Gründer dabei. Alle sind zwischen 25 und 35 Jahre alt, haben unterschiedliche Abschlüsse, verschiedene Backgrounds – und ein gemeinsames Ziel: das eigene Business wachsen lassen.
Etwa Vivien Karl, die ihr Unternehmen so vorstellt: „Wir durchbrechen den verstaubten Markt der Intimpflege und enttabuisieren das Thema Vaginaltrockenheit.“ Karl ist promovierte Apothekerin und hat mit ihrem Startup Dr. Vivien Karl laut Pitch „natürliche, nachhaltige und wissenschaftsbasierte Intimpflegeprodukte“ entwickelt. Im Sommer launcht sie ihre Creme gegen Vaginaltrockenheit. Karl bereitet sich hier also gerade auf den Angriff im Markt vor, sie werkelt vor allem am Finanzplan weiter und führt Gespräche mit potenziellen Investorinnen. „Ich habe jetzt schon im Camp gelernt, dass ich endlich mal ins Machen kommen muss. Kein Perfektionismus, sondern Trial and Error“, sagt die Gründerin.

Anderes Produkt, ähnlich große Ambitionen: Larissa Wiens hat Lovebites gegründet, ein Startup für vegane Backwaren. Ihr erstes Produkt: ein half-baked Cookie, den sie in Berlin unter die Leute bringen will. „Ich bin eigentlich Grafikerin, mir fehlt der Gründerbackground, mir fehlen Mentoren. Hier bekomme ich wertvolles Feedback“, sagt Wiens. Sie will im Camp Input von anderen Jungunternehmerinnen und -unternehmern bekommen, um diesen mit in bevorstehende wichtige Gespräche zu nehmen – vor allem mit Produzentinnen und Vertrieblern. Unterdessen bedient sie den Ofen: Schon früh morgens riecht es in der ganzen Küche nach Schokoladenkeksen. Nervennahrung für das gesamte Team.

Nervennahrung, die auch Adrian Ballosch, Modelscout und Gründer von Pola, braucht. Denn Ballosch befindet sich gerade in einer öffentlichen Pre-Seed-Runde, mit dem Ziel, 500 000 Euro einzusammeln. Sein Startup Pola ist aus Balloschs Vergangenheit als selbstständiger Fotograf, Model und Modelscout entstanden. „Models – ich nenne sie lieber Content Faces – haben es extrem schwer, gescoutet zu werden. Ich will ihnen einen einfacheren Einstieg ermöglichen“, sagt er. Und das mit Pola, einer App, mit der Balloschs sogenannte Content Faces ihre eigenen Setcards erstellen können – mit dem Ziel, sich von dem typischen Schönheitsideal zu entfernen, das teilweise immer noch mit der Bezeichnung Model assoziiert wird.

Seit dem Launch Anfang des Jahres konnte Pola schon über 7 000 Menschen gewinnen, die App hat es bereits auf Platz 18 der deutschen App-Store-Charts geschafft. „Ich habe durch mein Startup gemerkt, wie mächtig Social Media für junge Gründerinnen und Gründer sein kann. Ich bin hier, um den anderen dieses Learning mitzugeben“, sagt Ballosch.
Learnings, von denen wiederum auch Luis Weber profitieren kann. Weber hat in Freiburg Bav Solutions gegründet. Das Techunternehmen soll die betriebliche Altersvorsorge demokratisieren. „Wir bilden die Schnittstelle zwischen Arbeitgeber, Versicherungspartner und Arbeitnehmer mit dem Ziel, Altersvorsorge sexy und einfach zu gestalten“, sagt Weber. Weber will damit kein Lifestyle-Produkt bieten, sondern eher eine Plattform für ein Thema, das für immer mehr junge Menschen in den Mittelpunkt rückt. Er betrachtet die Zeit in Barcelona als ein Geben und Nehmen von Wissen.

Auch Verena Hauser setzt im Camp auf die Expertise der Mentorings. Ihr Ed-Tech-Startup Sklls soll Personalentwicklung individuell gestalten, komplett mit digitalem Businesscoach namens Sally, die per Livechat Q&A-Sessions anbietet, um persönliche Stärken und Schwächen zu ermitteln. Nach einer erfolgreichen Seed-Finanzierungsrunde will die Gründerin mit Sklls nun weiter durchstarten, das Camp soll ihr Inspiration geben. Gute Voraussetzungen: „Ich habe hier Abstand von meinem Alltag und gleichzeitig viele schlaue Köpfe um mich herum“, sagt sie.

Mit den „schlauen Köpfen“ meint Hauser nicht nur die anderen Gründerinnen und Gründer, sondern vor allem die sieben angereisten Mentorinnen und Mentoren, die einen bunten Strauß Wissen ins Camp tragen: einerseits notwendige Know-how-Evergreens wie Marketing und Steuern, andererseits das Gegenwartsthema Personal Branding und natürlich den leicht therapeutisch klingenden Startup-Mindset-Klassiker „positiv scheitern“.
„Das hier ist wie Gruppentherapie“
Letzterer wird von einer Alumna geleitet, und damit kann Lexrocket schon den eigenen Anspruch an Netzwerkaufbau erfüllen. Denn Mentorin Carina Frings hat 2018 Udo gegründet, ein Startup für einen Mehrwegdeckel, der Gläser und Tassen in To-go-Becher verwandelt. Als sie 2018 als Teilnehmerin im Camp ankam, habe sie sich wie bei der Casting-Show „Der Bachelor“ gefühlt, sagt sie.
Immer wieder blitzen Parallelen zu TV-Formaten auf. Nicht ganz abwegig: Fremde Menschen treffen mit Koffern in einer Villa ein, um 14 Tage voller unbekannter Herausforderungen zu meistern. „Das kann auch mal anstrengend sein, aber es schweißt enorm zusammen“, sagt Frings.
Sie kann mittlerweile vor allem den Weg als Gründerin mitfühlen – ergo ihr bereits angesprochener, hoffnungsstiftender Programmpunkt „Positiv scheitern“. Darin sollen sich alle gegenseitig mit Worten beschreiben, sich einander vorstellen und darauf Feedback geben. Es kullern sogar ein paar Tränen. „Das ist hier wie Gruppentherapie“, sagt eine der Teilnehmerinnen. Frings will, dass niemand angibt oder Emotionen überspielt, es soll eine ehrliche Feedbackkultur herrschen. Sie sagt: „Ich weiß, das hier ist anstrengend, aber ich sage euch, ihr werdet heute Nacht gut schlafen können.“
Viel mit Party ist hier im Camp in Barcelona aber eh nicht. Meist geht es vor Mitternacht ins Bett, damit frühmorgens mit frischem Kopf weitergearbeitet wird. Es gibt Kaffee, Tee, Müsli, Brot und Ei. Alle gehen ihren Tag durch: Gründerin Karl erzählt, dass bei ihr heute wichtige Calls anstehen. Weber hakt nach, fragt, ob er unterstützen kann, ein Mentor gibt ihr später konkrete Tipps, um die Calls mit potenziellen Investorinnen zu meistern.

Die Workshops finden überwiegend in der Villa statt, einer jedoch wird ausgelagert: Die Gruppe fährt mit dem Taxi durch die City von Barcelona, an der Sagrada Família vorbei, Richtung Strand. Frühlingshafte 20 Grad Außentemperatur, man macht es sich auf Handtüchern am Strand bequem, um gleich mehr über Personal Branding zu erfahren. In der Luft der leichte Geruch von Sonnencreme und Salzwasser. Die Wellen brechen, die Möwen schreien. Dann beginnt der Workshop – mit einer Achtsamkeitsübung.
Später wird es richtig inhaltlich, es wird sich an den großen W-Punkten entlanggehangelt: Was kann ich? Was will ich lernen? Wobei brauche ich Hilfe? Wobei kann ich helfen? Es wird in Smartphones getippt und auf Notizblöcke geschrieben. Eine gute halbe Stunde wird konzentriert gearbeitet, dann unterbricht ein Regenschauer die Ruhe.
Generell spürt man, dass die Gruppe ihre Mentorings immer etwas sacken lassen muss. Gut, dass die Stadt und ihre Angebote unmittelbar greifbar sind.
„No Risk No Fun“
Es ist ein milder, leicht bewölkter Nachmittag. Das Camp hat sich versammelt, um der geplanten Activity nachzugehen: Skaten. Es geht dazu in eine Anlage im Norden der Stadt, die an einen Wald angrenzt. Die beiden Trainer sehen in ihren Hoodies und Caps aus wie frisch aus Venice weggeholt.
Sie begrüßen das Camp und statten alle mit Helmen und Boards aus. Aber es wäre kein Camp-Programmpunkt, wenn nicht auch hier die große Lektion lauern würde: „Skaten ist wie das Leben selbst: Du fällst ständig und musst trotzdem wieder aufstehen“, sagt einer der beiden Trainer, der auf seinem Unterarm „No Risk No Fun“ tätowiert hat.
Und die Ansprache scheint zu wirken, wenn auch nicht auf der Ramp oder in der Halfpipe: Denn nach ein paar Skate-Versuchen sitzen Karl und Hauser mit Mentorin Frings am Rand – und sprechen übers Scheitern. Mitten im Skatepark wird über erlebte Insolvenz und die damit einhergehende Scham geredet und warum es wichtig ist, sich davon nicht runterziehen zu lassen. „No Pain No Gain“ eben, aber das sieht man hier noch nicht als Tattoo.

Die anderen Tage laufen ähnlich als Wechsel aus Tagesgeschäft, Workshop und Fun ab. Nur das Wochenende – es ist immerhin ein europäisches Programm, kein Valley-Crashkurs – bleibt weitestgehend arbeitsfrei. Verständlich: Die Gruppe wird später daheim noch ausreichend Gelegenheit haben, den Willen zum Hustle unter Beweis zu stellen.
Und die Wochenenden sind tatsächlich eher Auszeiten: Am Samstag steht zum Beispiel eine mehrstündige Wanderung auf den Montserrat an, eine Gebirgskette nahe Barcelona, von der man einen weiten Blick über die katalanische Provinz hat. Am Sonntag dann eine Fahrt mit einem Heißluftballon.
Challenges, um weiter zu wachsen
Man versteht langsam, warum Meng und sein Team sich durch immer mehr Bewerbungen für das Camp pflügen müssen. Die Ballonfahrt wird in der Gruppe als echtes Highlight gewertet. Gründer Ballosch sagt: „Für mich ist dieses Format Gold wert, weil man in recht kurzer Zeit das soziale Defizit, das es durch die Pandemie gibt, wieder füllen kann.“
Was beim Aufholen des sozialen Defizits allerdings dann auch vorprogrammiert ist: Reibereien, Diskussionen. Abmachungen werden nicht immer eingehalten, hier und da treten Missverständnisse auf, die beigelegt werden müssen. Meng sieht das nicht unbedingt negativ, er sagt: „Genau solche Reibereien fördern die Energie.“ Als Gründerin und Gründer sollte man sich ohnehin daran gewöhnen, es kommt mit der Rolle, in der man sich befindet. „Immer wieder gechallengt zu werden ist der beste Weg, um zu wachsen“, sagt auch Ballosch.
Er steht auf der Dachterrasse der Villa, trägt eine große Sonnenbrille, ein Muss bei der Nachmittagssonne, die hier jeden Tag auf die Terrasse knallt. Sein Blick geht runter zum Pool, wo es sich die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemütlich gemacht haben. Die einen natürlich wieder mit Coke Zero in der Hand, die Beine im Wasser, die anderen mit Laptop im Schoß im Schatten der Bäume.
Bald geht die Sonne in Barcelona unter, ein paar Tage haben die Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer noch vor sich. Ein paar Tage an Ideen feilen, an Pitch-Decks schreiben. Zu üben, wie man das anstellt: über sich hinauswachsen. Und natürlich noch Zeit, Beziehungen aufbauen. Beziehungen, die im besten Fall lange halten. Länger jedenfalls als diese Klassenfahrt der Startup-Szene.
![]() | Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 3/22. In unserem Dossier dreht sich dieses Mal alles um das Thema Climate-Tech. Auch mit dabei: Wie der Head of Hiphop dem Streamingriesen Apple Music endlich eine junge Zielgruppe zuführen soll. Außerdem: Was passiert im Super Startup Adventure Camp Barcelona? An welcher veganen Alternative arbeitet das Food-Tech-Startup Perfeggt? Und vieles mehr. Hier geht es zur Bestellung |
