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15 Milliarden: Ein neues Playbook soll Deutschlands Startup-Finanzierung verändern

Katherina Reiche
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Lesezeit3 Min · 626 Wörter

24 Fonds fordern 15 Mrd. Euro Risikokapital jährlich für deutsche Startups. Ohne privates Kapital verliert Deutschland den Anschluss – Biotech zeigt, wie es läuft.

Zwei Prozent. So viel müssten deutsche institutionelle Investoren ihres verwalteten Kapitals in Wagniskapitalfonds stecken, um Deutschlands chronische Finanzierungslücke zu schließen. Stattdessen parken sie Billionen in Anleihen und Aktien – während vielversprechende Technologieunternehmen mangels Kapital entweder stagnieren oder ihre Börsengänge an der Nasdaq in New York feiern. Das ist kein Naturgesetz, sondern eine politische und strukturelle Entscheidung mit konkreten wirtschaftlichen Folgen.

Playbook mit Regierungsrückendeckung

Das neu gegründete German Venture and Growth Forum, ein Zusammenschluss von 24 Wagniskapitalfonds darunter HV Capital, Earlybird und Project A, hat ein Strategiepapier ausgearbeitet, das am Montag im Beisein von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in Berlin vorgestellt wurde. Kernforderung: 15 Milliarden Euro jährliches Risikokapital für deutsche Startups. Das Papier wurde in Berlin im Umfeld der SuperReturn-Konferenz präsentiert. Die Botschaft richtet sich nicht an den Staat, sondern an Vermögensverwalter, Versicherungen und Pensionsfonds.

Laut Manager Magazin argumentiert Techinvestor Alexander Kudlich, die wachsende Wirtschaftslücke zwischen den USA und Europa gehe zu einem großen Teil auf den Mangel an Wachstumskapital zurück. Das Argument ist nicht neu, aber die Zahlen dahinter sind es wert, ernst genommen zu werden. Europäische Venture-Capital- und Wachstumsfonds erzielten in den vergangenen zwei Jahrzehnten annualisierte Nettorenditen von 14 bis 18 Prozent – deutlich mehr als klassische Anlageklassen. Wer also behauptet, Risikokapital sei zu riskant für institutionelle Investoren, ignoriert schlicht die Renditedaten.

Das Biotech-Desaster als Beweis

Keine Branche illustriert das Versagen besser als Biotech. 2025 brach das Wagniskapital für deutsche Biotechfirmen um ein Drittel auf 601 Millionen Euro ein. Der Gesamtumsatz der Branche sank auf 12 Milliarden Euro, Forschungsausgaben wurden gekürzt, und kein deutsches Biotechunternehmen schaffte im vergangenen Jahr einen Börsengang am regulierten Markt einer deutschen Börse. Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland, bringt es gegenüber dem Manager Magazin auf den Punkt: „Deutschland hat ein Problem mit der Wertschöpfung von biotechnologischen Erfindungen und Entwicklungen. Die wissenschaftliche Exzellenz ist unbestritten, doch sie führt bislang nicht im gleichen Maße zu wirtschaftlicher Stärke.“ Biontech ist das bekannteste Beispiel: Weltbekannte Technologie, Börsengang an der Nasdaq. Das Kapital, das in Deutschland hätte bleiben können, fließt in amerikanische Märkte. Klaus Ort, Senior Partner bei EY-Parthenon, weist darauf hin, dass Börsennotierungen den Zugang zu Kapital erheblich erleichtern und Folgefinanzierungen ermöglichen – ein Kreislauf, den Deutschland schlicht nicht bedient.

Wer das Geld hat – und warum er es nicht gibt

Das eigentliche Ziel der Initiative sind Europas große Vermögensverwalter. Allein die beiden Investmentgesellschaften der Allianz betreuten Ende des ersten Quartals über 2 Billionen Euro Kundengelder. Martin Blessing, ehemaliger Commerzbank-Chef und Mitautor des Strategiepapiers, schreibt darin, es mangele in allen Wachstumsphasen schnell skalierender Techfirmen an Finanzmitteln. Das Problem ist strukturell: Banken dürfen keine übermäßigen Risiken eingehen, Vermögensverwalter scheuen Wagniskapital aus Gewohnheit und Regulierung. Rüstungs-Startups finden derzeit mühelos Investoren – alle anderen kämpfen.

Business Punk Check

Hier ist die unbequeme Wahrheit hinter dem Strategiepapier: Ein Playbook löst kein strukturelles Problem. Die 24 Fonds haben ein Dokument vorgelegt, das institutionelle Investoren zu etwas bewegen soll, das diese seit Jahrzehnten verweigern – nicht aus Unwissenheit, sondern weil Regulierung, Haftungsrisiken und Quartalsdenken dagegensprechen. Zwei Prozent klingt nach wenig, ist aber ein kultureller Wandel, den kein Strategiepapier erzwingen kann.

Was fehlt, ist ein konkreter regulatorischer Hebel: Steuerliche Anreize für Wagniskapital-Investitionen, angepasste Solvency-II-Regeln für Versicherungen oder ein staatlicher Co-Investment-Mechanismus. Ohne diese Instrumente bleibt das Forum ein gut gemeinter Appell. Wer wirklich etwas verändern will, muss in Brüssel und Berlin Gesetze ändern – nicht in Berlin Papiere präsentieren. Für Startups gilt: Wer auf den deutschen Kapitalmarkt wartet, wartet zu lange.

Quellen: Manager Magazin, FAZ

Martin Wald

Tech & Security

Martin Wald analysiert die Schnittstelle zwischen Geld, Macht und Alltag. Seine Themen reichen von Rente, Sozialstaat und Gesundheit bis zu Wirtschaft, Märkten und technologischen Umbrüchen. Er zerlegt politische Entscheidungen, Urteile und Trends auf ihre ökonomischen Folgen und macht sichtbar, wer gewinnt, wer verliert und wo Risiken liegen. Der Blick ist pragmatisch, pointiert und nutzenorientiert. Keine Wohlfühltexte, sondern Einordnung für Menschen, die verstehen wollen, wie Systeme funktionieren und was das für ihre Entscheidungen bedeutet.