Aufzeichnungen aus dem Funkloch

Und worum geht es in deinem neuen Buch?“, fragt Oma, als ich meine Arbeitsmaterialien in ihrer Küche ausbreite. Ich bin zu Besuch aus der entfernten Hauptstadt und hab mir Arbeit ins Ruhrgebiet mitgebracht. Weil: Ich kann ja überall arbeiten. Und muss es am Ende wegen falsch eingeschätztem Arbeitsaufwand und zu knapp gesetzter Deadlines oft auch. Ich sehe auf meinen Sex-Roman, in dem ein zu häufiger Gebrauch des Wortes „Schwanz“ nach mehr Gebrauch der Synonymwörter-App schreit, lächle und sage: „Liebe.“ Oma findet das schön und kocht mir Kaffee. Sie hat auch Sojamilch. Kein Internet im Haus, aber Sojamilch. Ich freue mich, das hätte sie ja nicht extra wegen mir … sie unterbricht mich. Seit Opa Yoga macht, trinkt er auch Sojamilch und schreibt heimlich Tofu auf den Einkaufszettel. Opa ist deshalb auch sehr entspannt, als er ein paar Minuten später zu uns stößt. Er macht, sagt er, „noch etwas mit der Energie“ im Raum, und ich habe große Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren.

Ich muss den Roman noch einmal durchkorrigieren, morgen ist Abgabe. Opas Geschichte über Katzen, die sich in einer Wohnung nicht selbst entstrahlen können und deshalb immer Freigang brauchen, lenkt mich ab. Außerdem gibt es hier im Erdgeschoss nicht mal 3G, was die Nutzung der Synonym-App erschwert.

„Opa, hat deine Yoga-Pose vielleicht auch Macht über das W-Lan der Nachbarn?“ Er sieht mich verständnislos an, was aber weniger daran liegt, dass er ein Digital Alien ist, als daran, dass W-Lan Strahlung ist. Die sei für mich noch ungesünder als für Katzen, und so viel könne ich ja gar nicht spazieren gehen, um das alles zu entstrahlen, und überhaupt, am Computer fände man ja gar keine Beschaulichkeit. Und Beschaulichkeit sei ein Lebensziel.

Ich schließe meine Sex-Roman-Datei, öffne ein neues Dokument und schreibe ein Exposé für einen satirischen Roman über eine Freigängerkatze, die gegen W-Lan-Strahlung und für Tofu-Tiernahrung kämpft. Das Einzige, was noch besser läuft als Erotik, sind schließlich Katzenbücher. Kriegt der Verlag morgen eben das. Vorausgesetzt, ich schaffe es, hier einen Hotspot hochzuziehen.

Die Kolumne von Anna Basener stammt aus der aktuellen Business Punk. Titelstory: Arsch hoch! Das Fitness-Startup Freeletics predigt die gnadenlose Selbstkontrolle – und hat damit irren Erfolg. Dazu unser Dossier Sporttech und viele weitere Themen. Infos gibt es hier.

Text: Anna Basener
Illustration: Daniel Ramirez Perez


Anna Basener

Anna Basener ist Schriftstellerin und Arbeitsplatznomadin. Früher war sie laut der ZEIT die erfolgreichste Groschenromanautorin Deutschlands, heute schreibt sie Essays und Hörspiele, Erotikromane und ihr literarisches Debüt für den Eichborn Verlag. Anna Basener lebt in Berlin.

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