5 Einwände deiner Mutter, warum du nicht im Marketing arbeiten solltest

„Erzählt Mutter bitte nicht, dass ich in der Werbung arbeite – sie denkt, dass ich Klavier im Bordell spiele.“ Das ist der Titel eines Buchs von Oberwerber Jacques Seguela, und, jaja, das kennst du natürlich, wenn du etwas mit Marketing machst. Im Buch erzählt der Franzose über seine Real-Life-Erfahrungen als Don Draper. Guter, reiner Stoff von damals, Pflichtlektüre für alle, die noch nicht genug an der Welt leiden.

Wenn du den Satz aber noch nicht kennst, dann spürst du wahrscheinlich, dass er einer Logik folgt. Dass der Satz deinem Bauchwissen zufolge irgendwie nach Norden zeigt. Dem Bauchwissen, das du über die Arbeitswelt hast. Woher kommt das? Nun, wie die meisten Sachen, über die du intuitiv und reflexhaft urteilst, kommt das aus der Urzeit deines Wesens. Und wer war damals die Meinungsmaschine Nummer eins? Richtig: Mama.

Und die hatte zu vielen Dingen eine starke Meinung. Unter anderem dazu, welchen Beruf du später einmal ausüben kannst und sollst. Ganz oben auf ihrer Liste: Arzt. Eventuell noch Notar, das ist immerhin Rechtsanwalt in nett. Viel weiter unten: Barkeeper. Straßenreiniger. Was mit Medien. Marketing. Aber was genau waren das für Einwände gegen deinen jetzigen Job?

1 Marketing ist unseriös

Eigentlich kennt deine Mutter den Begriff Marketing erst, seitdem sie Ende der Neunziger von gutgelaunten Typen auf dem Festnetz angerufen wurde, die mit ihr eine Umfrage machen wollten oder fragten, ob sie mit dem Fernsehzeitschrift-Abo zufrieden war und ob sie nicht noch zusätzlich die TV Movie abonnieren wollte. Das ist natürlich nicht das Aushängeschild der Zunft.

Und ist das nicht seltsam? Die Frau, die sonst zu allem nein sagen konnte, bekam dann plötzlich Woche für Woche bunte Zeitschriften zugeschickt. Das ist eigentlich – wenn überhaupt – ihre Schuld, aber na gut. Mit solchen Argumenten kommst du ja erfahrungsgemäß nicht sehr weit.

Und was soll das schon heißen – unseriös? Ist das Rechtswesen seriös? Weiß sie, mit welchen Mitteln sich Ärzte für ihre Marathonschichten im Krankenhaus fit halten? Unseriös ist ein sehr verschwommener Begriff. Eben auch nur Bauchwissen, aber viel uneleganter formuliert, viel zu sehr erste Ebene, viel zu sehr Backofen, Einfamilienhaus, Erlangen oder Esslingen – genau: die Hölle. Dem muss man schon aus Prinzip widersprechen. Sorry, keine Chance. Nächstes Argument, bitte.

2 Marketing ist Prostitution

Das hat deine Mutter gesagt, weil sie in der Fußgängerzone von deiner Heimatstadt von irgendeinem hungrig aussehenden Hansel zum Gelben Strom überredet werden sollte. Deine Mutter sieht Guerilla-Teams im Regen und denkt, das sei Marketing. Dabei hat Marketing viele Facetten: Datenanalyse, Strategien, die du mithilfe dieser Daten ausheckst. Den Markt beobachten und dann ninjamäßig sich in die Nische schleichen. Du hast doch bitte Sun Tzu gelesen, oder? Gut. Und dann? Tja, dann wird das Yello-Strom-Team auf die Piste geschickt. Und du gehst mit und musst mit Flyer verteilen, weil Aushilfe Tobi sich krank gemeldet hat. Shit, das ist aber richtig übel gelaufen. Hoffentlich sieht deine Mutter dich nicht.

3 Du schlidderst in Alkohol und Drogen ab

Hey, wenn du an einem Job in Marketing interessiert bist, steht Verdacht zu der Annahme, dass du da schon längst drin bist. Stichwort Huhn und Ei. Aber an einem Punkt muss sie ja Recht behalten.

4 Du sitzt nur im Büro rum

Was? Eben noch hieß es doch, dass du draußen mit der Drückerkolonne unterwegs bist. Und jetzt soll das Gegenteil ebenfalls vom Nachteil sein? Was macht denn bitteschön ein Notar den lieben langen Tag lang? Squats im Park? Puh, deine Mutter hat rhetorisch doch einiges mehr auf der Pfanne als du angenommen hast.

Jedenfalls solltest du dich damit anfreunden können, lange Stunden vor dem Monitor zu verbringen. AdWords, AdSense und andere Tools wollen bedient werden, Excel-Sheets warten auf deinen Input. Die Texter müssen für die 1000-Wörter-SEO im Footer wissen, ob das Longtail-Keyword jetzt „Beste Restaurants Berlin“ oder „beste Restaurants in Berlin“ heißen soll. Guck mal lieber bei der Search Volume nach, das kann oft auch abhängig von der Uhrzeit – liest du das hier gerade noch? Arbeitest du nicht auch nebenbei an einem Buch? Dem Werk, das deine Generation definiert und mit gnadenlosem Blick seziert wie noch niemand zuvor? Wissen wir, wissen wir. Viel Erfolg! Deine Mutter wird stolz sein.

5 Du verdienst nicht genug Geld

Wie immer trifft das nur auf die Junior-Position zu. Deine Mutter war eben nie dabei, als in Hamburger Agenturen auf den Weihnachtsfeiern Geldscheine verteilt wurden, bündelweise. Du warst zwar auch nie dabei, aber die Mythen werden ehrfürchtig weitererzählt. Sie weiß nicht, was für ein Auto dein Chef Tag für Tag vor dem Büro parkt. Sie kennt nicht das Boni-System deiner Firma, das dich großzügig für erfolgreiche Kampagnen entlohnt. Das muss sie dir einfach glauben: Man kann irre reich werden. So reich, dass man sich mirnichtsdirnichts eine Rolex besorgt. Nachteil: „Jeder hat eine Rolex. Wer mit 50 noch keine Rolex besitzt, der hat sein Leben verfehlt.“ Nicht unsere Worte – sondern wieder mal die von Jacques Seguela. Der Mann weiß ganz eindeutig, worauf es ankommt. Und was für eine Uhr trägt deine Mutter? Etwa immer noch die mit Ernie und Bert als Zeiger? Das behältst du aber vielleicht lieber für dich. Man muss ja nicht immer gewinnen.


Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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