Warum ein Studium nur halb so wichtig ist

Bachelor. Master. Diplom. Promotion. Dass viele Deutsche “zertifikatsgeil” sind, ist kein Geheimnis mehr. Unser Land hat den großen Vorteil kostenloser Bildung – nicht nur für deutsche Bürger, sondern auch für alle Menschen, die sich für ein Studium in Deutschland entscheiden. Viele deutsche Studenten beschweren sich selbst über den Semesterbeitrag, welcher meistens nicht mehr als 500€ im Durschnitt ist. Verglichen zu den $60.000, die man an manchen Unis in den Amerika pro Jahr bezahlt, ist Studieren in Deutschland ein Schnäppchen. Dieses Privileg führt jedoch in der deutschen Studentenkultur auch dazu, dass geschoben, geschwänzt und (vielleicht auch zu viel) gefeiert wird.

Ich bin Studentin in Deutschland und absolviere gerade ein Auslandsjahr an einer der Ivy-League-Universitäten in den USA. Durch meine Erfahrung hier habe ich erkannt, dass ein Studium in Deutschland wirklich mehr geschätzt werden sollte – nicht von den Firmen, sondern von den Studenten. Man hat Zeit, so viel Zeit wie man im Berufsleben nie hätte, aber nutzt man diese Zeit auch wirklich effektiv? Jeder Student hat sich bewusst für einen Studiengang eingeschrieben, wobei viele Studenten ein großes Interesse für ihren Studiengang haben und manche sogar konkrete Ziele für die Karriere nach dem Studium. Doch trockene Vorlesungen alleine haben noch keinen CEO zum CEO gemacht, denn es kommt viel mehr auf die zusätzliche Erfahrung an, die man während des Studiums sammeln kann. Was also spricht dagegen, seiner Karriere einen kleinen “push” zu geben?

Die Antwort: gar nichts. Durch ehrenamtliche Tätigkeiten an oder außerhalb der Uni, sinnvolle Nebenjobs (also nicht kellnern), Konferenzen, Präsentationen, vielleicht sogar die Gründung eines Non-Profits oder Firma erweitert man nicht nur persönliche Fähigkeiten, sondern man lernt auch die ein oder andere Person kennen, welche einem später im Berufsleben weiterhelfen könnte. Networking ist immer noch das A & O, daher sollte man früh genug damit beginnen, wenn man für sich selbst wirkliche Ziele gesetzt hat. Die größte Herausforderung hierbei ist jedoch die eigene Interesseskenntnis – wer weiß schon mit Mitte 20, was die eigenen Werte und Vorstellungen sind? Reicht es heutzutage noch, sich auf die Uni und auf die gewählten Kurse zu verlassen? “Mir wird bestimmt durch meine Kurse klar, was mir gefällt und was nicht” – jein. Leider entsprechen viele Kurse der Uni nicht der Realität (“Realität aus, Theorie an”) und zum Anderen gibt es noch viele, viele andere Bereiche in diversen Branchen.

“Aber ich bin doch sowieso schon im Unistress!” – das heißt in Deutschland ein paar Vorlesungen die Woche und nach vier Monaten eine Prüfung pro Kurs. Wenn man davon ausgeht, dass der durchschnittliche deutsche Student jedoch nur ca. 30-31 Stunden pro Woche studiert, bleibt genug Zeit dafür, die Marke “Ich” zu formen und zu vermarkten. Die gesamte Woche hat 168 Stunden, was bei 7 Stunden Schlaf noch 119 wertvolle Stunden für eigene Projekte bringt. Man kann sich natürlich ein einfaches Leben machen und den ganzen Tag am See verbringen, aber ist 120 Minuten pro Tag für seine Zukunft zu investieren zu viel verlangt?

Ein Trade-off sind hierbei die eigenen Noten im Studium, denn wenn man mehr Energie in eigene Projekte steckt, bleibt weniger Zeit für die Prüfungen übrig – aber wen würde man eher zum Vorstellungsgespräch einladen: a) einen typischen 0815 Studenten mit einem 1,x Schnitt oder b) einen Studenten, der seiner Leidenschaft nachgeht und das auch durch Erfolge zeigen kann, auch wenn er/sie nur einen 2,x oder gar 3,x Schnitt hat? Den letzteren. Firmen stellen Mitarbeiter ein, um ein bestimmtes Problem innerhalb der Organisation zu lösen. Ein Student mit Ehrgeiz und Durchhaltevermögen für praktische Tätigkeiten kann somit wirkliche Bespiele geben, wie er/sie zur Lösung x für Problem y gekommen ist. Des Weiteren gibt es einem selbst die Möglichkeit, einen bleibenden Eindruck bei der Firma zu hinterlassen, da nicht mehr der Stempel “Student mit 1,x Schnitt” sondern z.B. “Student, der sein eigenes Non-Profit während des Studiums gegründet hat” vergeben wird.

Ich habe das nach meinem ersten Semester gelernt. Ich wollte meine 3,5 Jahre  im Bachelor sinnvoll gestalten, denn ich habe erkannt, dass mir meine Vorlesungen nur ein Fundament für meine Zukunft bringen. Zwei Jahre ist es her, als ich mir zum Vorsatz genommen habe, vor nichts Angst zu haben und jede Chance die ich bekomme, wahrzunehmen – auch wenn sie noch so groß und zeitaufwendig war. Es ist außerdem zwei Jahre her, als ich mir nicht mal erträumen konnte, bei den großen Technologiegiganten mitzuspielen. Wenn man einmal beginnt, sich in seine Karriere reinzuhängen, wird man süchtig. Man sieht, wie schnell sich die eigenen Zielsteine gegenseitig anstoßen und in einer Kettenreaktion enden. Wenn man einmal in den Rauschgenuss des Karriereerfolgs kommt, kann man nicht anders, als noch mehr erreichen zu wollen.

Die eigene Unistadt ist eine Insel. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten in ganz Deutschland oder sogar im Ausland, um sich einen Namen zu machen und sich für diverse Projekte zu engagieren. Sicherlich wird es viele Studenten geben, welche mit ihrem aktuellen Lifestyle zufrieden sind, aber wir sind die Generation, die die Zukunft verändern wird – warum nicht jetzt schon damit anfangen?


Maria Hollweck

Maria ist derzeit Studentin der Wirtschaftsinformatik und lebt in New York City. Sie will die männerdominierte IT-Welt auf den Kopf stellen und hält deshalb Vorträge, um mehr Frauen für die Informatik zu begeistern. Software-Praktikantin bei Facebook. JavaScript-Lover. Equalist statt Feminist.

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