Amy Schumer: Dating Queen of Comedy

Wann ist eigentlich mal Schluss mit lustig bei Amy Schumer? Gar nicht. Nie. Schumer ist always on, neuestes Opfer: Katie Couric, die Nachrichtensprecherin, die in den USA eine Spielart des deutschen Ulrichwickerttums ist – eine Institution, die für Seriosität und Vertrauen steht. Couric also fiel Schumer bei den Women of the Year Awards der Zeitschrift „Glamour“ förmlich um den Hals: „I just love you“, sagte sie. „I love humor.“ Später saßen sie bei der Verleihung nebeneinander. Als Couric mal eben aufstand, griff sich Schumer kurzerhand deren Handy und schrieb dem Ehemann der Nachrichtenfrau eine SMS. „I wanna have anal tonight“, stand darin. Zum Glück mag die Frau Humor. Behauptete sie zumindest.

Von Gretl zu Amy

Für diese Art zupackenden, robusten Witz braucht man eine gewisse Furchtlosigkeit. „Seltsamerweise hatte ich die schon immer“, sagt Schumer. „Schon als kleines Mädchen. Ich habe mir das länger bewahrt als andere. Zum Glück! Denn niemand ist furchtloser und selbstbewusster als ein kleines Mädchen. Man hat noch keine Ahnung von den Geschlechterkonventionen, die unsere Gesellschaft bereithält.“
Aktuell läuft „Trainwreck“ (Deutsch: „Dating Queen“) im Kino, Hauptrolle und Drehbuch: Amy Shumer. Von ihrem ersten eigenen Film erzählt sie an einem warmen Tag in Studiohalle 42 der Universal Studios in Los Angeles. „Dating Queen“ ist ihr Baby, wie schon die Serie „Inside Amy Schumer“, mit der sie in den USA eine Konsensfähigkeit bei Comedy-Gourmets erreicht hat, wie sie derzeit sonst nur John Oliver vorbehalten ist.

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Nervös wirkt sie nicht gerade, aber etwas abwartend, als könne sie sich noch nicht ganz entscheiden, ob sie das Gespräch gnadenlos ehrlich und ernst führen soll oder doch eher im Stil einer süffisant-ironischen Schumer-Show. Es ist ein vertrauter Zwiespalt, so wie auch die Sache mit dem Lustigsein erst mal als Missverständnis begann : „Erste Klasse, und ich war als Gretl in einer Aufführung von ‚The Sound of Music‘ mit dabei. Jedes Mal, wenn ich die Bühne betrat, fing das Publikum an zu lachen. Das machte mich richtig wütend. Ich dachte natürlich, dass die Leute mich alle auslachten. Aber am Ende erklärte mir jemand, dass im Gegenteil meine Auftritte volle Erfolge waren: Das Lachen heißt, dass du lustig bist und die Leute dich lieben, weil du sie glücklich machst. Das gefiel mir natürlich, also habe ich dieses Talent irgendwann auch kultiviert.“
Alte, viel zitierte Woody-Allen-Weisheit: Wenn man als jüdischer Mensch in NYC aufwächst, dann hat man nur zwei Möglichkeiten: Wall Street oder Comedy. Für Schumer ergab sich die Entscheidung eher zufällig: „Eines Tages lief ich an einem Comedy-Club vorbei, der mit einem Plakat verkündete, dass man sich bei ihnen auf der Bühne versuchen dürfe, sofern man mindestens vier zahlende Gäste in den Laden bringe. Vier Leute? Für eine New Yorkerin kein Problem.“ Und die Performance selber? „Stand-up-Comedy ist noch mal eine ganz eigene Nummer. Und die hat vor allem einen Haken: Am Anfang verkackt es jeder. Niemand ist auf Anhieb gut auf einer solchen Bühne. Ganz im Ernst, die ersten fünf Jahre ist da jeder schlecht. Das heißt: fünf Jahre lang jeden Abend etwas vor Publikum tun, in dem man schlecht ist.“

Sprachrohr für Frauen? „OK.“

Ganz so schlecht kann es nicht gewesen sein. Denn Comedy, so lehrten uns schon Thomas Bernhard und Woody Allen, speist sich oft genug vor allem aus Tragik. Als Schumer neun Jahre alt war, ging ihr Vater mit seiner Firma für Kleinkindmöbel pleite, die Familie war bankrott. Dazu kam, dass dem Vater noch Multiple Sklerose diagnostiziert wurde. „Ich habe einfach, auch zu Hause als Kind, immer gelernt, dass das Leben voller Tragik und Gestörter ist“, sagt die nun gnadenlos ehrliche Schumer. „Unsere Art, damit umzugehen, war immer Humor. Wir lachen darüber, dass immer alles noch schlimmer kommen kann als befürchtet. So habe ich gelernt, die eigenen Unsicherheiten und Ängste zuzugeben.“

Dabei steht Amy Schumer in den USA vor allem für das Gegenteil von Unsicherheit und Ängsten – nämlich für ein großes, weibliches Selbstbewusstsein. Die Themen Gender und Weiblichkeit sind zentral für den Witz in den Clips ihrer Show „Inside Amy Schumer“, sie wird allerorten als Speerspitze feministischer Comedy gehandelt. „Speerspitze? Da bin ich nicht sicher. Aber feministisch auf jeden Fall. Dass man mir dieses Label verpasst hat, ist überhaupt kein Problem.“ Vorbilder hatte sie auch genug: „Lustige Frauen sind ja keinesfalls neu. Ich habe am häufigsten über Frauen gelacht, von Lucille Ball über Carol Burnett bis ‚Laverne & Shirley‘.“

Und ihr Film? In dem sie einen saufenden, vögelnden, zu erfolgreichen, nun, Proll spielt?
Schumer sagt: „,Trainwreck‘ ist eine Art Porträt meiner selbst von vor zehn Jahren. Da fühlte ich mich irgendwie überfordert und fing an, ein paar entscheidende Dinge über mich selbst zu erfahren. Und ich trinke nicht ganz so viel wie die Amy im Film. Ich habe auch nicht annähernd so viel Sex. Dazu fehlt mir einfach die Zeit.“ Der Feminismus in ihrem Werk wird niemals als solcher deutlich gemacht oder ausgestellt, sondern es ist die Haltung, das Selbstverständnis, wegen dem viele junge Frauen in den USA Woche für Woche vor „Inside Amy Schumer“ sitzen, wegen dem auch viele Männer Fans der Serie sind.

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Derzeit steht Schumer stellvertretend für ein Hollywood und eine TV-Welt, die sich langsam, aber sicher von tüchtig immerlächelnden Investmentvehikeln wie Julia Roberts und Halle Berry entfernen; Schauspielerinnen, die Karrieren auf dem Status quo einer Filmindustrie aufbauten, die mit ihren Rollenbildern noch tief in der Stummfilmzeit steckte. Schumer ist geschlechterübergreifend lustig in einer Welt, in der vor ihr oft genug bei jeder Leistung ihrer Protagonistinnen immer noch automatisch das nicht ausformulierte „… für eine Frau“ mitschwang.

Sex meistens schräg

Und jeder scheint mit ihr auf den Zug aufspringen zu wollen. „Glamour“ und „GQ“ hievten sie auf ihre -Cover, ihre Vorliebe für Sex-Gags und Physical Comedy scheinen gut zur Zeit zu passen. Schumer sagt: „Hand aufs Herz: In wessen Liebesleben passieren denn keine lustigen, absurden oder grauenvollen Dinge? Niemand spricht da gerne drüber, aber wenn man es doch tut, ist es brüllend komisch. Sex-Gags sind wirklich Ausdruck unserer ehrlichen Erfahrungen. Wir sind alle kleine Ferkel. Ich hatte in meinem Leben vielleicht mit zwei Dutzend Menschen Sex, und davon war es mit fünf wirklich gut und toll und schön. Mit allen anderen war es mitunter ganz schön schräg und seltsam. Dieses komödiantische Potenzial muss doch genutzt werden!“
Vielleicht liegt die ganz große Kunst – auch in der Comedy – in der Einfachheit, dem Simplen, dem Naheliegenden, wie es sich schon jüngst Louis CK und andere vor ihm mit Riesenerfolg zunutze gemacht haben: „Ich versuche immer zu zeigen, dass wir alle doch nur Menschen sind. Selbst das, was den einen schockt, ist für die andere vielleicht ganz normal.“
Gut, funktioniert. Sie hat Fans bei Entscheidern und in Chefetagen. Nicht umsonst hat man ihr neulich die Nachfolge der allseits geliebten TV-Ikone Jon Stewart angeboten, der die „Daily Show“ verlässt. „Das war das größte Kompliment, das ich je bekommen habe. Aber so eine Fernsehshow ist viel zu zeitaufwendig. Ich wollte mir nicht die Gelegenheit entgehen lassen, auch in Zukunft Filme zu drehen.“

Ehrlich gewinnt

Und die Sache mit Katie Couric? Halb so wild – von Schumers Seite aus. „Mein Herz ist am rechten Fleck, deswegen überstehe ich es, wenn ich auch mal jemandem auf den Fuß trete. Ich versuche also, mich davon nicht groß beeinflussen zu lassen und auf keinen Fall plötzlich gehemmt zu sein. Immer zu sagen, was ich denke, und über die Dinge zu sprechen, die mir am Herzen liegen – damit bin ich bislang gut gefahren.“ Schumer setzt dieses verschmitzte Lächeln auf, und man kann sich gut vorstellen, wie sich damals die Lehrer an der Highschool gefühlt haben müssen, als sie machtlos der mehrmaligen stolzen Trägerin der Jahrbuchtitel „Class Clown“ und „Teacher’s Worst Nightmare“ gegenüberstanden.
Klingt alles also gar nicht verkehrt für jemanden, der seinen autobiografischen Erstling „Trainwreck“ betitelt. Und überhaupt gibt es in der Geschichte wohl nur einen Verlierer. Denn irgendwie muss irgendwer endlich mal dem Gatten von Katie Couric die ganze Story beibringen. Der gute Mann wartet womöglich noch immer auf den Sex seines Lebens.

Der Text stammt aus der aktuellen Business Punk 04_2015. Titel-Thema: $UCCESS BY DRE – der Aufstieg des Hip-Hop-Moguls zum reichsten Rapper der Welt. Das brandneue Heft gibt es übrigens HIER!

Der Text wurde in Zusammenarbeit mit Patrick Heidmann geschrieben.


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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