Auf die Straße: Kondom-Startup „Einhorn“ sucht Feedback im nächtlichen Berlin

Das ehrlichste Produkt-Feedback? Spätnachts, von Enthemmten. Wir ziehen mit Einhorn zur Optimierung durch Kneipen in Kreuzkölln. 

Die Menschen, sie sind so schrecklich verschieden. Und doch hat sich allen entgegengesetzten Meinungen zum Trotz eine Ansicht durchsetzen und beharrlich halten können, nämlich jene, nach der Sex eine verdammt feine Sache ist. Ergo: Selbst wenn man an der WHU nur die Flure gewachst hat, kann man zu dem Schluss kommen, dass dieser Markt groß genug für einen weiteren Player ist. Genau darauf setzen Philip Siefer und Waldemar Zeiler, beide Anfang dreißig und Gründer von Einhorn, deren Kondome nachhaltig und vegan hergestellt sind, zudem wird ein großer Teil der Gewinne in Aufklärungsarbeit investiert.

Im Einhorn-HQ in Kreuzberg stapeln sich DHL-Kisten mit Felix-der-Hase-Aufdruck, in denen Einhorn diskret die Produkte verschickt. „Das Felix-Paket ist die neue Post aus Flensburg“, sagt Philip, während Mitgründer Waldemar Goodiebags stopft, damit wir genügend Kondome fürs Volk haben – das Nachtjackenvolk, das uns knallhartes Feedback zum Produkt geben soll. Als Erstes setteln wir lässig im Späti Dusk Till Dawn, unten im Haus, wo die Jungs Stammkunden sind. Hier hat man sogar einen eigenen Aufsteller, direkt neben Sauren Zungen und Lakritzschnecken an der Kasse. Allerdings greift niemand rein. Derweil erklärt Waldemar, der vorher bei Rocket Internet war, dass vegan eben auch keine Tierversuche bedeutet – für dermatologische Tests stellen er und Philip sich selber zur Verfügung. Man schaudert.

DSC01615_WEB
Philip und Waldemar (v.l.) mit Bier und Kondomen im Späti: Einhorn fragen sich durch die Berliner Nacht.

Weiter geht es in die Markthalle Neun, entspanntes Kreuzberger Donnerstagstrinken. Lisa, Flugbegleiterin, mag das verspielt-naive Design, ist aber am Ende fatalistisch: „Ist halt nen Kondom, was willste da sagen?“ Tja. Annie mag die Ansprache, findet aber, dass man damit in die großen Ketten muss, nicht nur zur Bio Company. An anderer Stelle ist man nicht ganz so kritisch, Hendrik ist echter Fan und quatscht die beiden an: „Ihr seid doch diese Einhorn-Typen!“ Er kennt Philip und Waldemar aus „Die Höhle der Löwen“ und will gleich Autogramme haben. Feedback? „Eure Jahrespackungen sind zu klein. Die reicht nie und nimmer.“ Ob so viel Fansein schämt man sich in sein Pulled Pork und nimmt einen großen Schluck Moscow Mule. Der Fan verschwindet, Waldemar ruft ihm zum Abschied fröhlich „Fick gut!“ hinterher. Ganz klar, dass man für kritischere Stimmen in Ecken verschwinden muss, in denen Sex nicht mehr eine ganz so vorgelagerte Rolle im Leben spielt. Zum Glück gibt es davon in Berlin genug.

Zum Goldenen Hahn am Heinrichplatz ist gutes altes Kreuzberg 36, ehrliches Flens auf dem Tresen und Gardinchen an den Fenstern. Ein Publikum, für das Scheitern kein interessanter Pivot, sondern eher Normalität darstellt. Auch für diesen Ort hat Philip schnell die geeignete Strategie: Er fordert einfach die einzige Frau in der Bar heraus, gegen ihn Kondome mit der Nase aufzublasen. Der Gründer bläht die Nüstern und versägt die Aspirantin aus Portugal gnadenlos. Feedback: fröhliche Gesichter und auf Instagram hochgeladene Fotos vom U-30-Publikum, Komm-wieder-wenn-sie-den-Mars-kolonisiert-haben-Kopfschütteln vom Rest.

Im Taxi nach Neukölln dann eine nüchterne, besonnene Stimme: Zwar gibt der Taxifahrer an, schon seit Jahren „in dieser Richtung“ nicht mehr eingekauft zu haben, fischt letztlich aber doch verschämt eine Packung Rossmann-Kondome aus dem Handschuhfach. „Die sind gar nicht schlecht“, urteilt Waldemar sachlich, und der Fahrer freut sich über das Lob vom Experten.

Auf der Sonnenallee entdecken wir das Warschau, und alles deutet auf Puff hin – Klingel an der Tür, Gesichtskontrolle, das ganze Programm, man ahnt, dass dies ein Heimspiel für Einhorn wird. Schließlich ist das Produkt zusammen mit Prostituierten entworfen worden. Aber Enttäuschung: Traurige Bar, komplett leer, und Thekenfrau Kristina kann sich beim besten Willen nicht an den letzten geschützten Sex erinnern.

Ein letzter Versuch auf der Sonnenallee: Simone’s lockt mit den großen Radiohits aus den Achtzigern, gemütlicher Holzvertäfelung, außerdem Pils-Dauertiefpreisen. Hier plötzlich eine kritische Stimme: „Hattet ihr überhaupt schon mal Sex?“, fragt vom Nebentisch ein bärtiger Zweifler. Die Frage schwebt schwer im Raum. Das ist genau jene negative Energie, vor der man als Gründer gewarnt wird und als Trinker unbedingt fliehen will. Die Laune ist plötzlich mau. Waldemar, der schon seit dem Goldenen Hahn gefährlich genervt auf sein Handy starrt, gehört ins Bett. Man will, dass Philip den Typen im Kondomaufblasen vernichtet, aber leider sind alle Goodies verschenkt.

Einhorn_Goodiebag
Begehrter Fang im Einhorn-Greifer in der Markthalle Neun: der Dildo – der aber gar nicht durch die Öffnung passt: „Echter Rocket-Move“, meint Waldemar.

Aber eigentlich ist klar: Das Produkt ist wasserdicht. Wenn die Attacken persönlich werden, scheint die Idee nicht unbedingt zu verfeinern zu sein, jedenfalls nicht von Typen, die so wirken, als würden sie seit Jahren ihr Glückskondom im Portemonnaie rumtragen. Wenn die Einhörner weiter hart am Vertrieb arbeiten und die CI klug, nahbar und charmant halten, kann man den Langweilern von Billy Boy und Ritex, die noch bis zur Sacknaht in den Neunzigern stecken, sicherlich den einen oder anderen Käufer wegnehmen. Lediglich bei der Nachbetrachtung im Peppi Guggenheim weist Künstlerin Silvia noch darauf hin, dass Raketen, die sich auf den Kondompackungen befinden, „nicht wirklich ein urbanes Symbol sind. Im Gegenteil: Raketen nerven“. Hart, aber sicherlich verschmerzbar.

Pro-Tipp: Schadet sicher auch nicht, dem Kunden beim Kondomaufblasen dann und wann mal eine Chance zu lassen.

 

Einhorn Kondome bekommst du hier: einhorn.my

Diese und weitere Storys gibt es in der aktuellen Ausgabe der Business Punk – jetzt am Kiosk, beim Bahnhofsbuchhandel
oder direkt hier: http://goo.gl/7P8oTm
Mehr Infos und Heftproben: http://goo.gl/RQu6fO


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen