Coliving: Arbeit ist die halbe Miete

WG mit Animateuren

Kommerzielles Coliving hat natürlich wenig gemein mit Grassroots-Projekten wie Nest, wo in bester WG-Manier aus allen Bewerbern die beiden passendsten ausgewählt und zum Casting-Dinner eingeladen werden. Die Macher von Zoku, einem Coliving-Startup in Amsterdam, das im Frühjahr 2016 starten soll, sprechen darum auch von einem Hotel.

Sechs Jahre haben die beiden Gründer Hans Meyer und Marc Jongerius an ihrem Konzept gearbeitet. Sie befragten ihre Zielgruppe, waren sechs Monate auf Weltreise und warfen einen Blick auf die Konkurrenz. Dabei kamen sie zu der Erkenntnis, dass traditionelle Hotels für digitale Nomaden keine Anlaufstelle bieten. Zu unpersönlich, zu einsam, zu uncool. Ihr Gegenentwurf: ein Hotel mit großzügigen Gemeinschaftsräumen und Coworking-Flächen sowie Zimmern verschiedener Preisklassen – vom bud­get­scho­nen­den Bunk-Bed-Raum bis hin zum 46-Quadratmeter-Loft. Wer sich für länger einbucht, kann sich die Zimmer-Deko selbst aussuchen. „Wir haben eine Auswahl an Kunst, aus der Gäste ihre Lieblingsstücke wählen können“, sagt Meyer.

Seine Gäste sollen sich zu Hause fühlen. „Und zwar nicht nur in ihrem Loft, sondern auch in der Stadt“, sagt Meyer. Weil dabei das Sozialleben eine wichtigere Rolle spielt als die Bilder an der Wand, haben die Zoku-Macher ihre Idee eines Hotels für Netzwerker bis zur Möblierung durchdekliniert. „Mittelpunkt aller Zimmer ist ein großer Tisch“, sagt Jongerius, Meyers Co-Gründer. „Hier muss nicht nur gearbeitet werden, man kann auch Dinnerpartys veranstalten, Freunde zum Spieleabend einladen.“ Für den Fall, dass das mit dem Netzwerken nicht auf Anhieb klappt, haben die Zoku-Gründer „Sidekicks“ eingestellt, Animateure, die mit den Gästen durch Kneipen tingeln.

Ob das Konzept aufgeht, muss sich zeigen. Erste Buchungen gibt es zumindest. Es haben auch schon Firmen reserviert, die Mitarbeiter zum Arbeiten nach Amsterdam holen. Meyer und Jongerius planen groß: Insgesamt 133 ihrer Lofts wollen die beiden in Amsterdam bauen, verteilt auf zehn bis 20 Komplexe. Zoku-Ableger in Berlin, Paris oder Barcelona sollen folgen.

Büros zum Wohnen

Zokus Expansionsplänen steht ein Problem entgegen, mit dem alle Initiatoren von Coliving-Spaces konfrontiert werden: Die Gebäude müssen zentral liegen, brauchen eine gute ÖPNV-Anbindung, das Nachtleben sollte auch nah sein – alles, was eine gute WG halt so auszeichnet. Eine Lösung besteht darin, Officeflächen zu Wohnraum umzubauen. WeWork hat das in New York getan, und auch die Zoku-Gründer schauen sich Bürogebäude an.

Bei Nest hat es von der ersten Idee mehrere Jahre gedauert, bis sie die passende Immobilie gefunden hatten. Inzwischen ist daraus eine Groß-WG mit geringer Mieterfluktuation geworden, die sich beim letzten Glas Wein zum Abschied so harmonisch anfühlt, dass man sofort einziehen mag. Trotzdem: Was, wenn es Streit gibt? Ein gemeinsamer Job schiefgeht und man zwar kein Kollege mehr ist, aber immer noch Mitbewohner? Dann setzen sie sich zusammen und reden, sagt Jensen, „wie Erwachsene halt“.

Einmal erst hätten sie sich von einem Mitbewohner getrennt, „einvernehmlich“, beteuert Jensen. Entscheidender für den Nest-Frieden sei ohnehin etwas anderes. Etwas, das alle nachvollziehen können, die jemals in einer WG gelebt oder in einem Büro gearbeitet haben: Jedes Apartment hat eine eigene Spülmaschine.

 

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