Ja oder Nein: Darf man in Meetings bei Facebook abhängen?

JA

Daniel Erk

Ein Fall fürs Strafrecht. Und das Strafrecht ist in diesem Fall sehr, sehr eindeutig. Facebook, Twitter, Instagram oder was auch immer in einer Besprechung zu nutzen ist nämlich ganz klar ein Fall von Notwehr – und damit natürlich erlaubt. Was soll man auch anderes tun? Dem öden Monolog des Kollegen zuhören? Die schalen Witze beklatschen? Dem Chef lauschen, wie er durch etwas stolpert, was wohl eine Motivationsrede sein soll, aber in Hunderten Hmms, Aähms und „Was ich jedenfalls sagen will“ versandet? Eben. Denn wenn man ehrlich ist, liegt es ja nicht an den Mitarbeitern, dass sie in Besprechungen lieber auf Facebook hängen, als rituell ins Leere zu schauen. Sondern an Chefs, die sich sehr, sehr gerne sprechen hören. An Meetings, die keine erkennbare Struktur haben und auch kein Ziel verfolgen. An Kollegen, die ihre Projektpläne so detailliert vortragen, dass man hinterher sogar weiß, welche Unterhosen sie bevorzugen und wie viele Würfel Zucker in einen perfekten Kaffee gehören. Und zwar schon zum dritten Mal diese Woche. Klar, Facebook ist oft nicht besser: Kettenbriefe, Politdiskussionen, Urlaubsfotos. Aber immerhin, Facebook betäubt, wo Meetings einfach nur sehr, sehr wütend machen. In den Meetings spürt man, wie man stirbt, wie das Leben zwischen den Fingern zerrinnt, sinnlos, öde und bizarr. Facebook immerhin ist eine schlechte, aber unterhaltsame Simulation des Lebens. Etwas Besseres als der Tod. Als Chef übrigens sollte man auf facebooksüchtige Mitarbeiter nicht mit Kritik, sondern mit Selbstkritik reagieren: Was, sollten Chefs sich fragen, mache ich bloß falsch? Denn jedes gezückte Smartphone, jedes Like auf Facebook ist ein deutliches Misstrauensvotum. Klar könnte man Facebook auch einfach verbieten – aber dann würden die Leute halt wie früher wieder in die Luft oder aus dem Fenster starren. Oder noch schlimmer: Sich ausmalen, auf welche sehr grausame Weise sie sich physisch für die vergeudete Lebenszeit rächen könnten.

NEIN

Christian Cohrs

Nur mal angenommen, Mose hätte ein Smartphone gehabt. Hätte da also am Berg Sinai gestanden und wäre kurz mal von einem Superniedlichekätzchenvideo abgelenkt gewesen. Mose hätte zwar mitbekommen, dass der Typ ihn bittet, nachher irgendwas mitzunehmen – wird schon nicht so wichtig sein –, sich dann im Gehen halt eine Gesetzestafel vom Stapel genommen und los zur Party im Tal. Dann würden wir in einer Welt leben, in der sich die Leute vielleicht nicht gleich totschlagen, aber einander bei jeder Gelegenheit übers Ohr hauen und es alle mit allen treiben. Da Mose jedoch kein Smartphone hatte, sind die Einzigen, die verdammt sind, in so einer Welt zu leben, Leute, die nachmittags zwischen Sat 1 und RTL 2 hin und her switchen. Aber zum Thema: Was soll an ein wenig Prokrastinieren während des Meetings so schlimm sein? Schließlich sind die Ankündigungen, Entscheidungen, Anweisungen, die man dort verpassen kann, nicht von gleicher Tragweite wie der Wertekanon des Abendlandes. Stimmt wohl, aber sie sind meist auch nicht so bedeutungslos wie Tierbabyclips. Doch wenngleich in Meetings selten die relevanten Themen debattiert, geschweige denn wichtige Entscheidungen getroffen werden – es lohnt dennoch, sich keine Sekunde entgehen zu lassen. Denn in den Wortblasen, die hier Chefs, Teamleiter und das schnöde Bürofußvolk austauschen, spiegeln sich offenbarer als irgendwo sonst die Machtverhältnisse. Schlau, wer hier nicht die Gelegenheit verfacebookt, die eigene Karriere voranzutreiben. Wer nämlich weiß, wer der wahre, weil eine Gott im Laden ist, sollte dessen Nähe suchen und – lerne bei Mose – sich zu dessen Mittelsmann und Sprachrohr machen. Der Chef wird seinen Diener erkennen. Es soll ihm fortan an nichts mangeln. Zumindest so lange, bis eines Tages der Sohn vom Chef das Ganze übernimmt und mit Startup-Larifarispirit aus dem schön straff-autoritär geführten Laden des Alten eine Hippiebude ohne Hierarchien machen will.

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