Kim Jong Fun: Surfschule in Nordkorea – alles andere hat Markos Kern schon erlebt

Die Surfcommunity lässt nicht mit sich verhandeln: Gold Coast und Oahu, klar. Die Supertubes vor Jeffreys Bay, auch das selbstverständlich, und wer in Europa bleibt, der muss eben raus in die Wellen von Les Cavaliers kraulen. Wie gesagt: Das Spot-Einmaleins will absolviert sein. Fast noch schlimmer aber, wenn man ausschließlich die großen Dinger im Gepäck hat. Denn auch das gehört dazu: stunden- oder tagelanges Pirschen durch Dickicht und Geäst, um den einen strahlenden Faden Strand ausfindig zu machen, der unberührt ist, auf dem noch kein Flipflop zur Markierung in den Sand gesteckt wurde, ein einsames Stück blank gescheuertes Geröll mit feiner Brandung und friedlich darüberziehenden Möwen, wo man sich ganz zenhaft die Shorts an den Hintern streift.

Markos Kern kennt so einen Ort. Er hat mit Majon Beach nahe der Stadt Hamhung einen Spot aufgetan, der von den Wellen her funktioniert, dafür komplett unbekannt ist. Nachteil: Er liegt in Nordkorea. Vorteil: Er liegt in Nordkorea.

Schelte von den Medien

Kern sagt: „Wir haben dort auch bei den richtigen Konditionen vier Meter hohe Wellen, aber die kann man einfach nicht garantieren. Eigentlich ist es vor allem ein guter Strand für Einsteiger.“ Kern sitzt im Hotel de Rome in Berlin und erzählt von der Surfschule, die er im Oktober in der Diktatur gegründet hat. Sein erster Besuch liegt einige Monate zurück. „Im letzten Jahr sind wir Tausende Kilometer durch das Land gefahren, um Strände und auch Flüsse und Seen zum Stand-up-Paddeln zu scouten.“ Mit den sehr blonden Haaren und der leichten Bräune sieht er so aus, als hätte er nur kurz im Foyer sein Board abgestellt und würde gleich wieder raus ins Wasser wollen. Er erzählt von landschaftlicher Schönheit und neugierigen Menschen, die er mit dem Surfen faszinieren konnte. Inklusive der obligatorischen Bewacher, die am Schluss der Versuchung des Boards eben auch nicht widerstehen konnten und mit ihm im Wasser landeten.

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Aus Aufpassern werden Schüler: Hier gehen Mitarbeiter der Tourismusbehörde Nordkoreas am Majon Beach baden

So aber funktioniert ein Nordkorea-Reisebericht in der Regel nicht. Da hat es um totale Kontrolle, Fotoverbot und Zwang zu gehen. Dass man sich als Besucher des Landes nicht frei bewegen kann. Dass auch unschuldige Momente des Alltags inszeniert sind. Als Kern also im vergangenen Herbst deutschen Medien begeistert von seinem Abenteuer erzählt, erntet er Kritik, gilt als jemand, der auf Propaganda reinfällt, gemeinsame Sache mit dem Schurkenstaat macht, das Unrecht schönredet. Im „Sat 1 Frühstücksfernsehen“ sitzt er einer Moderatorin gegenüber, die drauf und dran ist, ihm den tadelnden Zeigefinger vor die Nase zu halten. Warum tut er sich das an? „Vielleicht, weil mir immer schnell langweilig wird. Und weil ich gerne anecke.“

Ferien in der PRK

Kern ist 33 Jahre alt, Münchener, hat Philosophie und Ethnologie in Heidelberg studiert, bis er mit Anfang 20 das Studium abbrach, weil er als Videokünstler zu gut gebucht war. „In die Eventindustrie bin ich reingerutscht“, sagt er. Mit seiner Firma Visual Drugstore machte er sich damals einen Namen mit Shows und Konzepten, heute berät Kern Unternehmen und macht Startup-Kram. „Wir sind irgendwas zwischen Thinktank, Kreativberatung, Expertennetzwerk und Startup-Inkubator. Ich finde selber nicht die richtigen Begriffe. Wenn mir jemand eine E-Mail mit der Definition meiner Firma in einem Satz schreibt, dann spendiere ich dem ein Filet im Englischen Garten.“ Auf Corporate-Ebene scheint man ihn aber zu begreifen und zu schätzen: Zu Kerns Kunden zählen BMW, Hugo Boss und Intel, für die er bis in die Sahara und in die Antarktis reist, um dort gewaltige Lichtshows zu inszenieren.

Kern hat Büros in München, Schanghai und Hongkong. „Ich bin in Asien oft in Ecken unterwegs, wo man nicht so leicht hinkommt. Nordkorea hat mich sehr gereizt.“ Er überlegt sich das Projekt und holt zwei entscheidende Leute ins Team: Andrea Lee, eine Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln, die von New Jersey aus schon seit Jahren Reisen nach Nordkorea anbietet und weiß, wie man mit der nordkoreanischen Tourismusbehörde redet. Für den direkten Einsatz vor Ort konnte Kern Nik Zanella gewinnen, Surftrainer, der in China lebt, ein wettergegerbter Typ mit zusammengekniffenen Augen und großem Lachen, der in wirreren Zeiten vermutlich Pirat geworden wäre.

Das Timing ist gut, in den letzten Jahren hat sich Nordkorea zumindest stückchenweise geöffnet und den Weg ins Land erleichtert: Pjöngjang hat angegeben, bis 2020 Jahr pro Jahr zwei Millionen Touristen ins Land locken zu wollen, ein sattes Ziel. Denn derzeit kommen bloß ungefähr 70 000 Chinesen, die ein bisschen Sozialismusnostalgie erleben wollen, dann noch mal geschätzt 5 000 Westler, von denen viele Amerikaner sind, viele davon fleißige Bucketlist-Abarbeiter, die ihrem Reise-CV mit Nordkorea ein bisschen Badass-Gloria verleihen wollen. „Und die bekommen dann natürlich auch das Propagandapaket, von dem man so hört: Museum, Museum, Museum, Denkmal, Hotel, zurück.“ Was die nicht bekommen: Kontakt zu den Menschen. Einen Einblick in ganz unspektakuläre Abläufe des Alltags.


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