Leadership & Karriere Anton Werner stellt das Startup Beach-Inspector vor, den großen neuen Player der Reisebranche

Anton Werner stellt das Startup Beach-Inspector vor, den großen neuen Player der Reisebranche

Strände testen gegen Geld – dieser Deal machte Beach-Inspector als Traumarbeitgeber für Millennials bekannt. Nun will das Startup zu einem ernst zu nehmenden Player der Reisebranche werden. Wie, das verrät Mitgründer Anton Werner hier.

Herr Werner, Foursquare nur für Strände? Eine noch nischigere Idee hatten Sie nicht?
Nische? Weltweit gibt es 700 Millionen Strandtouristen. Das heißt, wenn man sich einmal die absolute Menge an Touristen anschaut, ist der Strandurlaub der absolut populärste Urlaubstyp. In Deutschland gehen 60 Prozent aller gebuchten Pauschalreisen an den Strand. Denkt man einen Schritt weiter, bedeutet das, der Strand ist die Hauptmotivation, Urlaub zu machen. Darum wehre ich mich dagegen zu sagen, dass wir eine Nische bedienen.

Wie groß ist der Markt für Strand-Infos?
Das ist das größte Segment überhaupt da draußen. Aber es ist bis jetzt noch keiner auf die Idee gekommen, die touristische Relevanz eines Strandes zu erkennen. Wir haben Bewertungsportale für – sorry – jeden Scheiß, Tripadvisor ist gut positioniert, Holidaycheck ist zumindest im deutschsprachigen Raum eine Erfolgsstory. Es hat sich aber noch keiner überlegt, wo jemand, der verreist, tatsächlich die meiste Zeit verbringt.

An einem schönen Strand.
Ein Strand ist ja nicht nur schön oder hässlich. Es gibt ja auch nicht „den besten Strand“ – wenn Tripadvisor schreibt „die zehn besten Strände der Welt“, dann will ich immer gleich fragen: Ja, aber für wen? Denn das ist ja Blödsinn. Man kann ja auch nicht sagen „das beste Hotel“ oder „das beste Restaurant“, es kommt ja immer auf den Gast und seine Bedürfnisse und Erwartungen an. Ein Strand ist ein absoluter Ankerpunkt für den Urlaub, ein Lifestyle-Ort. Ich möchte wissen, was ich da machen kann. Was sind da für Leute um mich herum? Und genau das wollen wir aufgreifen und dem Nutzer aufzeigen, was ihn vor Ort erwartet. Mehr als das typische „wunderschöner Sandstrand, 200 Meter vom Hotel entfernt“.

Der berüchtigte Katalogsprech.
Die 200 Meter stimmen eventuell, aber vielleicht liegt da eine Schnellstraße dazwischen. Unser großes Ziel ist, dass wir das Thema Strand weltweit besetzen. Weil es noch keiner gemacht hat.
Die Vermessung der Strände – wie geht man so ein weltumspannendes Projekt an?
Wir drei Gründer haben uns vor der Gründung im November 2014 natürlich immer wieder ausgetauscht, und während der Ideenfindung wurde klar, dass wir es irgendwann mal auf Durchführbarkeit überprüfen müssen. Wir sind aufopferungsvoll zu dritt zehn Tage lang nach Ibiza geflogen und haben getestet, ob das, was wir uns da so vorstellen, auch wirklich Sinn macht.

Und?
Die Erkenntnis von Ibiza war, dass wir keine groben Infos geben wollen. Wir sind gemeinsam an die Strände, haben uns dann aufgeteilt und alle zwei Stunden zum Bier getroffen und haben verstanden, dass wir dringend eine Standardisierung vornehmen müssen: Was, zum Beispiel, ist „leicht verschmutzt“? Da muss eine Definition her, damit jeder weiß, was wir darunter verstehen. Es ist einfach anzuführen, ob es Toiletten gibt oder keine, aber die feineren Definitionen, das war unser größtes Learning aus der Sache: objektiv und hart standardisieren.

Die 120 Kriterien, von denen man liest.
Ja, aber wir sind noch nicht angekommen, wir kommen immer wieder an Stellen, wo wir merken: Das muss noch exakter sein.

Wie organisiert man so ein Projekt?
Wir haben Beach-Inspector Ende des letzten Sommers in einem großen Erhebungsstrang gestemmt. Da waren die Praktikanten unterwegs, die die Strände scouten. Die werden eine Woche lang geschult, dann fliegen die an die Destination. Im Vorfeld ist schon alles penibel durchgeplant: Auf Google Maps gehen wir die komplette Küstenlandschaft ab, versuchen, die Strände zu quantifizieren, wie lang sind die, wie breit? Wir errechnen dann unseren Schlachtplan: Kurze Anfahrtswege via Geokoordinaten, wie lange, glauben wir, wird das dauern? Wie effizient können wir das angehen? Dann planen wir die Erhebung.

Klingt logistisch anspruchsvoll.
Das ist logistisch gesehen ganz ehrlich ein Wahnsinn. Du hast da zehn Leute, die brauchen Anreise, Unterkünfte, Mietwagen. Das muss alles abgestimmt werden, die Daten müssen am Ende hochgeladen werden und so weiter. Das ist auch finanziell aufwendig. So ist das eigentlich nicht skalierbar. Wenn ich sage: Ich brauche zehn Leute in Australien. Schicke ich die? Oder suche ich mir die vor Ort? Wie komme ich an die ran? Daraus haben wir eine zweite Methode entwickelt, die wir in den letzten Monaten immer stärker forciert haben, die wir intern Korrespondentennetzwerk nennen.

Was sind das für Leute?

Das sind keine Praktikanten, keine Angestellten, sondern Freelancer. Leute, die ohnehin auf Reisen sind, aus welchem Grund auch immer: Work and Travel oder Aussteiger, die sechs Monate reisen und so weiter. Diese Leute machen eine Online-Einschulung, ein Videotutorial, dann einen Test, und dann bekommen sie eine Zertifizierung. Damit haben sie das Anrecht, für uns Strände zu erheben. Dann wird geklärt, wo die unterwegs sind.

Was ist an den Korrespondenten besser als an den Praktikanten?

Die machen die Strände dann alleine, komplett selbst organisiert. Wir stellen im Endeffekt nur das Projekt. Das ist viel, viel besser, was den Aufwand betrifft. Wir haben auch gemerkt, dass die Qualität besser ist. Weil die Leute das in ihrem eigenen Tempo machen können. Die sind nicht beruflich am Strand, sondern als Konsumenten. Die erheben den Strand und können sich mit dem damit verdienten Geld meinetwegen weitere drei Tage Urlaub leisten.

Im Urlaub arbeiten, um Urlaub machen zu können. Wird das angenommen?

Ja. Wir bieten den Leuten die Möglichkeit zu reisen, auch wenn sie vielleicht nicht die Kohle dafür haben. Abiturienten, die gerne drei Monate Südostasien machen würden, aber nicht die Mittel dazu haben. Das machen wir verstärkt seit Anfang des Jahres. Panama, Costa Rica, Brasilien, Thailand, Dubai, Bali, das wird alles von Korrespondenten gemacht. Da kam jede Menge Fahrt rein. Wir sehen uns als eines der größten Digitalisierungsprojekte, die es derzeit gibt. Google Maps, Google Street View, die machen es in den Städten. Lustigerweise gibt es aber kein Beach View, die Aufnahmen hören vor den Stränden auf. Ist das Thema erst einmal inhaltlich besetzt, ergeben sich daraus viele Businessmöglichkeiten.

Aber zunächst müssen Sie reichlich investieren. Wie finanzieren Sie das?

Anfang letzten Jahres waren wir auf der Tourismusmesse ITB und haben uns gefragt: Welche Refinanzierungsmöglichkeiten gibt es? Da entstand die Idee, unseren Service auch direkt den Destinationen anzubieten. Im Mai letzten Jahres hat Oman als Erstes gebucht. Dubai als Zweites. Wir sind mit derzeit 50 weiteren Destinationen im Gespräch. 15 davon werden wir dieses Jahr wohl noch machen.

Worin besteht der Reiz für diese Länder, die Verantwortung abzugeben?

Diese Destinationen haben meistens entweder eine externe PR-Agentur oder eine Marketingabteilung. Aber die sind online nicht besonders gut aufgestellt, können eigentlich nur die klassischen Wege bespielen. Mittlerweile laden die vermehrt Travel-Blogger ein, um authentischere Materialien zu bekommen. Aber eine Strand-Urlaubsdestination lebt davon, dass sie zeigt, was der Strand kann. Erschreckenderweise haben die meisten keine Informationen zu ihren Stränden, wissen nicht, wie viele es überhaupt gibt, die haben keine Bilder, nichts. Für die sind wir ein neuartiger Kanal, um zusätzliche Besucher zu generieren. Wir nehmen denen ein Thema ab, das sie selber operativ nie umsetzen können.

Kann man da objektiv bleiben?

Die bezahlen uns nicht dafür, dass wir eine gute Bewertung abgeben. Die bezahlen uns dafür, dass wir hinfliegen und uns den Strand anschauen. Wir wissen, dass wir nichts beschönigen dürfen, weil dann der Mehrwert von Beach-Inspector komplett verloren geht. Wir wollen ehrlich sein, sonst funktioniert es nicht.

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