Leadership & Karriere Warum riecht es hier nach Schwefel? Eine Annäherung an die Hassfigur Martin Shkreli

Warum riecht es hier nach Schwefel? Eine Annäherung an die Hassfigur Martin Shkreli

Verwunderlich nur, dass, wer sich auf seine Spuren begibt, schnell in Sackgassen landet. Shkrelis Eltern wohnen noch immer in Brooklyn, in derselben Wohnung, in der ihr Martin groß geworden ist. Angeblich, denn nie macht jemand die Tür auf. Freunde von früher? Keine. Aktuelle Freunde? Sehr witzig. Niemand kann einem Aufschluss darüber geben, was den Mann antreibt. Shkreli schottet sich hinter Wänden ab, gibt nur über Webcams Einblick. Nirgends tritt er auf, höchstens im Gerichtssaal. Nie ist er als Person greifbar, immer nur als Avatar. Seine Vergangenheit scheint fest verrammelt und vernagelt, aber im Hier und Jetzt ist er per Livestream umso präsenter.

Kontakt zu Medien passiert eher zufällig. So hatte im vergangenen Herbst eine Kolumnistin der „Washington Post“ ein Tinder-Date mit Shkreli, nachdem er in sie ein Superlike investiert hatte. Sie aßen zusammen in einem japanischen Restaurant in Tribeca, Shkreli war zuvorkommend, wirkte „komplexer, als ich dachte“, enttäuscht Jacklyn Collier all jene, die ein Monster erwarteten. Er lässt seinen Fahrer sie nach Hause bringen. „I had a pretty good time“, schreibt sie in ihrem Artikel fast entschuldigend.

Schach mit Satan

Näher an ihn rangekommen ist lediglich eine Reporterin von „Vice“, Allie Conti. Allerdings vermuten die Pro-Tratscher von „Gawker“, Experten in solchen Fragen, eine Affäre zwischen Shkreli und einer Social-Media-Kollegin der „Vice“-Redakteurin, was den exklusiven Zugang zu dem Mann erklären könnte. Für das Video machen Conti und er einen nächtlichen Spaziergang durch Manhattan, er führt sie darin an den Büros von Pfizer vorbei, wo er erklärt, dass die Großen selber heuchlerisch die ganze Zeit Preise erhöhen. Anschließend schlägt er die Journalistin in seiner Wohnung bei einer Partie Schach. Ob er denn wisse, dass Menschen ihn für das personifizierte Böse halten, wird er gefragt. Shkreli weicht aus, will sich als Berufener darstellen. Er erzählt Conti, dass er „genug von Wissenschaft und Medizin versteht“, um ein Pharmaunternehmen aufzuziehen, für ihn kein Problem.

Es wird wirrer. Die Rapper vom Wu-Tang Clan veröffentlichen im Oktober 2015 ein Album, das sich auf die Pressung einer einzigen CD weltweit beschränkt. Shkreli kauft „Once Upon a Time in Shaolin“ für 2 Mio. Dollar. Erst später wird klar, wer der anonyme Bieter war. Der Wu-Tang Clan reagiert mit kollektivem Facepalm – ausgerechnet der! Ausgerechnet Pharma Bro! Clan-Member Ghostface Killah nennt Shkreli „shithead“. Daraufhin dreht -Shkreli ein Video, in dem er mit zwei anderen Maskierten posiert und droht, Teile des Albums unwiederbringlich zu löschen. Er teilt Ghostface Killah mit: „Du bist ein alter Mann, du bist irrelevant. Du willst nur in dem Rampenlicht stehen, das mir gehört.“ Es passiert nicht oft, dass sich gestandene Rapper von einem blassen Soziopathen belehren lassen müssen, von einem, der C.R.E.A.M. verstanden hat und lebt.

Weiter: Shkreli twittert im Dezember, dass „in zehn Jahren die Hälfte aller Rapmusik exklusiv für mich produziert wird – aber keine Sorge, ich werde ein paar Fitzel davon teilen“. Der Shitstorm dauert Wochen an. Shkreli hat seine helle Freude.

Ein paar Tage darauf führt ihn das FBI ab. Verdacht auf Wertpapierbetrug in sieben Fällen. Eine Altlast aus seiner Zeit vor Pharma Bro, als er noch einen Aktienfonds führte. Ihm wird vorgeworfen, dass er den klassischen Ponzi-Trick angewendet hat. Shkreli schüttelt 5 Mio. Dollar Kaution aus der Tasche und tritt tags darauf vom Posten des CEO von Turing Pharmaceuticals zurück. Beim Gerichtsverfahren im Frühjahr schweigt er dann, macht von seinem Recht Gebrauch, sich nicht selbst belasten zu müssen. Die Wu-Tang-Clan-CD spielt plötzlich wieder eine Rolle: Wie es sein könne, dass jemand, der die Gewinne seines Pharmaunternehmens reinvestieren wollte, stattdessen 2 Mio. Dollar für einen Tonträger ausgibt? Sein Anwalt räuspert sich, das tue nun in diesem Verfahren wirklich nichts zur Sache, man will seinem Mandanten etwas anhängen, nur weil ihm der Ruf als Nepper vorauseilt. Shkreli lächelt.

Er richtet als Reaktion auf das Gerichtsverfahren eine Telefonhotline ein und fordert per Twitter dazu auf, dass man ihn nach Lust und Laune beschimpfen möge. Wählt man die Nummer, passiert: nichts. Tuten, niemand hebt ab, kein -Anrufbeantworter, irgendwann wird die Verbindung getrennt. Alle anderen Anfragen bleiben unbeantwortet.

Das ist symptomatisch: Einer, der Lust am Stänkern hat, sich dann aber versteckt, damit das Handeln zumindest im ersten Augenblick konsequenzfrei bleibt. Wenn das Bild von Donald Trump als menschgewordene Internet-Kommentarspalte zutrifft, dann handelt es sich bei Shkreli um die personifizierten Anonym-Trolle des Messageboards 4chan. Shkreli ist das wandelnde Meme „Trollface“.

Die Welt brennt

Shkreli lächelt, während er live „League of Legends“ spielt und dabei aus seinem Wohnzimmer streamt. Er beömmelt sich, als er verkündet, dass er ein neues Hobby hat: das Kartenspiel „Magic: The Gathering“, für das er über Reddit schnell wertvolle Karten zusammenkaufen will. Es muss ihm Freude bereiten, dass von zwei Brooklyn-Kreativen ein Off-Broadway-Musical über ihn in Planung war, dass eine der Anweisungen des Regisseurs an seine Akteure darin bestand, dass sie den Namen „Shkreli“ möglichst hart aussprechen, eher ausspucken sollten. Ein eigenartiger Wettbewerb: Ihm entgegenschlagender Hass, Unverständnis, Wut scheinen ihn nur noch stärker zu machen.

Wie gesagt: Shkreli nervt. Als die US-Senatorin Susan Collins im März warnt, dass manche der neuen Pharmaunternehmen – nicht nur Shkrelis – „mehr wie Aktienfonds und weniger wie traditionelle Pharmaunternehmen“ aufgezogen seien, bestätigen sich die hastig in Memos zusammengefassten Befürchtungen von Experten, dass wegen Turing Pharmaceuticals die ganze Branche fortan unter verstärkter Beobachtung steht. (Shkreli hat bislang der Versuchung widerstanden, eine Geschichte um diese Tatsache herum neu zu spinnen: dass ihm, dem langfristigen Planer, diese Entwicklung von Anfang an das eigentliche Anliegen gewesen sei.) Und viele Menschen sind genervt, weil dieser Livestreamer mit der Nullfrisur ihnen aufgezeigt hat, dass es in Amerika offensichtlich genügend Menschen gibt, die bereit sind, ein Unternehmen wie Turing mit Geld zu füttern, weil sie sich davon Profite versprechen. Es nervt schrecklich, dass Pharma Bro nicht der Einzige ist, der Blut an den Händen hat. Es nervt, dass er nie zum Helden taugen wird, ganz egal, wie effektiv er mit seiner Preistaktik auf die schattigen Seiten einer gesamten Branche hingewiesen hat. Denn im Zuge des Skandals kommen auch andere Unternehmen unter Zugzwang, ihre in jüngerer Zeit klammheimlich vorgenommenen Preiserhöhungen zu rechtfertigen. Es wurde deutlich: Dieser ganze Wirtschaftszweig ist ein zynisches, heuchlerisches Bereicherungssystem, das sich lange hinter sterilem Laborimage verstecken konnte

In der Wahrnehmung hat Shkreli schon nichts mehr mit Wirtschaft zu tun. Er ist aufgestiegen in die Internetmythologie, die sich Tag für Tag fortschreibt. Ein Schrat, ein Meme, -Shkreli ist im weitesten Sinne Pop, nicht nur wegen Wu-Tang Clan, seinen Ausflügen in „Magic: The Gathering“ und dem über ihn verfassten Musical. Und vielleicht sind die Kunstfiguren des Pop – wie eingangs als Erklärungsversuch für die Resonanz der Livestream-Zuschauer angeboten – auch der Referenzrahmen, der am besten auf ihn zutrifft. Denn will man Shkreli anhand vorangegangener real existierender Figuren verstehen, scheitert das schnell – zu wenig nachvollziehbar ist das Sichlaben am Hass, zu unverständlich die Entscheidung, sich von der Gemeinschaft zu isolieren, um dabei dennoch ganz pubertär auf Reaktionen zu hoffen.

Um ihn herum ist ein Sog aus Faszination entstanden, befeuert von extrem ausgestellten, amplifizierten -Wesenszügen. Trotzdem ist er so fremd und wenig greifbar wie jemand, der nur auf Comicbuchseiten und in den Plot vorantreibender Rede existiert. Vielleicht reicht es, wenn man für eine Erklärung einfach nach Hollywood schaut: Im Film „The Dark Knight“ kann Batman die Beweggründe für die Handlungen des Jokers nicht nachvollziehen. Sein Diener Alfred bietet eine ebenso einfache wie verstörende Erklärung an, die einem Angst machen kann: „Some people just want to see the world burn.“

Shkreli ist zuzutrauen, dass er das eine oder andere Streichholzbriefchen in der Hosentasche hat. Und der Vergleich mit dem Chaos verbreitenden Filmschurken würde ihm sicherlich verdammt gut gefallen. Er wäre ihm vielleicht sogar ein knappes „lol“ auf Twitter wert.

Der Artikel stammt aus der Business Punk-Ausgabe 04/2016. Titelgeschichte: Power Seller. Warum Teslas Ex-Deutschlandchef Philipp Schröder lieber mit dem Strom-Startup “Sonnen“ die Atomkonzerne attackiert als Autos verkauft. Alle Ausgaben gibt es hier.

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