Perma-verkatert und bisschen zu bleich: Auf ein Schnack mit “Green Day“-Frontmann Billie Joe Armstrong

Interviewtermin mit Billie Joe Armstrong im Hotel: Er sitzt in seiner Suite mit dem Namen „Marlene Dietrich“ auf einer Couchecke und guckt mit diesem großen, immer leicht überforderten Blick in den halbbeleuchteten Raum. Erste, sofortige Blitzerkenntnis: Billie Joe Armstrong sieht aus, wie er eben aussieht. Perma-verkatert, bisschen zu bleich, die Haare alles andere als on fleek. (Wobei, für ihn natürlich schon.) An der Jacke ein Pin von Dog Party, einer aus zwei Schwestern bestehenden Band, die die leicht versoffenen Enkelinnen der Ramones sein könnten. Mit seiner eigenen Band Green Day ist Armstrong seit dem letzten Jahr Mitglied der Rock n’ Roll Hall of Fame, was einerseits natürlich gerechtfertigt, andererseits auch ein bisschen ulkig ist, dass da jemand eine Ehrung von maximal verschnarchter Stelle für sein mittlerweile 12 Alben umfassendes Werk bekommen hat.

Billie Joe Armstrong
Business-Punk Redakteur Alexander Langer trifft sein Jugend-Idol.

Billie Joe Armstrong gilt als einer, der über die Jahre hinweg immer wieder offen Stellung zu öffentlichen und gesellschaftlichen Themen bezogen hat. Im letzten Wahlkampf hat er Bernie Sanders unterstützt. Trotzdem hieß es im Briefing ausdrücklich: keine Fragen zu Politik. Klar, dass Business Punk gleich mit der Tür ins Haus fällt:

Billie Joe, also, die Sache mit Trump…
… oh, ja. Ich habe die Tage vor der Wahl natürlich sehr intensiv mitverfolgt, war aber am Tag der Wahl selber in Rotterdam. Ich bin um zwölf Uhr nachts ins Bett gegangen mit dem Gedanken, dass Trump verlieren würde. Um sechs bin ich aufgewacht, da hatte ich schon unzählige Anrufe. Familie, Freunde, alle waren aufgelöst, viele haben geweint. Das war scary.

Bleiben wir bei Politik: Auf dem Cover des aktuellen Green Day-Albums „Revolution Radio“ sieht man, nun, ein brennendes Radio. Ist Musik heute noch das richtige Medium, um politische Themen zu verhandeln?
Es ist nie einfach, über Politik zu sprechen. Aber wenn ich mich hinsetze und überlege, was ich schreibe, egal über welches Thema, zum Beispiel über Protest und Widerstand, dann bin ich vielleicht nicht in der Lage, eine Meinung zu formen, dafür sehe ich aber ein bestimmtes Bild. Ich sage Leuten nicht, was sie denken sollen, sondern dass sie nachdenken sollen.

Apropos nachdenken: Oft klingen deine Songs eher so, als wäre da ein Songwriter, der zufällig Punk macht und nur diesen Sound nutzt.
Ich glaube, das ging beides gleichzeitig bei mir los – ich mochte immer Bands, die ein bisschen folksig klangen und mehr wie Songwriter waren. Die eher wie John Lennon als Johnny Rotten klangen. Ich mochte The Replacements, Paul Westerberg, The Clash, Operation Ivy – das sind alles großartige Songwriter.

Nächstes Jahr ist das 30. Jubiläum von Green Day, du blickst auf fast drei Jahrzehnte zurück, hast 12 Studioalben rausgebracht. Welche positiven Entwicklungen hast du dabei mitbekommen?
Ich sehe viel mehr Unabhängigkeit. Anfang der Neunziger Jahre hat sich die Tür für richtig gute Musik geöffnet, Bands wie Nirvana und deren Copycats kamen raus. Wir wollten zwar nicht so klingen, aber die Möglichkeit war eben doch dadurch gegeben, groß zu werden. Das war 1993. In den darauffolgenden Jahren haben wir viele verschiedene Trends überlebt, Zeiten, in denen wir einfach nicht cool waren, kurz darauf dann aber wieder schon. Über die Jahre betrachtet eine ganz schöne Achterbahnfahrt.

Zum eigenen Schaffensprozess: Woher kommt der große Anteil Pop bei euch?
Als Kind habe ich oft die Beach Boys gehört, ich mochte die Melodien und Harmonien. Klar, The Beatles. Aber eben auch die irren Sachen von Hüsker Dü. Daraus habe ich einen Mix gebaut, das hat sich bei mir einfach so entwickelt. Aber der Anspruch an mich selbst, die Grundidee, die ist bestehen geblieben.

Wie gehst du einen neuen Song an? Du spielst mittlerweile unter anderem Klavier, Mandoline, Harmonika, und, und, und…
Trotzdem erst einmal ohne Instrumente. Ich schreibe die ganze Zeit Texte auf, alles, was mir einfällt. Dann setze ich mich an die Melodie. Die ist das wichtigste. Die trägt den ganzen Song, nach der richten wir auch die Gitarren-Riffs.

Du summst also die Melodien vor dich hin?
Die ganze Zeit. Immer. Ich summe oder singe andauernd in mein kleines Mikro.

Im Jahr 2000 habt ihr das Album „Warning“ rausgebracht, die erste Single hieß damals „Minority“ – eine Hymne an das Dagegensein. Ist die 16 Jahre später aktueller denn je?
Ich fühle mich immer mehr einer „Minority“ zugehörig, natürlich auch jetzt wieder, nach der Präsidentschaftswahl. Lustig, dass Songs von uns immer nochmal an Bedeutung gewinnen, wenn jemand wie Trump plötzlich Präsident wird. Green Day war immer ein Auffangbecken für die Freaks, die Weirdos, egal ob homosexuell oder straight, schwarz, braun oder weiß, egal, woher die Vorfahren stammen – es waren und sind immer die Leute eher am Rand.


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