Das beste Produkt-Feedback: Auf die Straße mit Tinkerbots

Shit, nach Bernau. Bernau im Nordosten von Berlin, weit draußen, große Reise mit der S-Bahn. Hier sind Tinkerbots zu Hause, ein Startup, das intelligentes und programmierbares Spielzeug herstellt. Obwohl Spielzeug eben nicht der richtige Begriff ist. „Eher Lego 2.0“, sagt Adrienne Fischer, die uns durch die Räume führt, wo Tinkerbots erdacht, gebaut und an Kunden verschickt werden. Zielgruppe sind Väter und Kinder, die Lust am Tüfteln und Programmieren haben, noch ist alles B2C, aber Fischer, die vorher bei Steiff war, kommt gerade erst von einer Messe in Las Vegas, wo sie Kontakte knüpfen konnte. Gut am Produkt: dass es mit Lego tatsächlich kompatibel ist, Kinder also in ein nicht ganz neues Ökosystem gestoßen werden. Lego selber bietet seine Roboter erst für ab zwölf an, Tinkerbots greifen früher an: Ab sechs Jahre soll die Zielgruppe sein. „Für Asien ist sogar das spät“, sagt Fischer, die die einzige Nichttechnikerin im Unternehmen ist, „was ich oft genug zu hören bekomme“.

Zum Beispiel von Christian Guder und Leo Oschütz, die das Produkt erdacht und umgesetzt haben. Leo sitzt vor einem Stapel Steine und baut etwas zusammen, während Christian zum Glück bereit ist, mit einem ein Bier zu öffnen und ein bisschen zu erzählen. Entspannt, kurz vor Feierabend, alles ruhig, sympathisch, zwei lockere Gründer-Dudes in Bernau eben.

Auf die Straße
Die Gründer von Tinkerbots: Christian Guder und Leo Oschütz.

Aber: Die Büros sind voll, man wächst schnell, braucht neue Leute, um die Nachfrage zu bedienen. Unter anderem suchen Tinkerbots auch noch jemanden, der sich mit künstlicher Intelligenz auskennt, was schwierig ist, weil die rar sind, und: „Wer will hier raus?“, fragt Mitgründer Christian selbstkritisch. Gute Frage. Wir jedenfalls nicht. Wir wollen rein, rein in die Stadt und in Kneipen.

Aktor, Sensor, Bier

Nach Berlin geht es im sogenannten -Diamant, dem Tinkerbots-Mobil, einem nicht mehr ganz neuen Mercedes-Kombi. Besser als die letzte Karre: „Den Vorgänger haben wir für 50 Euro an ein Stockcar-Team verkauft“, sagt Christian.

Die beiden haben während des Studiums an der Bauhaus-Uni in Weimar zusammen gewohnt und getüftelt, haben unter anderem für das Fusion Festival jede Menge abwegige Konstruktionen entwickelt. Diese Bro-Nähe führt natürlich zum zärtlichen Ickern: Christian über Leo: „Sein Abi war mäßig.“ Dafür zaubert Leo die Lego-VIP-Karte aus der Brusttasche vom Karohemd. „Damit komme ich in den Backstage-Bereich jeder Spielwarenmesse.“ Schön zu wissen, dass Noten eben doch nicht immer ein Hinweis auf späteren Erfolg sind.

Auf die Straße
Lego 2.0: Spielzeug zum Tüfteln und Programmieren.

Erster Pitch im Prenzlauer Berg: Im Laden, der programmierbare Roboter verkauft. Dort ist der Händler angetan und schafft es, die Bierfahnen zu ignorieren. Christian: „Wir sind Verfechter der modularen Robotik“, wanzt er sich im Fachjargon an den Mann im Hemd ran, der eigentlich schon im Feierabend ist. Derweil präsentiert Leo das Produkt einem Kind. Sein Vater – Zopf, Nickelbrille, Salewa-Jacke – sagt: „Ganz nett.“ Aber der Händler mag die Bots, auch, dass Christian meint, dass ein Kind lernen soll, was ein Aktor und ein Sensor ist. Sie vereinbaren einen Termin mit dem Vertrieb von Tinkerbots. Yeah! Bier!

Beim anschließenden Schlendern sinniert Leo, dass es für den Produktpitch die falsche Uhrzeit ist: „Eigentlich müssten wir mit den Bots unter dem Arm morgens betrunken in eine Kita laufen.“ Christian gibt zu bedenken, dass dies vielleicht doch die Zielgruppe verschrecken könnte. Dann ist er plötzlich weg, und Leo macht sich Sorgen: „Wir sind im Prenzlauer Berg. Wer hier verloren geht, hat ganz schnell drei Kinder.“ Christian taucht wieder auf, und wir halten auf das Lokal Wohnzimmer am Helmholtzplatz zu, Leo umreißt die anzuquatschende Zielgruppe: „Wir brauchen diesen Bring-my-Child-to-the-Nasa-Vater.“

Stattdessen Bernd. Friseurmeister, Hobbypianist, vor zwei Stunden vom Date versetzt worden und dementsprechend unnachgiebig beim Feedback: „Alles ist nur noch digital. Gib mir mal einen Roboter, der Chopin spielen kann. Also mit Gefühl.“ Bernd sagt, dass Kinder nicht mehr zu sich selber finden können. „Hol aus den Menschen raus, was ihn ihnen steckt.“ Leo erwidert, dass er das ja getan hätte, dass er Gründer ist, mit dem Digitalen das Beste aus sich rausgeholt hat und mittlerweile anderen Menschen Arbeit gibt. Aber Bernd ist auf Grundsatz aus. Spät gibt er zu, dass er als Kind eigentlich mal Erfinder werden wollte. Eine Frau schaut neugierig dem Rennwagenroboter hinterher, der auf dem Kneipenboden hin und her fährt und Gästen mit dem Greifarm Zigaretten bringt. „That’s pretty amazing“, sagt sie. Christian zu Leo: „Sie ist kurz vorm Kaufen. Wir hätten das Kreditkartenlesegerät einstecken sollen.“ Schade, der Sale wäre locker über die Bühne gegangen.

Gemüseraspler?

Egal, Taxi, ab nach Mitte, ins Prassnik in der Torstraße. Dort schaut Nina dem Roboter zu, wie er ihr im Greifarm eine Olive bringt, wie Leo ihn immer wieder umbaut. Sie ist skeptisch: „Eigentlich seid ihr so zwei Typen, die in der Fußgängerzone Gemüse raspeln.“ Er erklärt ihr, dass man auch zwei Tinkerbot-Gehirne hintereinanderschalten könnte, dann aber das Raum-Zeit-Kontinuum zerstören würde. Mehr Skepsis. Wir versuchen, die Telefonnummer von Stephen Hawking zu googeln. Es ist spät. Ninas Freundin Andrea sagt: „Also ich würde euch schon meine Kontodaten geben.“ Gut!

Auf die Straße
Je später der Abend: desto ehrlicher das Feedback.

Spät dann noch die Adelung von Paul, Neuroinformatiker, der mit seiner Freundin Jimmy da ist. Jimmy: „So etwas haben wir neulich erst verschenkt. Über Kickstarter.“ Zielgruppe! Und Paul: „Ich würde es meinem Kind kaufen.“ Ein Satz, golden, wie ihn sich Leo und Christian nicht besser vorstellen können. Da ist er, der herbeigesehnte Nasa-Dad. Wir stolpern noch ins Muschi Obermaier, wo wir auf eine Gruppe Argentinierinnen treffen, die beim besten Willen nicht verstehen, was wir überhaupt von ihnen wollen. Aber sie freuen sich über die ausgegebenen Mexikaner. Verschmerzbar. Wie der dann doch nicht ganz so heftige Kater am Tag danach.

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 01/2017 der Business Punk. Titelgeschichte: “Mister Snapchat.“ Mehr Infos gibt es hier.

 

 


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen