Cherry Ventures: “In Berlin werden mehrere Zalandos entstehen“

Herr Glasner, Anfang 2015 haben Sie und Ihre Mitgründer Ihr Startup Quandoo nur zweieinhalb Jahre nach der Gründung für fast 200 Mio. Euro verkauft. Sie gingen in die USA, um dort eine neue Firma zu gründen. Doch Sie kamen zurück nach Berlin und gründeten gemeinsam mit Ihren Partnern Christian Meermann und Filip Danes, mit denen Sie schon zuvor Angel Investments gemacht haben, die VC-Firma Cherry Ventures. Woher der Sinneswandel?

Wir haben uns damals in den USA mit allen möglichen Leuten getroffen, darunter auch einige VCs. Dabei fiel mir auf, dass gerade Early-Stage-Investoren dort oft von ehemaligen Gründern gemanagt werden. Ein weiteres Learning aus diesen Meetings war, dass auch die nur mit Wasser kochen. Sie denken nur deutlich visionärer als wir. Das hat Eindruck auf mich gemacht.

Inwiefern?

Jedes Mal kam ich aus den USA mit einer „Alles ist möglich“-Stimmung zurück. Die lässt natürlich nach, je länger du zurück bist. Und unsere europäische Verbundenheit mit der Realität schadet ja auch nicht. Aber dieses große Denken, dieses starke Unternehmertum, das sich in den USA in jeder Lebenssituation widerspiegelt, das fand ich schon sehr krass und sehr bereichernd.

Wann wurde aus dieser Erfahrung die Idee, den VC Cherry Ventures zu gründen?

Die Entscheidung, mit 100 Prozent unserer Zeit einen VC aufzubauen, ist während unserer Trips durch die USA über die Zeit entstanden und gereift. Dabei haben wir eigentlich ziemlich unternehmerisch gedacht: Als Gründer waren wir selbst Kunde des Produkts Venturecapital und uns sicher, dass es in Europa eine riesige Marktlücke für einen Early-Stage-Fonds gibt, der von erfolgreichen Gründern gemanagt wird. Und wir hatten das Gefühl, dass speziell in Berlin gerade etwas Großes entsteht. Wir dachten uns, wenn wir jetzt einen VC aufbauen, dann können wir wesentlichen Anteil daran haben, wie sich das Ökosystem in Berlin, aber auch in Europa weiterentwickelt.

Warum entschieden Sie sich für einen VC-Fonds und gegen das für Berlin typische Modell des Company-Builders?

Wir haben verschiedene Modelle durchgespielt: operativ vs. nichtoperativ oder ein Mittelding. Aus unserer Sicht war relativ schnell klar, ein Company-Builder ist nicht mehr das richtige Modell, um gute Unternehmen aufzubauen. Wenn wir bei den nächsten großen Erfolgscases in Berlin mitmischen wollen, dann ist das beste Modell der VC.

Die aktuelle Krise bei Rocket Internet zeigt, das Modell Company-Builder hat ein Pro­blem. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das klassische Company-Builder- und Inkubatoren-Modell hat in Berlin bis Anfang der 2010er-Jahre funktioniert und war auch wichtig, weil das Ökosystem noch nicht so entwickelt war. Für Gründer war es damals sehr schwierig, Zugang zu Kapital und Ressourcen zu kriegen. Gute Company-Builder jedoch boten all das: Geld, ein Topmarketingteam, Topentwickler. Doch diese Vorteile sind meiner Meinung nach kaum noch gegeben. Wenn du ein guter Gründer mit einer halbwegs vernünftigen Idee bist, bekommst du heute zumindest ein Early-Stage-Funding. Und verfügbares Talent gibt es in Berlin mittlerweile ausreichend. Darum überwiegen die Nachteile.

Etwa dass man als Gründer beim Company-Builder nur einen winzigen Anteil an der Firma bekommt.

Genau. Und wenn du ein ambitionierter Gründer bist, der ein wirklich großes Unternehmen aufbauen will, hast du inzwischen die Option, es auch ohne einen Company-Builder zu schaffen. Deshalb folgen wir der Hypothese: Die besten Gründer sind die, die ein Unternehmen außerhalb solcher Strukturen bauen werden. Und in die wollen wir investieren.

Was für Leute sind das?

Ganz gemischt. Viele Ex-Rocket-Mitarbeiter sind zu teilweise extrem erfolgreichen Gründern geworden. Auch bei Zalando oder Groupon gibt es viele, die in der zweiten und dritten Reihe entscheidend beteiligt waren, dort unternehmerische und operative Erfahrungen gesammelt haben und nun was Eigenes machen wollen. Die sind noch richtig hungrig. Aber es gibt auch ganz klassisch die Leute, die von uns gehört haben, etwa weil ein anderer Fonds uns empfohlen hat.

Die Konkurrenz schickt Leute?

In Berlin herrscht im Grundsatz eine sehr kollaborative Kultur. Es gibt viele Fonds, für die passt ein Gründer oder Geschäftsmodell nicht. Die sagen dann, geh doch mal zu den Jungs von Cherry Ventures. So machen wir das auch. Ein Grund, warum die Ökosysteme in den USA so gut funktionieren, ist die sehr starke Zusammenarbeit. Das sollten wir auch in Berlin erhalten. Je mehr wir alle in dieses Ökosystem investieren, desto eher werden in Zukunft alle etwas davon haben. Es wird nicht nur einen Erfolgscase geben, wenn das Ganze funktionieren soll, dann muss das System laufend Success-Stories produzieren.

Welche Rolle soll Cherry Ventures dabei spielen?

Wir sind der festen Überzeugung, dass in den nächsten Jahren mehrere Zalandos und Delivery Heroes hier in Berlin entstehen werden. Unser Anspruch ist, bei diesen dabei zu sein oder zumindest eine Rolle dabei gespielt zu haben. Im Grunde wollen wir nicht nur einen Fonds aufbauen, sondern Cherry Ventures zur Marke machen, die für europäisches Early-Stage-Investment steht. Unser Ziel ist, dass in ein paar Jahren jeder Topgründer Cherry Ventures als ersten institutionellen Investor haben will.

Eine ziemlich laute Ansage …

Ich würde uns nicht als laut bezeichnen, nur weil wir unseren Anspruch und unseren Ansatz klar kommunizieren. Eins sagen wir auch: Wir haben als Unternehmer Erfolg gehabt, wir haben als Angel-Investoren Erfolg gehabt, aber als institutionelle Early-Stage-Investoren müssen wir erst zeigen, dass wir Erfolg haben. Das heißt: Wir haben einen Fonds geraist und begonnen, eine Plattform für gute Investments aufzubauen. Aber jetzt müssen wir liefern. VC klingt immer superaufregend und spannend. Ist es auch, aber es ist auch ein sauharter Job, so einen 150-Millionen-Fonds mit einer guten Rendite zurückzuzahlen. Da musst du viele sehr gute Investments machen und die dann auch zu einem Exit bringen.


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