DIY: Futuristisches Sex Toy für High Performer der Selbstbefriedigung im Test

Ob Zombie-Apokalypse oder Supergau – auch der letzte Mann auf Erden sehnt sich nach geschlechtlicher Geborgenheit. Doch wo alle anderen Körper zu Staub zerfallen sind, bleibt dem Einsamen nur die Simulation. Test eines Sex-Toys für High Performer der Selbstbefriedigung mit viel Glibber und Gleitgel. Traum oder Trauma?

Schreiben ist ein wunderbarer Beruf. Vor allem, wenn einem die Storys zugelaufen kommen. Wie vor ein paar Wochen auf einer Party – mein Redakteur sagte, er hätte da was für mich. „Kann auch anonym veröffentlicht werden“, leitete er ein. Ich ahnte: entweder was mit Drogen oder mit Pornos. Und tatsächlich ging es um eine Art Taschenmuschi, die ich testen sollte. Schön, ich bin also der Mann fürs Schmutzige.

Diese Szene war auch Teil eines apokalyptischen Traums, den ich vor Kurzem hatte: Ein paar Tage nach besagter Party hatten der Irre aus dem Weißen Haus und der wandelnde Minderwertigkeitskomplex aus Nordkorea nach Wochen verbaler Schwanzvergleiche geschafft, was der gesamte Kalte Krieg nicht vermocht hatte: einen atomaren Supergau. Alles ist im Arsch. Und ich bin der letzte Mensch auf Erden. Ich wandere an toten Bäumen vorbei durch die trostlose Betonwüste meiner versunkenen Heimatstadt. Und das macht einsam.

Mit Taschenmuschi in der Altbauruine

So habe ich plötzlich wieder die Taschenmuschi im Kopf. Denn selbst in Zeiten größter existenzieller Not – die Libido schläft nie. Während ich also mit Speer und Bogen bewaffnet die radioaktiv verseuchte Großstadtsteppe durchstreife und mich nach von heißen Leibern verschwitzten Betten sehne, in denen ich nie wieder die Umarmung zärtlicher Weiblichkeit würde spüren können, kommt mir plötzlich die Lösung: Dieses Gerät muss doch noch im Büro sein, wo es eines Tages in der Post lag. Vielleicht wird es mir annähernd das geben können, was für immer verloren ist: keinen Partner für die gemeinsame apokalyptische Zukunft, doch wenigstens die Illusion einer feuchten Umschmeichelung meiner Männlichkeit. Flip Hole heißt das Ding, kommt vom japanischen Hersteller Tenga und sei in Sachen Vaginalsimulation der heißeste Scheiß auf dem High-End-Markt für Sex-Toys. Die gängigen Erotikshops preisen es an.

Mit Taschenmuschi vor dem Spiegel

Als ich den Masturbator schließlich in den Resten des Büros entdecke, glaube ich erst, ein dekoratives Designobjekt unbekannter Funktion in den Händen zu halten. Irgendwas zwischen Amazon Echo und einer futuristischen Vase. Dieser weißgraue, etwa 20 Zentimeter hohe Kunststoffzylinder, der in einem Wohnzimmerregal nicht weiter auffallen würde, ist also meine sexuelle Zukunft. Wie unsexy, denke ich enttäuscht und nehme ihn mit nach Hause in meine Altbauruine.

Wackelpudding aus Silikon

Dort steht das Teil erst mal herum, skeptisch beäugt und betastet. Der Zylinder mit einer Öffnung zum Reingleiten lässt sich längs aufklappen. Im Innern dann ein Wackelpudding aus weichem Silikonglibber in Form unzähliger Knubbel, Noppen und Ausbuchtungen. Das soll also der Penetrationskanal sein. Ich muss an Robin Williams denken. Der hatte als Professor Brainard in „Flubber“ jene gleichnamige, wabbelnde Substanz erfunden, an die das Innenleben der Tenga-Muschi erinnert. Ähnlich waren auch diese weichmacherverseuchten Spielzeugtierchen aus den Neunzigern, bei denen weiches Silikonzeug aus den Augen quoll, wenn man sie drückte.

Was für ein Unrecht wurde dem so einzigartigen und starken Organ, der Vagina, hier angetan, denke ich. Denn diese Muschikopie ist ein wackelndes, gelhaftes Etwas. Doch der Tag, an dem der Druck nicht mehr auszuhalten ist, denke ich weiter, er wird kommen. Also werde ich das Flip Hole behalten.

Als der Tag da ist, muss ich mich entscheiden: mild, real und wild. So unterscheiden sich je nach Dickflüssigkeit die mitgelieferten drei Gleitgels. Ich wähle das wilde Gel und verteile es im Innern des Zylinders. Zugeklappt quillt alles wieder heraus, eine riesige Sauerei auf dem Sofa. Aber mittlerweile bin ich fest entschlossen, der Einsamkeit im nuklearen Fallout zu entfliehen. Ich sehne mich nach Geborgenheit, wenn auch nur nach mechanischer. Doch Silikon ist kein besonders guter Wärmeleiter. Abgesehen von der nicht-anatomischen Optik ein zweiter Punktabzug in Sachen menschlicher Vereinigungsillusion. Trotzdem vermittelt das Flip Hole ein erschreckend natürliches und weiches Empfinden. Sogar vaginaler Druck kann durch drei Knöpfe am Gerät simuliert werden.

Alles in allem aber ein eher kühl-mechanisches Erlebnis voller Vorbereitung, Kunststoff, Flüssigkeiten und Reinigung. Zurück bleiben ein fettiger Gelfleck auf dem Sofa und die Erkenntnis, dass auch in den dunklen Stunden postapokalyptischer Sehnsucht die Hand der beste erotische Begleiter des einsamen Wanderers sein wird.

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 05/2017. Titelgeschichte: Gestartet als durchgeknalltes Kondom-Startup berät Einhorn Products jetzt milliardenschwere Konzerne. Mehr Infos gibt es hier.


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Wirtschaft, Politik und Popkultur. Wohnt im Internet, geht aber manchmal raus zum Spielen.

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