Green & Sustainability Erst Freaks, jetzt Ratgeber: Wie Einhorn zu New-Work-Idolen wurden

Erst Freaks, jetzt Ratgeber: Wie Einhorn zu New-Work-Idolen wurden

5. Matthias

Der Lehmann hat Mist gebaut. Der Lehmann, das ist der Berliner Getränkegroßhändler, der eigentlich seit Wochen das Bier der Wiener Traditionsbrauerei Ottakringer im Sortiment haben sollte. Jetzt: Er hat es nicht. Irgendwelche Schwierigkeiten bei der Bestellung, und das, obwohl Siefer den Deal während seiner Zeit als Geschäftsführer für Ottakringer eingetütet hatte. Leichter, nicht allzu ernster Krisentalk zwischen ihm und dem richtigen Ottakringer-CEO Ortner bei einem Bier, Sommerabend im ersten Bezirk in Wien. Siefer wird sich kümmern.

Seit Siefer und Ortner eine Woche lang jeweils das Unternehmen des anderen geleitet haben, denken sie füreinander mit – welche Chancen, Möglichkeiten, Produkte könnten für den anderen interessant sein? Dieser Abend in Wien ist seitdem ihr erstes persönliches Treffen, und sie tauschen Anek­doten aus. Wie Ortner am ersten Tag in Berlin vor fast leerem Büro stand, weil die meisten sonst wann eintrudeln. Wie Siefer, ganz Product-Guy, das Radler in „Einhorn-Pisse“ umbenennen wollte und gleich ein paar Entwürfe gefordert hat, außerdem, dass er das Brauereidach den Angestellten als öffentlichen Entspannungsort freigeben wollte. Tief eingreifen in die Welt des anderen: So stellen sich Siefer und Zeiler große, nachhaltig wirkende Projekte vor.

Am nächsten Tag steht in einem Wiener Café ein gemeinsamer Talk an: Ortner und Siefer sitzen bei einem Panel und berichten von ihrem Tausch. Ihren gemachten Erfahrungen. Wie es für Ortner war, ein Team von nicht mal 20 Startup-Menschen zu leiten, wobei: leiten? Ist das das richtige Wort? Ortner überlegt. Es war schon sehr anders, gibt er zu. Siefer berichtet vom Gefühl, plötzlich auf dem Chefsessel eines über 100 Jahre alten Unternehmens mit über 200 Mitarbeitern zu sitzen. Wieder die begeisterten Gesichter im Publikum. Denn auch Ortner, Local Hero und ein Allround-Sympath, erzählt gewandt. Es beschleicht einen das Gefühl, dass die beiden genau das bis ans Ende ihrer Tage machen könnten: Die Storys sitzen, die Pointen kommen punktgenau. Der CEO-Tausch ist der Cirque du Soleil der Gründerszene, ein todsicheres Marketingding. Kein Wunder, dass der TV-Sender Kabel eins das Ganze damals mit Kamera begleitet hat – das Plot-Prinzip „Fish out of Water“ hat einfach einen riesigen Reiz.

Zum Ausklang lassen die beiden noch einmal die Woche Revue passieren. Ortner fragt, welche seiner Vorschläge von damals implementiert wurden. Ein paar schon, sagt Siefer. Wir sind dran. Ortner nickt und sagt, dass er nicht umsonst im Einhorn-Kostüm und mit falschem Bart Kondome verteilend in die Fette Beate gelaufen sein will. Wilde Renate, sagt Siefer, so heißt der Club. Das Lachen der beiden tönt laut in den Abend.

6. Klaus, Teil 2

Aber zurück aufs Boot, das für den Abend in Paretz in Brandenburg anlegt. Zeiler fragt jetzt: „Ist ,Start with Why‘ noch zeitgemäß?“ Sineks Ideen stammen aus den Nullerjahren, gibt er zu bedenken. „Alle Corporates hauen jetzt in das Modell, aber das ist offenbar nicht das Modell für neues Arbeiten. Das müssen wir vielleicht zerstören.“ Die Einhornys verteilen sich auf den Gasthauskomplex, ein paar werden in einer Jurte schlafen. Am Abend wird es weitere Gespräche geben, danach gemeinsames „Game of Thrones“-Gucken.

In der Wirtschaft, in der gerne von Quartalsbericht zu Quartalsbericht geflickt wird, klingen solche Worte fremd, erfrischend. Dass es jemand so rabiat ernst nimmt, das Hinterfragen und Weiterdrehen. Die Aufrichtigkeit dabei. Dass jemand keine Lösung, sondern vielleicht nur einen Prozess hat, gibt seltsamerweise Hoffnung. Das dürfte für viele Unternehmen neu sein, neu und aufregend, und vielleicht ist es das, was sie sich von Einhorn als Beratern erhoffen: das Offenlegen.

Vielleicht ist dies das Versprechen von Einhorn. Die Welt ist verfahren, ungerecht. Wer etwas lösen will, muss Schmerzen ertragen. Die Antworten liegen nicht rum, aber man kann ja irgendwo anfangen, am besten mit Drüberreden. Nichts daran ist einfach. Und so wie man einem Kind behutsam ein Pflaster auf die Schramme tut und vorher noch kurz draufbläst, stellen sich Zeiler und Siefer gerne hin und ziehen auch mal ein Kondom über den Kopf, damit das alles nicht ganz so traurig ist.

Einhorn sind bereit für die Zukunft der Wirtschaft und erzählen einem gerne davon – solange man ihnen zeigt, dass man genügend Klausability mitbringt.

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