Die Slack-Story: Oh mein Gott, sie haben E-Mail getötet

Nie mehr out of office: Stewart Butterfield erschafft mit dem Kommunikationstool Slack das zentrale Nervensystem für Unternehmen.

Stewart Butterfield scrollt und scrollt durch die Slack-Kanäle, scrollt sich den Daumen wund. Wie lautete sie jetzt genau, diese eine Triumphnachricht, in der er dem Team vor ein paar Tagen verkünden konnte, dass die Finanzierungsrunde geklappt hat? Dass sein Laden, die Work-Dauerfeuer-App Slack, jetzt mit sage und schreibe 5 Mrd. Dollar bewertet wird? Man will ihm helfen: War die vielleicht komplett in Großbuchstaben? Nein, nein, kommt es leise von Butterfield zurück, der heiser ist, jet-lagged, so früh am kalten Herbstmorgen in seinem Hotel in Hamburg. Butterfield, Anfang 40, scrollt weiter, sieht dabei aus wie ein charmant verpennter Roman Abramowitsch. Nein, nein. Es wird schnell klar, das ist gar nicht seine Art, das Laute, Übertriebene, die Ausrufezeichen. Er steckt das Telefon weg, kümmern wir uns später drum, die Nachricht geht ja – Slack-Ehrenwort! – nicht verloren.

Es ist Ende September, und CEO und Gründer Butterfield ist auf Europatournee. Nicht nur, dass die jüngste Finanzierungsrunde durchgegangen ist, sein Service zur kompletten Konzern-Umkrempelung geht in mehreren Ländern gleichzeitig mit eigenen Teams an den Start. Slack ist mittlerweile auf Spanisch, Französisch und Deutsch nutzbar. Vielleicht sieht Butterfield auch deswegen so müde aus: Gerade mal vier Jahre sind vergangen, seit sein Unicorn an den Markt gegangen ist.

Slack als Zufallsprodukt

In dieser Zeit hat sich das Produkt angeschickt, die Art und Weise, wie bei der Arbeit kommuniziert und organisiert wird, radikal zu ändern. Bottom-up, nichthierarchisch, effektiver, buzzwordet es aus Butterfield heraus. Er holt dann ein bisschen aus, sagt: „Ben Horowitz, der Großinvestor, der auch bei uns beteiligt ist, hat diese Theorie: Die Menge an Kommunikation, die in einem Unternehmen benötigt wird, ist antiproportional zum dort herrschenden Vertrauen.“ Andersrum, man kennt es ja selber: Wo viel Vertrauen herrscht, ist oft nur ein Zwinkern notwendig, um sich zu verständigen. Slack soll zu nichts weniger werden als zur Körpersprache eines Unternehmens. Wo Abläufe ballerinaartig weich sind, wo nur die notwendigen Stellen aktiviert sind. Aber so ein Mega-Shift macht, mit einem Blick auf Butterfields Augenringe, offenbar viel, nun, Arbeit.

Slack Office in Dublin
Slack Office in Dublin

Dabei müsste er sich doch am besten mit großen Veränderungen und den nötigen Maßnahmen auskennen, ist das Produkt Slack selber nichts anderes als ein glücklicher Zufall: Ende 2012, und Butterfield ist dabei, ein ambitioniertes und gut vorfinanziertes Onlinerollenspiel zu begraben. Dreieinhalb Jahre Arbeit hat er da reingesteckt, dann macht er das Projekt dicht. Aber: In den dreieinhalb Jahren haben er und sein Team zur internen Kommunikation ein uraltes Messagingsystem genutzt, „das hieß IRC, Internet Relay Chat, erfunden von einem Finnen Ende der 80er“. Das Team hegte und pflegte das Tool, nutzte es intensiv, merzte nach und nach alte Fehler aus, machte es für die Gegenwart nutzbar. Als Butterfield dann sein Gamingprojekt begräbt, hat er noch 5,5 Mio. Dollar Kapital über. Was damit anstellen?

„Für viele Risikokapitalgeber ist es interessanter, dass man was mit dem Geld anstellt. Die wollen nicht einen kleinen Teil zurück, die sagen eher: Macht mal, vielleicht passiert ja doch noch was.“ Butterfield und den anderen war klar, dass sie nie wieder ein Projekt „ohne dieses zusammengeschusterte, namenlose Tool“ in Angriff nehmen werden. Grübeln: Wie könnte das als eigenständiges Produkt aussehen? Wie würde man das bauen? Welche Features hätte das? Vier Jahre später hat er aus den 5,5 Mio. Dollar, die er noch zwischen den Couchkissen gefunden hatte, ein Unternehmen geschaffen, das 5,5 Mrd. Dollar wert ist, 900 Menschen beschäftigt, weltweit von über 50. 000 Unternehmen genutzt wird. Wie?

Sechs Kanäle Wandern

Butterfield sagt: „Unsere erste Website zeigte eine Frau am Arbeitsplatz: Füße auf dem Tisch, farbige Stifte überall, das Ganze sollte Kreativität vermitteln. Darüber stand dann: ,Be less busy.‘“ Das Versprechen: das Nervige an Arbeit eliminieren. Die tödlichen Routinen. Dass die Kapazität für die interessanten Sachen genutzt wird, dass – Slack selber als glorioses Beispiel – die besten Ideen entstehen, wenn man frei arbeiten kann. Ein Prinzip, das schon seit Urzeiten unter dem Begriff Serendipität bekannt ist: Die besten Einfälle kommen, wenn man akut so was von gar nicht mit der eigentlichen Aufgabe beschäftigt ist, sondern geistig herumschlendert, neue, gute Ideen herbeischusselt.

Und der Zeitpunkt war nicht schlecht. Denn der Erfolg von Slack liegt nicht zuletzt am Hass auf E-Mail. Seit Jahren schon wird E-Mail lustvoll niedergeschrieben, in Artikeln, die in ihrer Übertreibung immer sehr ulkig wirken – Büromenschlein-Uprising. Weil: Hasst der Handwerker den Hammer, den er täglich nutzt? Vielleicht nicht, aber um in der Analogie zu bleiben: Der Handwerker hasst den Hammer, von dem er Blasen an den Händen bekommt. E-Mail ist der krumme Hammer der Office-Biene, und Butterfield hatte da etwas, womit er Abhilfe schaffen könnte.


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