Die Slack-Story: Oh mein Gott, sie haben E-Mail getötet

Fröhlich grüßt der Bot

Trotzdem stand am Anfang die große Aufgabe: der Need. Leute mussten davon überzeugt werden, dass sie Slack brauchen. Niemand mochte das bestehende Prinzip, aber wer hat schon Zeit, Neues auszuprobieren? Einen Service, der nichts Bestehendes, nichts Bekanntes ersetzt. Butterfield: „Es ging schließlich darum, das Verhalten von Menschen komplett umzukrempeln.“ Slack stieß auf Interesse, aber tatsächlich den Schritt zu wagen? Schwierig.
Es fand sich dann doch jemand, Rdio, der mittlerweile eingestellte Musikstreamingdienst aus dem Valley. „Die hatten über 100 Leute, wir waren zu acht.“ Anders gesagt: Slacks Feuertaufe. Butterfield und Team hatten außerdem den Luxus, dreieinhalb Jahre lang an dem Ding zu feilen, eine Art Etikette zu entwickeln, Routinen im Umgang damit zu schaffen. Rdios Mitarbeiter hingegen hatten plötzlich sechs Channels allein zum Thema Wandern eingerichtet, mit je zwei oder drei Mitgliedern. Slack lernte viel vom Beobachten des Nutzerverhaltens.

Dann der Hype: Medienunternehmen fingen an, Slack zu nutzen, alle Großen, eins nach dem anderen. „New York Times“, CBS, CNN – Slack verbreitete sich in den USA wie ein kalifornischer Waldbrand. Es war wie vor ein paar Monaten bei Snapchat. Butterfield lächelt über den Vergleich: „Im Gegensatz zu Snapchat hat es aber niemanden cooler gemacht, es hat einfach nur den Leuten geholfen, ihre Arbeit zu erledigen.“ Integration um Integration kam hinzu, Unternehmen nutzen Hunderte Dienste, die allesamt immer kleinere und speziellere Aufgaben bedienen und sich an einzelne Teams richten. Salesforce, Jira, Github, Zendesk, und das sind nur die Großen. Wo kommt das alles zusammen? Klar, in Slack. „Das zentrale Nervensystem eines Unternehmens“, wie Butterfield sagt.

Das hebt Slack von der Konkurrenz ab. Denn alle steigen ein: Facebook Workplace, Google Hangouts, Microsoft Teams, andere, kleinere Anbieter – Kommunikationstools gibt es wie Gifs im Random Channel, sie alle haben aber bislang nicht die Integrationspower von Slack. Butterfield weiß, dass andere den Erfolg sehen. Doch Slack hat einen guten Vorsprung rausgearbeitet, ist für viele so etwas wie ein Synonym für Arbeit geworden. „Where work happens“ ist mittlerweile der Claim des Unternehmens. Das alles verbunden mit guter Laune: „Hallo“, grüßt der Bot fröhlich von „your friends at Slack“.

Nicht zu groß: Noch die Guten

Slack Office in Dublin
Slack Office Dublin

Noch hat Slack den Vorteil, sich als die Guten zu positionieren. Nicht zu groß. Eben nicht Google oder Facebook, denen man ohnehin keine zwei Byte weit traut. Aber: Wie lange dauert es, bis Slack so richtig gehasst wird? Denn bei aller Liebe, am Ende steht das Tool doch für Arbeit, und bei den allermeisten Menschen ist diese nun einmal nicht ausschließlich positiv konnotiert. Vor allem, weil Slack einen Totalangriff auf den Feierabend darstellt. Wo manche Konzerne sich in den letzten Jahren mühsam dazu durchgerungen haben, den Zugriff auf E-Mail in den Schonzeiten Abend und Wochenende zu reduzieren, damit ihnen die Menschen nicht ganz so schnell kaputtgehen, ballern die Slack-Benachrichtigungen pausenlos auf den Sperrbildschirm.

Klar kann man die pausieren, aber kann man sich das leisten? Denn wer sich zu lange Auszeiten erlaubt, kommt nicht mehr hinterher, Nachrichten in den Kanälen stapeln sich. Die Hürde, die eine förmlich anmutende E-Mail oft darstellt, ist bei Slack komplett weg. Man kann unreflektiert Nachricht um Nachricht in die Kanäle schicken. Digitalos arbeiten in allen Zeitzonen, Slack ist das bevorzugte Tool für agile Projekte, die in Sprints erledigt werden, denen sich alles unterzuordnen hat. Blinkblinkblink, leuchten die Push-Nachrichten an die dunkle Schlafzimmerdecke.

Außerdem ist die Durchsuchbarkeit der Channels totales Crack für Mikromanager: Alles ist nachvollziehbar. Butterfield bezeichnet es als „trust“, das Phänomen, wenn alle auf demselben Infostand sind, weil alles für jeden zugänglich abgelegt ist. Wenn niemand mit Nachfragen und Suchen, diesen negativen Kommunikationsformen, beschäftigt ist. Wann kommt der unvermeidliche Backlash?

Butterfield richtet erst einmal den Fokus auf die neuen Märkte. Rund 20 Sales-Mitarbeiter sind jetzt in Europa unterwegs und wollen auch in Deutschland den Leuten beibringen, dass es effektiver ist, Emojis zu verschicken, als in „Sehr geehrter“ und „mit freundlichen Grüßen“ zu kommunizieren. Auch wenn Frankfurter Excel-Veteranen sicherlich Schnappatmung bekommen, läuft es ganz gut, große Konzerne sind bereits an Bord. Dass hier Microsoft ein riesiger etablierter Konkurrent ist, scheint Butterfield egal. „Wir kümmern uns nicht um die Konkurrenz, nur um die Kunden“, sagt er geübt, wieder müde lächelnd wie einer, der spürt, dass seine Erfindung ohnehin nicht zu stoppen ist.

Der Artikel stammt aus der Ausgabe 05/2017. Titelgeschichte: Gestartet als durchgeknalltes Kondom-Startup berät Einhorn Products jetzt milliardenschwere Konzerne. Mehr Infos gibt es hier.


Alexander Langer

Alexander ist Redaktionsleiter bei Business Punk, außerdem Autor und Host der Podcasts "How To Fix It" und "Kampf der Unternehmen"

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