Mythos Mitte: Feinste Anekdoten aus Berlins Startup-Szene

Gehen wir doch mal zurück. Wie ist Mitte zu Mitte geworden? Gerne, sagt Hüsing und holt weit aus. Ehssan Dariani und StudiVZ, sagt er. Das war für ihn die Initialzündung für Startup-Berlin, vielleicht sogar für ganz Deutschland. Aber nur die zweite. Davor gab es nämlich Alando von den Samwers. Ende der Neunziger. „Das war die absolute Kernzelle für Berliner Startups. Wer da alles Praktikant war und danach selber gegründet hat, das ist das absolute Who’s who der heute erfolgreichen Gründer.“

Im Hintergrund läuft Radiohead, und vielleicht ist Thom Yorkes migräniges Gegreine der Grund dafür, dass Hüsing lieber über das Jetzt reden will. Er macht sich Sorgen über die derzeitigen Entwicklungen bei Rocket und bei Soundcloud. Er erinnert sich an die Eiszeiten, so nennt er die Jahre nach dem Dotcom-Crash und die Phase nach der Finanzkrise 2008. Da flossen weniger Investments, Geldgeber haben das Portemonnaie zugemacht. Erst mal abwarten. Für die Szene war es aber nicht so schlimm: „Wer damals gegründet hat, meinte es ernst.“ Da sind Gameduell und Xing entstanden, es wurde weniger gegründet, dafür aber von den richtigen Leuten. Aber jetzt, sagt er, muss ein Exit kommen. Irgendwo muss mal ein Preisschild dran.

Erst einmal noch ein paar generelle Beobachtungen zur Berliner Szene: Hüsing mag die leisen Gründer, die solide arbeiten, nicht zu viel Show machen. Zum Beispiel Jens Begemann von den Game-Programmierern Wooga. Ganz natürlicher Typ, auch wenn er neben Merkel steht. Jeans und Pulli. Bei Begemann, der bei Jamba angefangen hat, schätzt Hüsing die ganz gesunde Vision.

Vielleicht deswegen das Augenrollen, als er sich an die Gründungsfeier von Brands4Friends im Grill Royal erinnert, damals, 2007. „Völlig überzogen. Stars, Sternchen, Investorenriege, Schauspieler, die halbe Berliner Startup-Szene – was die an dem einen Abend verballert haben, dürfte für einige Startups reichen, um für den Rest des Jahres durchfinanziert zu sein.“ Sogar Rolf Eden war Gast. Hüsing musste damals an die Blase im Jahr 2000 zurückdenken. „Ich dachte sofort: Es ist wieder so weit, wir flippen wieder aus, und das nur, weil ein Unternehmen online gegangen ist.“

Dann doch lieber kleine, intime Events. Hüsings Lieblingsveranstaltung ist seit Jahren die Berlin Zweinull, eine Invitation-only-Sache, wo sich „die Old Economy mit der New Economy trifft“. Zweimal im Jahr, Florian Heinemann, Ehssan Dariani, solche Leute, maximal 100 Teilnehmer, derzeit in Clärchens Ballhaus. Ein Abend unter der Woche, manchmal ist zeitgleich Champions League, dann muss für die Bayern-Fraktion unter den Gründern der Fernseher reingeholt werden. Der entspannte Country-Club in Mitte.

Startup Hertha BSC

Neulich hatte man Paul Keuter von Hertha BSC als Gast. Keuter war vorher bei Twitter, jetzt macht er für die Hertha Digitalisierung. Auch deswegen kokettiert Hertha mit dem Claim, „das älteste Startup Berlins“ zu sein. Keuter hat sie alle zum Heimspiel gegen Werder Bremen eingeladen, mit Bustransfer ins Olympiastadion vom Alexanderplatz aus. Eine Stunde vor Spielbeginn durften sie alle in die Spielerkabine und Fotos von ordentlich aufgehängten Trikots machen. Hüsing will das Wort nicht sagen, aber der Begriff Klassenfahrt schwebt groß im Raum.

Hüsing denkt darüber nach, bei welchem Berliner Startup er falschlag. Wo er eine bessere Zukunft vorhergesehen hatte: „Richtig traurig ist, dass Auctionata nicht funktioniert hat. Die hatten 100 Millionen eingesammelt, ein gutes Geschäftsmodell.“ Schlimmer noch, wenn man bedenkt, wer dahintersteckte. „Die hatten eine tolle Investorenriege, aus Deutschland und international. Da haben die Richtigen fatalerweise nicht mehr dran geglaubt.“

Hüsing weiß aber auch, dass es jetzt an der Zeit ist und auf die Zahlen geguckt wird. „Wir sind hier in den letzten Jahren von zu vielen Pleiten verschont geblieben. Da ist viel mitgefüttert worden, was bei schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen dichtgemacht worden wäre.“ Auctionata stellt für ihn eine Zäsur dar. „Das war eigentlich too big to fail. Jetzt beginnt eine andere Zeit. Bei Soundcloud auch: Da geht es nur noch darum, das reine Investment reinzuholen, vom Fast-Einhorn zur Ramschware.“

Hüsing erklärt, dass die Zyklen kleiner werden, die Geduld. Dass Investoren, gerade den internationalen, noch nicht bewiesen wurde, dass man es hier kann. Ohne Exits ist das schwierig. Und die sorgen für die Legitimierung. Investoren schauen jetzt ganz genau darauf, welche Unternehmen sich entwickeln. Er sagt: „Delivery Hero muss jetzt liefern. Da steckt so viel Geld drin, auch von einigen Leuten das geschätzt letzte Geld, das sie haben.“ Hüsing lächelt, aber es ist ein eher trauriges Lächeln. Er macht sich ernsthaft Sorgen um den Standort, kennt die Menschen hinter den Unternehmen alle persönlich, hat den Werdegang mitverfolgt. Man hat das Gefühl, dass sein Blick auf die Startup-Szene von sehr weit oben kommt und immer wohlwollend ist.

Weiter: Wenn Soundcloud verramscht wird, ist das schlimm, als Signal für die ganze Stadt. „Und Movinga“, sagt er zum Abschied. „Das darf nicht vor die Wand fahren.“ Es ist, als würde er einen Sorgenkind-Katalog durchgehen. Denn, klar, es ist nie gut, wenn man zu früh dran ist. Wie damals der Youtube-Pionier aus der Chausseestraße. Aber schlimmer noch ist wohl, wenn es zu spät ist. Und Hüsing sieht man an, dass er sich Gedanken macht, dass es für die Stadt ohne baldigen Exit oder Börsengang als Europas Startup-Szene Nummer eins zu spät sein könnte.

Die Torstraße vom Rosenthaler Platz aus nach Osten: Hier hängen an den Eingängen Firmenschilder, manche selbst laminiert, gefräst, ein paar sind sogar aus Messing. Man spürt den hoffnungsvollen Nachwuchs. Alles schon einmal gehört, da arbeitet einer, den man kennt, über das andere lief neulich was im Twitter-Feed, nicken, hm, hm, okay, okay, aber es ist ein wenig so, als würde man sich die Startaufstellung von der U21 durchlesen. Es wird. Es wird werden. Es will. Es will unbedingt, denkt man, wenn man die vergilbten Papp-Firmenschilder betrachtet, die es geschafft haben, den Winter durch dem Wetter zu trotzen.

Spätes Gespräch in der Postbank am Geldautomaten. Ein junger Typ klagt dem Buddy sein Leid. Er will, dass die Eltern in Berlin investieren, auch jetzt noch, bevor alles noch teurer wird, shit, wer weiß, wohin das noch alles steigt. Aber die Eltern seien stur. Dabei ist der Boden im Heimatdorf nichts wert, die Bausubstanz auch nicht. Und das soll er mal erben, anstatt hier eine Wohnung zu beziehen? Die Panik in der Stimme ist echt.

Am Ende der östlichen Torstraße liegt das Soho House, in dem gefühlt mittlerweile alle Mitglied sind, die auch nur bei einem Startup am Empfang gearbeitet haben. Dort auf der Dachterrasse der Pool mit Blick auf den Fernsehturm, immer wieder wird das Soho für Produktlaunches und Pressetermine gebucht. Irgendwann landet jeder mal dort und lässt sich von jungen Leuten was erzählen. Weiter nach Osten kommt dann lange Zeit nichts mehr.

Nach Westen geht es in Richtung Muschi Obermaier, Bravo Bar und King Size, Clubs mit gediegenem Ü30-Publikum, in denen es sich prima von Donnerstag bis Sonntag durchknutschen lässt. Auf dem Weg dahin Häuser mit Briefkastenfirmen, daneben wiederum das Bulthaup Küchenstudio für die, die von der Briefkastenexistenz graduated sind, wenn es denn mit der Finanzierungsrunde geklappt hat. Dann Häuser, deren elegante Klingelschilder erst gar keine Namen zeigen: Diskretion, bitte.

Die abendliche Taxischlange am Rosenthaler Platz. Warten auf die Touristen, die aus den Sushi-Restaurants und kleinen Italienern tappen und sich ratlos umsehen. Taxifahrer Sam ist einerseits genervt, weil die Touristen meist nur ein paar Meter weiter wollen, zum Hackeschen Markt, zum Alexanderplatz, keiner kennt die Entfernungen. Andererseits: Trinkgeld oft genug sehr gut. Später am Abend wollen sie ins Berghain oder überhaupt nach Friedrichshain gefahren werden, darüber hat man vorher schon viel gelesen, Mitte leert sich mit einem Mal schnell. Die Touristen erkennt man an den Hemden, in denen sie eigenartig feierlich und unnötig humorlos aussehen. Wer länger als eine Woche hier ist, vergisst den Kragen. Echte Mitte-Veteranen, sieht man, tragen Sweater.

Aufklärung vom Investor

Ehssan Dariani sagt, dass er sich nie als Gründer oder Unternehmer gesehen hätte. Also natürlich auch, aber diese Züge sind eben nur Teilaspekte seines Wesens. Der Mann, der Deutschland Mitte der Nullerjahre mit seinem StudiVZ in das Zeitalter von Social Media geholt hat, interessiert sich für viele Sachen. Schon immer, natürlich, ist ja auch von Haus aus Naturwissenschaftler. Jetzt, da er viel Zeit hat, kann er noch mehr neuen Projekten und Interessen nachgehen. „Damals habe ich mir den Titel ‚Project Pusher‘ gegeben.“ Das sollte die Komplexität seiner Interessen und Tätigkeiten einfangen. Andererseits auch nicht optimal: „Ich bin ein Prokrastinierer, beschäftige mich mit allem Möglichen. Gesellschaft, Politik, Wissenschaften. Ich definiere mich nicht über Business, schon damals bei StudiVZ nicht.“ Was er gerade macht? „Nach Themen suchen“, sagt er.

Und so wird das Lunchdate im Aiko-Sushirestaurant auch schnell eine Ideenreise. Dariani redet in den ersten Minuten darüber, dass ein Mangel an Umverteilung die Gesellschaft gefährdet, von der Entkriminalisierung von jeder Art von Drogen, davon, dass ihm Trump Sorgen macht, dass er die Lage im Nahen Osten genau verfolgt. Erst neulich hat er vor der amerikanischen Botschaft bei einem Protest eine Rede gehalten, dieses Video und andere hat er bei Facebook geteilt, wo er eine Grassroots-Bewegung für wichtige Themen aufbauen will. „Aufklärung tut not“, sagt er und will gleich zum nächsten Thema hetzen, nämlich, wie er es als Teilnehmer bei „Jugend forscht“, also als in der Selbstwahrnehmung ewiger Außenseiter, schon früh verstanden hat, auf dem Pausenhof Objektivierungsmaßstäbe für die Hierarchien in Gruppen zu finden …

Aber Moment mal, will man wissen, Moment mal, was ist mit deinen Erinnerungen an Berlin? An die Anfangsphase? Das ist doch die Geschichte. Was ist mit Rocket? Zu Rocket Internet fällt ihm nicht viel ein. Achselzucken, nicht seine Welt, nicht sein Problem. Brauchte er damals nicht, heute schon gar nicht. Er ist einer derjenigen, die es ohne den großen Inkubator geschafft haben, Jahre vorher. Man möchte sich auch gar nicht ausmalen, wie eine Zusammenarbeit von ihm und Oliver Samwer ausgegangen wäre. Na gut, dann eben Erinnerungen. Dariani geht einen Moment in sich, schiebt die Schüssel mit Lachs weg. Dann eben Vergangenheit.

Als er 2005 nach Berlin kommt, hat Dariani erst mal eine „halbe Obdachlosenphase“, wie er es nennt. Die Wohnung in Sankt Gallen aufgegeben. In Leipzig bei Spreadshirt ein Praktikum gemacht. Als ihm dessen damaliger Geschäftsführer seine Zweitwohnung in der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg anbietet, guckt sich Dariani die Gegend an und ist alles andere als beeindruckt: „Das kam mir alles sehr ärmlich vor. Unsanierte DDR-Häuser. Das ist doch die Hauptstadt.“ Der Gastgeber meinte, dass das eine sehr wohlhabende Gegend sei, dass er sich mal damit beschäftigen sollte.

Aber wann nur? Dariani meldet Ende Oktober in einem Café am Rosa-Luxemburg-Platz die StudiVZ Limited an. Das Café ist so nah beim Aiko, dass Dariani von seiner Apfelschorle aufschaut und in die ungefähre Richtung nickt. Nach der Gründung stürzt er sich in die Arbeit, er ist Mitte 20. Das erste Office von StudiVZ liegt in der Friedrichstraße, alte DDR-Platte, Wohnhaus, siebter Stock. „Ein Ein-Zimmer-Apartment. Da saßen wir mit fünf oder sechs Leuten am Tisch und auf dem Bett.“ Telefoniert wurde auf dem Gang, worüber sich die Rentnernachbarn immer beschwert haben. Dariani muss der erste Jungunternehmer gewesen sein, den sie in ihrem Leben gesehen haben. Der Bärtige mit dem Digitalprojekt.

Und dann waren die Boys, die in der Wohnung ein- und ausgingen und für ihn arbeiteten, auch nicht die feinen Business-School-Absolventen, die man den Nachbarn mal eben so im guten Anzug hätte vorbeischicken können, um zu zeigen, dass hier alles seriös zugeht. „Keiner wollte nach Berlin. Zumindest nicht die aus München, Hamburg oder Düsseldorf.“ Dariani nennt es genüsslich das Snoberia-Dreieck. „Von denen war keiner dazu zu bewegen hierherzukommen. Denen war das zu schmutzig.“ Aber es gibt zum Glück noch andere Menschen. Manche zieht Schmutz auch an.

Vor allem, als es dann 2006 mit seinem deutschen Facebook-Klon richtig losging und StudiVZ explodierte. Feature um Feature wurde der Plattform nachgereicht: die Pinnwand. Nachrichten. Fotoalben. „An manchen Unis kam es Anfang 2006 richtig zur Kernschmelze. Und dann folgten noch die Gruppen.“ Spätestens da wusste er, dass StudiVZ groß wird. Richtig groß. Dank der Gruppen: Das Mitmachinternet war jung, die Lustig-Ressourcen der jungfräulichen Crowd noch alles andere als angezapft. Echte, selber gemachte Hihi-Highlights aus den WGs von Kaiserslautern bis Greifswald, ein Konzept, wie es Jahre später mit der App Jodel noch einmal funktionieren sollte. (Natürlich leaner.)

StudiVZ war mit einem Mal so groß, dass er ein paar Monate darauf mit einem Fußballtrikot bei Angela Merkel vor dem Kanzleramt stand. WM 2006, die Welt zu Gast bei Freunden. Dariani hatte ein Deutschlandtrikot mit dem Befehl „Gruschel mich“ bedruckt und einen Brief geschrieben, dass sich StudiVZ freuen würde, wenn Merkel es sich beim nächsten Spiel überziehen würde. Er durfte auch ins Kanzleramt. Die Kanzlerin war nicht da, aber alle waren sehr nett. Er übergab das Geschenk. Getragen hat sie es am Ende nicht, aber das war nicht schlimm. Das war gute Promotion, auch wegen dieser Aktion wollten immer mehr Leute nach Berlin zu StudiVZ, um dort zu arbeiten.

Dariani hat nicht viele solcher eher lustigen Anekdoten, obwohl er stets unterwegs ist und gerne den Mund aufmacht und aneckt. Erlebt man ihn bei Diskussionen oder im Publikum bei Fireside-Chats, weiß man, dass er sich jeden Moment zu Wort melden wird. Dass es gleich ungemütlich werden kann, wenn man doch nur einen angenehmen Abend verbringen wollte. Wenn er dann über Ungerechtigkeit redet und den Speakern Verfehlungen vorwirft. In der Berliner Startup-Szene gibt es viele, die schon bei der Erwähnung seines Namens die Augen verdrehen. Weiß er ja selber: „Mein Image ist schwierig, ich bin nicht einfach, ich habe ein sehr scharfes Meinungsbild.“ Das macht ihm nicht zu schaffen, Folgendes schon: „Ich habe dann gemerkt: Egal wie integriert du bist, wenn du eine andere Meinung hast, bleibst du Außenseiter. Damit muss man sich arrangieren, sonst ärgert man sich jeden Tag.“ Er sagt es mit einer wegwerfenden Handbewegung. Und: „Leute halten mich ja immer für verrückt. Alle lieben diese Zitate von Steve Jobs, dieses ‚Stay hungry, stay foolish‘, aber dann siehst du dir die Lebensläufe an, und die sind eins zu eins geklont. Identisch. Keine kritischen Äußerungen, nichts.“

Als ihn 2007 die Holtzbrinck-Gruppe aus dem eigenen Unternehmen entlassen hat, verfügte er zum ersten Mal über Zeit. Und Geld. „Also beides auf einmal, das kannte ich gar nicht.“ Dariani musste sich erst mal mit sich selber beschäftigen, sagt er. Von Berlin hatte er nichts gesehen, nur die U-Bahnhöfe von zu Hause und bei der Arbeit, einen Radius von ein paar Hundert Metern drumherum. Jede Minute hat er in sein Produkt gesteckt. „Wenn wir abends mit StudiVZ noch unterwegs waren, habe ich meist nur Milch getrunken. Wein hätte ich am nächsten Tag sofort gemerkt, das geht nicht, wenn man Tag für Tag delivern muss.“ Auch für Berliner Nächte war also kein Platz. Als er dann plötzlich bei StudiVZ raus war, stand er noch monatelang früh auf, weil er so aufgedreht war.

Er erinnert sich an das Gefühl, Mitte 20 zu sein und die Chefs von Bertelsmann und Daimler zu treffen. Mit ihnen zu Abend zu essen. Ihre Nummern im Telefon zu haben. „Das ist schon geil fürs Ego, Narzissmus kenne ich, gehört zu jedem Menschen mit Leadership-Anspruch dazu.“ Merkt man: Dariani steht gerne auf der Bühne, und wenn es die nicht gibt, ist er immer wieder auf Snapchat aktiv und erzählt Einfälle, Gedanken und Meinungen in seinen Kanal. „Ich habe was zu erzählen, dafür brauche ich Reichweite.“

Wir laufen zum Koppenplatz an der Linienstraße, zwei Mittdreißiger beim Nachmittagspaziergang. Dariani redet über eine andere Sache, die ihm wichtig ist, wegen der er sich jetzt verstärkt mit seinem eigenen Inneren beschäftigen will: Burn-out. Er kennt mindestens drei Bekannte, auch unter 30, die es erwischt hat, die ernst Schäden genommen haben sollen. Weil sie einer Illusion folgen: „Die haben daran geglaubt, dass sie nur hart genug im Startup arbeiten müssen, um reich zu werden. Dann haben die auch noch die Scheuklappen auf, dass es unbedingt ein Tech-Startup sein muss. Völlig falsch. Du kannst hier mit jedem Scheiß Geld verdienen.“ Jedenfalls sind das für ihn warnende Beispiele, mal ein wenig nach innen zu horchen. Für den Nachmittag ist Meditationszeit angesagt, tibetanisch-buddhistisch, er will es mal ausprobieren. Auch um konzentrierter zu arbeiten, nicht immer alles gleichzeitig zu versuchen. Vielleicht ein Buch schreiben.

Denn: „Was ich zu erzählen habe, halte ich für heilsam für die Gesellschaft. Ich heile“, sagt Dariani und lacht, verabschiedet sich zur Meditation. Mitte als Wellness-Ort.

Aber trotzdem kaum vorstellbar, dass er seine Session der Stille nicht gleich live auf Snapchat teilen wird.

Es werden wieder Rockstars gesucht, poppt es in meinem Feed auf: Ein ehemaliger Kollege will etwas Neues starten, und dafür braucht er Rockstars. Die Rhetorik ist die Alte wie Anfang des Jahrzehnts, aber es wirkt jetzt überholt, albern. Wer reagiert auf so etwas? Nach den ganzen Pleiten und unerfüllenden Jobs?

Plötzlich aber Erinnerungen an Buden, in denen man gearbeitet hat, die Rockstars rekrutiert haben. Der Ton ist vertraut, dieser Superlativ-Sprech. Eine Stimmung, nach außen extrovertiert und mit dieser primärfarbenen Fröhlichkeit an die Wände geschossen, aber man vergisst, dass die einzigen wirklich Extrovertierten, die Sales-Leute, in der Regel bei Kunden oder in der Burn-out-Therapie sind, deswegen sind halt die Wände bunt, und der Kicker steht so im Raum rum, aber eigentlich ist es komplett still. Die Coder haben sich auf der eigenen Etage Teppichboden gewünscht, deswegen herrscht dort noch einmal eine ganz andere, noch tiefere Ruhe. Eine Einrichtung, die zeigt, was möglich wäre, wenn man nur ein paar normale Menschen eingestellt hätte, die nicht zwanghaft damit beschäftigt sind, sich wie echte Rockstars mit der ununterbrochenen Arbeit zu beschäftigen.

Das neue neue Berlin

Wenn man mit Gründern über Berlin redet, dann sind sich alle einig, dass es sich bei der Stadt um etwas Besonderes handelt. Eine zarte Pflanze, vorsichtig und fast aus Versehen gewachsen, lange Jahre gut behütet. Das Bild vom Ökosystem wird immer wieder bemüht. Viele bekommen beim Erinnern an die eigene Gründerphase in der für alles empfänglichen Stadt ein Lächeln aufs Gesicht. Als wäre Berlin eine besonders tolle Exfreundin. Und man würde ja noch mal, vielleicht, am liebsten eigentlich schon, aber du weißt ja – wie es eben so ist. Jedenfalls war Berlin ihnen eine Gute. Man hört es in den Stimmen, wenn sie darüber reden, immer wieder.

Dazu ist ihnen wichtig, dass Berlin nicht so wird wie London. London, immer das große Negativbeispiel. Die kalte City, die in den Achtzigern unter Thatcher auf Business und sonst nicht viel mehr gedrillt wurde und jetzt verzweifelt auf der Suche nach so etwas wie einer Seele ist. Neulich hat dort der Bürgermeister Sadiq Khan eine Initiative gestartet, bei der Amy Lamé, eine Autorin und DJane, als eine Art Nachtbürgermeisterin fungieren soll. Ihr offizieller Titel lautet „Night Czar“. Ziel ist, dass im teuren London die Kunstszene und Clubkultur wieder mehr gefördert werden, dass diese beiden Rädchen idealerweise mit der Wirtschaft zusammengreifen und mehr Menschen erreichen, ein lebenswerteres Leben schaffen.

Also eigentlich alles, was im Späti-Berlin schon seit Langem prima funktioniert. Darum: alles, nur nicht wie London werden. Wie aber soll das nicht passieren, wenn immer mehr und mehr Geld in die Stadt gespült wird? Wenn weiter Investorengelder fließen? Berlin hat derzeit einen Nettozuzug von 50 000 Menschen im Jahr. Viele davon wollen scheinbar in dieselben drei Straßen ziehen. Was passiert, wenn immer mehr Menschen von außerhalb in der Lage sind, in den begehrten Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Kreuzberg riesige Summen für Wohnungen zu zahlen? Berlin macht sich Gedanken über seine Zukunft. Genauer: der Bund Deutscher Architekten (BDA), Landesverband Berlin. Der schlägt eine interessante Antwort vor: eine neue Stadt errichten, vor den Toren der Stadt Berlin. Ein neues Berlin.

Besuch in der Mommsenstraße in Charlottenburg, wo in der Galerie des BDA die Ausstellung „Berlin Neustadt“ läuft. Auf 40 mal 40 Zentimeter großen Plakaten konnten Architekten und Laien skizzieren, wie sie sich eine Neugründung einer neuen Stadt Berlin vorstellen. Spannend, eigentlich. Aber dann bietet sich einem Verschwurbeltes, Minimalistisches, auf einem Bild ist eine Art Transrapid zu sehen, der laut Erläuterung bis an die Ostsee führen soll, wo das neue Berlin steht. Okay. Einige Entwürfe sehen aus, als wären sie abgelehntes Cover-Art für ein neues Album von Kraftwerk. Wieder andere sind naiv, zeigen Menschen beim relaxten Menschsein in der Abendsonne. Dann ist da Kommentierendes: Ein Entwurf trägt den Titel „Make Berlin Great Again“. Einer zeigt Berlin als Packung für Fertigkuchen, darunter der Satz „Stadtmischung – gelingt immer“. Schenkelklopferiges neben ernsten Skizzen, die das Tempelhofer Flugfeld bebaut sehen wollen. Auf einer Draufsichtkarte hat ein Architekturbüro vorgezeichnet, in welchen leeren Ecken des Umlands man neue Stadtbezirke von Grund auf neu schaffen könnte. Dann gibt es noch den Entwurf mit dem Titel „Dezentrale Konzentration“, auf dem ein dreidimensionales Etwas zu sehen ist, das hoch über der Stadtsilhouette des derzeitigen Berlin zu pulsen scheint. Zeit zu gehen.

Anders gesagt: Berlin macht sich Gedanken über die Zukunft, auch bei großen Fragen wie Lebensraum. Das ist mighty fine. Besser ist natürlich noch, dass nicht einer der Entwürfe auch nur im Ansatz auf eine Art London hingedeutet hätte.

Stichwort London, was gerade richtig eigenartig ist: Immer häufiger treffe ich Leute, die Rolex tragen. Leute von früher, mit denen ich mal zusammengearbeitet habe. Beim Einkaufen, im Café, abends – Rolex am Handgelenk. Das sind Endzwanziger, die in den Startups Operations-Manager waren, Onlinemarketing gemacht haben, sich ein paar Monate hier, ein paar Monate da als Business-Developer rumtrieben. Aber eben alles andere als C-Level in der Vita. Wie können die sich eine Perpetual leisten? Antwort, halb geflüstert, halb verschmitzt: Die haben sie von Watchmaster, einem Berliner Startup, das verzweifelten Offlinehändlern zu billigen Preisen Luxusuhren abnimmt, um sie dann online relativ günstig über den eigenen Shop zu verkaufen. Man kennt da einen, der einen kennt. Man hält sich gegenseitig auf einem guten Luxuslevel. Also keine Patek Philippe, wir flippen hier ja nicht gleich aus. Wir sind ja keine Banker aus der City. Sondern einfach nur eine okaye Rolex. Das Logo ist groß und bekannt genug, dass die Mädels in der Odessa Bar und im Kitty Cheng erkennen, was du da trägst.

Aber das Netzwerk erstreckt sich nicht ausschließlich auf Uhren. Genauso wichtig sind Mitgliedschaften im Soho House am Ende der Torstraße, bei denen füreinander gebürgt wird. Wer einen guten Anzug braucht, kennt einen, der einen kennt, der was mit den Jungs von Monokel Berlin in der Rosenthaler Straße zu tun hat, die dir einen Maßanzug für wenig Dinero schneidern. Dann gibt es jemanden, der in Lichtenberg einen Schrotti an der Hand hat, dem du günstig Teile für den Youngtimer abkaufen kannst, den du dir demnächst besorgen willst.

Es ist rührend: Alle berichten von der Kälte der Großstadt, aber in Mitte sorgt man füreinander. In Startup-Mitte trifft man auf die Familie fern der Familie, die gerne für die speziellen Mitte-Grundbedürfnisse sorgt – im Austausch für zukünftige Gefallen.

Felix Petersen ruft an

Felix Petersen ruft aus Lissabon an und ist gut gelaunt. Man kann die Sonne fast hören. 16 Grad und nur leicht bewölkt, sagt die Wetter-App. Stimmen im Hintergrund, Lunchzeit, bestimmt zieht irgendein Arsch gerade mit seinem Surfboard an Petersen vorbei. Neid.

Petersen ist Berliner, hier aufgewachsen, hier hat er seine Startups Plazes und Amen hochgezogen. Plazes ging an Nokia, Amen danach an Tape.tv, unter dessen Aufsicht es dann 2011 einging. Nun. Reden wir über was anderes. Reden wir über die Neunziger.

Petersen, mittlerweile 40 Jahre alt und in Lissabon in der Wagniskapitalbranche unterwegs, erinnert sich, dass zu Zeiten der ersten Startup-Welle die Unternehmen gleich wahnsinnig viel Geld eingesammelt haben, oft mehr als heute. Startups hießen damals im Sprech Dotcoms. „Die haben manchmal 16 Mio. D-Mark bekommen.“ Gut für Petersen. Denn der hatte Ende der Neunziger eine Agentur in der Franklinstraße, „in einem völlig übertriebenen Office. Eröffnungsparty mit Kruder & Dorfmeister, finanziert von einem Schweizer Investor, der sein Geld in der Zigarettenindustrie gemacht hat“. Andere Zeiten. Jedenfalls war es so, dass diese mit Cash gesegneten Startups oft 20 Mitarbeiter hatten, aber keiner von denen programmieren oder designen konnte. Das Gegenteil von heute mit dem leanen Ansatz, wo ein Gründerteam idealerweise alles alleine hinbekommt. Petersens Agentur arbeitete mit einem Kapitalgeber zusammen, der diese aufgeblähten Dotcoms an Petersen vermittelte, damit der ihnen eine Website baute. Festpreis für den Service: 1 Mio. D-Mark. Petersen war Anfang 20. Er sagt: „Wer sich heute aufregt, dass zu viel Geld rumgeworfen wird und es kein richtiges Geschäftsmodell gibt, der hätte mal in den Neunzigern dabei sein sollen. Dagegen hat heute alles Hand und Fuß, die Experimente sind viel günstiger.“

Gut, erinnert er sich, das war damals auch alles teurer. „Allein die Oracle-Lizenz hat 100 000 gekostet, dann musste man noch einen Server kaufen.“ Trotzdem ein feiner Schnitt. Damals hat man für eine Million die Website gebaut, „die kein Arsch angeguckt hat, dann noch drei Millionen in Marketing geblasen“. Ein Wunder, dass sein Geschäftsmodell zwei Jahre lang funktionierte. Dann krachte in den USA der Nasdaq ein, anschließend in Deutschland der Neue Markt. Party vorbei.

Petersen sagt, dass danach eine Art nuklearer Winter geherrscht hätte. „Alles, wo Dotcom dranstand, war für Investoren Gift. Dann ist aus der Asche eine zweite Phase entstanden, mit viel vernünftigeren Firmen. In den USA entstanden damals Flickr und Delicious, das, was man so als Web 2.0 bezeichnet hat. Petersen machte sich an Plazes, eine Art frühes Foursquare. Petersen war mit Plazes der erste dieser neuen Gründer in Berlin. Er erinnert sich, dass in Deutschland alles viel verteilter war. Dass Hamburg, München und Köln den Anspruch hatten, die Startup-Hauptstädte in Deutschland zu sein. „Von Berlin hieß es: kein Geld, keine Kunden.“ Da Plazes aber ein Social Startup war, war es eigentlich völlig egal wo sie am Ende saßen. „Das war dann auch der Prototyp für das, was in Berlin daraufhin passierte: Die User sitzen auf der ganzen Welt, und du verkaufst das Produkt nicht an Daimler oder die Deutsche Bank.“ Plazes war kein B2B, sondern B2C, fand komplett im Internet statt und war von Anfang an auf Englisch. Wenn man sich an eine globale Nutzerschaft richtet, dann ist der Standort egal. „Wir sagten: ,Dann bitte in der Stadt, in der wir am liebsten sein möchten.‘“ Das Modell ist mittlerweile Standard, Stichwort Soundcloud.

Petersen hat Deutschland komplett ausgeblendet. Ansässige Presse, Corporates? Völlig egal. Auch beim Geld von Investoren. „Wir waren die Ersten in Deutschland, die von US-Investoren wie Andreessen Horowitz Geld bekommen haben. Aus den USA nach Berlin. Das war etwas Besonderes.“ Petersens Plan: mit Plazes etwas von Berlin aus aufziehen, das in den USA Erfolg haben kann.

Jetzt ist es an der Zeit, ihm doch zu Plazes ein paar Fragen zu stellen, aber Petersen muss zum Lunch in Lissabon. „Wir können ja später noch mal reden“, sagt er. Tuuut, weg ist er.

Beim nächsten Gespräch reden wir über die Zeit danach. Ende der Nullerjahre, als Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister von Berlin war und Startups nicht verstanden hat. Die Verbindung ist schlecht, Petersen spricht schnell, aber präzise.

Wowi und die Startups

Wir kommen darauf, weil Petersen in Lissabon immer wieder gefragt wird, was das Rezept in Berlin war. Wie Berlin zur Startup-Hauptstadt Europas wurde. Er muss dann immer sagen, dass es kein Rezept gab. Im Jahr 2010 haben sich Unternehmer über den Senat beschwert, weil Wowereit stark auf Film gesetzt hat. „Startups fand er ziemlich albern. Dass da Poster-Startups ins Rote Rathaus eingeladen wurden, was heute normal ist, das gab es da nicht.“ Petersen erinnert sich an einen Anruf von Staatssekretär Björn Böhning: „Der sagte: ‚Felix, wir müssen mal Wowi das Internet erklären, der versteht das nicht. Der setzt auf Film und Mode.‘ “ Es gab also keinen Plan. Was es stattdessen gab, waren eine große Kulturszene, jede Menge junge Energie und günstige Preise, die die Leute angezogen und zum Bleiben bewogen haben. Petersens Frau arbeitet in der Modeszene, jener Branche, die Wowereit einst als Aushängeschild für Berlin erkoren hat. „Mittlerweile arbeiten die Modeleute gefühlt alle für Zalando und verdienen zum ersten Mal richtig Geld.“

Petersen sieht das Gleiche gerade in Lissabon passieren. Die Stadt ist gegenüber Zürich oder München arm, bietet viele derselben Möglichkeiten wie Berlin, hat dazu noch Sonne und Meer. Eine kleine, aber boomende Techszene, die noch am Anfang steht. Petersen will sie als VC beim Aufstieg begleiten. „Lissabon ist zwar gerade als Startup-Stadt in aller Munde, aber im letzten Jahr wurden hier 18 Mio. Euro an Kapital reingeschossen. Das ist nichts. Das ist in Berlin oder London eine A-Runde.“

Er erinnert sich an ähnliche Situationen in Berlin, Jahre zuvor. Da wurden die Investments auch belächelt. Dabei dauert es Jahre, bis der ökonomische Impact spürbar ist. „In der Regel vergehen sieben oder acht Jahre, bis eine Firma verkauft wird oder an die Börse geht. Mindestens.“ Sätze, die einem Hoffnung geben. Dass Berlin noch am Anfang sei, dass erst jetzt sichtbar wird, was die Startup-Kultur vor Jahren gesät hat. Tausende Arbeitsplätze. Mittlerweile für über zehn Prozent des Bruttosozialprodukts der Hauptstadt verantwortlich. Außerdem hängen an einem gut bezahlten Startup-Job mehrere andere Jobs, die so nicht kenntlich gemacht werden: Servicesektor, Immobilien – „das sind Leute, die gut verdienen, jung sind, gerne Geld ausgeben. Fahrräder kaufen, Roller, Eigentumswohnungen.“

Petersen führt es weiter: Dann kommen die großen Konzerne, die nach Berlin müssen, weil sie in Stuttgart oder sonstwo nicht mehr die geeigneten Leute für den digitalen Wandel finden. Die alten Unternehmen, die jetzt Tech machen müssen. „Digital bedeutet nicht immer nur Instagram und Dubsmash“, sagt Petersen. „Die Alten stellen jetzt in Berlin ein. Das ist eine Entwicklung, die nicht mehr umkehrbar ist. Berlin ist da gut positioniert, weil es ein weißes Blatt Papier war.“ Andere Gegenden in Deutschland hatten mehr Bezug zu bestimmten Branchen, denen steht der Umbruch noch bevor. Petersen sagt, dass er davon ausgeht, dass Berlin in 30 Jahren die wohlhabendste Region des Landes sein wird. „Aber es dauert eben Jahre, dass sich Hoffen und Wetten auf die Zukunft bezahlt machen. Aber wir können ja später noch mal reden“, erklärt Petersen und legt wieder auf.

Petersen sagte, dass Berlin ein weißes Blatt Papier war, zur richtigen Zeit unbeschrieben. Und Berlin war immer formbar – auf der einen Seite. Hier ist Platz für jeden, Berlins großes Ass im Ärmel ist, dass es sich oft genug selber egal zu sein scheint. Nur so kann einer Stadt jahrelang durchgerutscht sein, dass sie auf der ganzen Welt Sehnsüchte geweckt hat und Jahr um Jahr immer mehr Menschen gekommen sind, weil sie Berlin für sich als Erfüllungsort bestimmt haben.

Anderererseits ist Berlin von seiner Geschichte und Tragik besessen, von Vergangenheit und dem tief in die Psyche funkenden Winter, so kommt es einem oft genug vor. Und vielleicht ist das der Grund, warum die Startup-Branche mit ihren vielen Zugezogenen belächelt und nicht für voll genommen wurde, jahrelang. Weil die Schwere fehlt. Der frische Blick auf die Stadt kann den Alteingesessenen Angst machen, sie verstören. Denn da sind plötzlich welche, die quietschbunt, grell und jung an den alten Orten etwas Neues schaffen wollen, die lächelnd im Gebiet zwischen Flaktürmen im Humboldthain und Holocaust-Mahnmal, ehemaligem Mauerverlauf und Straßenzügen gesät mit Stolpersteinen der Stadt im Vorbeigehen den tragischen Zahn ziehen. Die respektlos wirken. Die Arbeit – immer schwierig – als Zweck zum Glück verkaufen. Die Startup-Szene wirkt wie eine Provokation, nicht weil sie provokant wäre, sondern weil sie neu ist und anderen Gesetzen folgt, die man noch nicht gelernt hat, gegen die sich Berlin als Reflex mit der ganzen Kraft der Vergangenheit stemmen will.

Cookie erzählt

Cookie erzählt, und es tun sich vor dem inneren Auge sofort leere, verwaschene Straßenzüge auf. Von Zweitaktern verrußte Fassaden. Irgendwo stapft der Techno-Viking durch die leeren Mitte-Gassen. Wenn Cookie erzählt, entstehen vorm inneren Auge wacklige Camcorder-Aufnahmen, verblasste 35-mm-Fotografie. Was man halt so kennt, wenn man bei Youtube „early 90s berlin footage“ eingibt. Cookie erzählt von einer Gegend, in der man sich heute am Sonntag trifft, um Avocadotoast zu essen; damals dürfte den wenigsten dort das Wort Avocado geläufig gewesen sein. Oder Toast.

Cookie heißt eigentlich Heinz Gindullis und ist in London aufgewachsen. Als er 19 war, besuchte er seine ältere Schwester im damals noch ostverfallenen Mitte. Ein Haus mit Toilette im Treppenhaus. Und sonst keinen anderen Annehmlichkeiten. Trotzdem fühlte er sich hier wohl. Niemand wollte damals nach Mitte, aber die, die dann da waren, waren für ihn die richtigen Leute. Künstler, Neugierige, vor allem junge Menschen. Leute wie Cookie.

Im November 1994 machte er die erste Bar auf, eine Kellerbar, damals noch unter dem Namen Biscuits. Als er dienstags und donnerstags die ersten Cocktails mixte und immer dieselben drei CDs abspielte, wusste er noch nicht, dass er die Location bis heute innerhalb Berlins siebenmal wechseln sollte, dass sein aktueller Laden, das Crackers in der Friedrichstraße, eine gehobene Gastro-Institution sein würde, wo Menschen bei Oktopus-Tatar und Rosenkohllaub beisammensitzen und am Wochenende Live-DJ-Sets abbekommen. Wo er jetzt bei Tee sitzt und von damals erzählt.


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