Leadership & Karriere Lernen von Legenden: Niccolò Machiavelli

Lernen von Legenden: Niccolò Machiavelli

Klar, er: endlich, logisch! Der Name Niccolò Machiavelli ist das Synonym für durchdachte Skrupellosigkeit. Karriere­kniffe vom Meister der Macht.

Eine Bekannte wurde neulich befördert. Kurz darauf meldet sie sich mit den Worten: „Ich entdecke den inneren Machiavelli in mir.“ Feinstes C-Level-Geklage also. Scheinbar jeder, der einmal von der Nachtschicht am Pizzaofen nach oben gefallen ist, fühlt sich dem ollen Florentiner mit ganzem Herzen verbunden. Oft ohne zu wissen, warum; aber der Name schneidet Glas, und ist der nicht auch ein bisschen evil? Popkulturell mit ­Neonlicht, Manhattan und on fleek aussehender Über-Leichen-Geherei besetzt?

Das schon, aber eigentlich hatte Machiavelli, selber Politiker, nur Auge auf Staatswesen und Philosophie. Sein Hauptwerk „Der Fürst“ sollte für die damaligen Marmorpuff-Machthaber ohne jeden Einfluss von Ethik und Nachhaltigkeit untersuchen, was passieren muss, um ganz oben zu bleiben. Aber was kann man sich für den eigenen Weg nach oben von dessen Biografie abschauen?

Vielleicht, dass Karriere auch noch später im Leben passieren kann. Denn Machiavelli war fast 15 Jahre lang Beamter, als Diplomat für die Republik Florenz im Einsatz. Dann aber kam die Familie der Medici aus dem Exil zurück und riss die Macht an sich – und „entließ“ Machiavelli aus der Politik, inklusive Wegsperren und Folter.

Pures Speaker- und Coach-Meth

Er schloss sich daraufhin dem Widerstand an, was aber ebenfalls erfolglos endete. Dann besann er sich auf das, was er echt konnte: ein totaler Nerver sein. Denn schon zu seiner politisch aktiven Zeit, heißt es, fand Machiavelli es lustig, anderen gegenüber mit kruden Meinungen aufzutreten und im Talk unhaltbare Positionen einzunehmen. Resultat: eben das nie ganz tot zu bekommene Buch „Der Fürst“, das bei mehr Menschen ungelesen auf dem Nachttisch liegt als Dan Brown. Beiden Autoren ist gemein, dass die Kirche nicht cool mit ihren Werken war. Machiavelli handelte sich damals einen Rüffel vom Papst ein – zu hinterhältig, zu listig, zu fies das Ding, um Jesus-approved zu sein. Beste Promotion ever, aber sicher.

Und die Konzepte vom eigenen Willen, ­freier Entscheidung und Steuerung des eigenen Schicksals, die Machiavelli ansprach? Natürlich pures Speaker– und Coach-Meth. Kein Wunder, dass man die Figur Machiavelli samt Ideen jahrhundertelang mehr gestreckt hat als Weißes am Frankfurter Hauptbahnhof. Machiavelli war seiner Zeit grandios voraus, was natürlich im Umkehrschluss bedeutet, dass man ihn in der Renaissance mehr als strange fand. So richtig wollte damals niemand was vom libertären Spirit wissen. Als er dann starb, durfte Machiavelli seine letzte Ruhe dennoch in einer Kirche finden. Er war am Ende einfach egal.

Und heute? Dass man als Gründer und Entscheider Machiavelli liest, ist eher over. Ein bisschen peinlich, dieser mit Machtstreben verbundene Name. Stattdessen lieber die Achtsamkeitsbarden der Neuzeit, vielleicht noch ein bisschen Sun Tsu für die, die zwischen Abi und Gründen in Thailand abhängen. Oder Clausewitz, falls man schamlos und ein bisschen irre ist.

Machiavellis weitere Werke gingen dann auch eher unter. Rebecca Black könnte ein Lied davon singen (wirklich nur eines). Schade, denn „Kunst des Krieges“ und „Discorsi“ klingen zumindest so, als wäre dort richtig viel zu holen für einen Verlag, der künftigen Entscheidern ein paar schöne Poster mit Sprüchen und groß klingendem Namen an die Wände der Studentenbuden in Vallendar, München und London klatschen will. Aber dafür braucht es jemanden mit Vision – und einer großen Portion innerem Machiavelli.

BP_Cover

 

Der Artikel stammt aus der Ausgabe 01/2018. Titelgeschichte: MCFit-Gründer Rainer Schaller folgt nur einem Prinzip: seinem Instinkt. Außerdem: Streetwear, VR und die Pornoindustrie, Fritz Kalkbrenner und wie immer viele weitere Geschichten. Mehr Infos gibt es hier.

Das könnte dich auch interessieren

Mangelnde Produktivität im Home Office: Einsamkeit ist der wahre Grund Leadership & Karriere
Mangelnde Produktivität im Home Office: Einsamkeit ist der wahre Grund
Nach Antisemitismus-Vorfall von Musk: Manager raten CEO von X zum Rücktritt Leadership & Karriere
Nach Antisemitismus-Vorfall von Musk: Manager raten CEO von X zum Rücktritt
Mehr Flexibilität und höheres Gehalt? Was die übersehene Generation X von Arbeitgebenden erwartet Leadership & Karriere
Mehr Flexibilität und höheres Gehalt? Was die übersehene Generation X von Arbeitgebenden erwartet
Wie kündige ich, wenn mich meine Vorgesetzten schlecht behandeln? Leadership & Karriere
Wie kündige ich, wenn mich meine Vorgesetzten schlecht behandeln?
Unzufrieden im neuen Job: Jede und jeder zweite Deutsche kündigt in den ersten 12 Monaten Leadership & Karriere
Unzufrieden im neuen Job: Jede und jeder zweite Deutsche kündigt in den ersten 12 Monaten