Supreme muss sterben: Die Sellout-Story des großen Streetwear Labels

Samuil Tatchev war dabei, als im März 2016 der Pariser Laden aufgemacht wurde. In der Nacht davor fröstelte er mit Tausenden anderen in der Schlange. Nichts Ungewöhnliches für ein Opening, nicht mal ungewöhnlich, wenn donnerstags neue Produkte in die Läden kommen. Dann sah er die schwarzen Mercedes-Geländewagen immer wieder am Laden vorüberfahren, die anhielten, die abgedunkelten Fenster runterließen und ausgewählten Frierenden – Pssst! Nimm mal! – verstohlen Wartemarken für den nächsten Tag zusteckten. Tatchev bekam die Nummer 199. Ein paar nette Typen ließen ihn dann die letzten Nachtstunden in einem Auto schlafen. Auf der Party am Ende des Store-Openings traf er zufällig auf Jebbia, der ihm die Mütze signierte. Eine Story wie echter Supreme-Collector’s-Porn.

Tatchev ist 25, Sammler in Berlin. Seine erste Cap von Supreme bekam er als Jugendlicher, damals noch in Bulgarien. Über Ebay. Es dauerte einen Monat, bis sie endlich da war. Er ist über die Jahre an viele rare Produkte gelangt, hat sich Tipps von Freunden und Eingeweihten geholt, wann es sich besonders lohnt, auf einen Drop zu warten. In seiner Wohnung in Berlin bewahrt er Lieblingsstücke auf: Supreme x Comme des Garçons, verspielte Items, ein inoffizielles Poster, das er einem Plakatierer abgequatscht hat, als der es in Berlin an einer Fassade anbringen wollte. Er hat auch den Brick, diese wunderbare Gaga-Idee, einen Ziegelstein mit Supreme-Logo zu branden. Im Store kostete er einst 30 Dollar, jetzt gehen die Wiederverkaufspreise rauf bis auf 1 000 Dollar.
Der Rest der Sammlung ist aber weg. Verkauft. Im April 2017 räumt Tatchev groß auf und erstellt einen Facebook-Event: „Supreme Sale, 09.04.2017, Superconscious Store. Come say hi.“

Konnte Tatchev ahnen, dass, als er um neun Uhr am Morgen den Laden nahe dem Rosenthaler Platz mit seinen Sachen bestücken wollte, schon 20 Menschen in Schlafsäcken davor pennten? Er lächelt vielsagend. Es war ihm gelungen, einen richtigen Supreme-Store zu simulieren: „Ich konnte nur zwei oder drei Leute reinlassen, die anderen mussten auf der anderen Straßenseite warten.“ Auch hier waren es wieder Tausende, die vor dem Laden standen.

Supreme
Tatchev hat sich nicht von allen Dingen trennen können, einige sind noch Teil der Einrichtung. Auch ein halber Kleiderschrank an Klamotten hat den Sale überlebt. Foto: Tobias Heuser

Kam viel beim Verkauf rum? „Ein Auto könnte ich nicht kaufen“, sagt Tatchev. Dann überlegt er: „Moment: doch, eigentlich schon.“

Gut: Aus dem Skatelabel Supreme ist eine Marke für Modebesessene, für Sammler geworden. Die geringen Stückzahlen, die perfekt inszenierten Drops neuer Waren, das alles fasziniert eine weltweite Käuferschaft. Die Schlangen vor den Stores werden lang und länger. Der Onlineshop wird erst spät eingeführt, bewusst nachlässig, buggy, lange Ladezeiten trotz einer Kilobyte-Oberfläche, die auch heute noch so aussieht, als wäre sie ein vergessenes Projekt aus den ersten Wochen eines Codingkurses der VHS Fulda. Und als die Schlangen vor den Stores länger wurden und die Preise für den Wiederverkauf stiegen und stiegen, machte sich Matt Steiner in Florida mal Gedanken dazu, wie man mittels Bot den Kaufprozess beschleunigen könnte.

Und das ist das Problem. Auch Tatchev hat sich bewusst von der Marke gelöst, lässt sich nicht mehr gerne damit fotografieren. „Man muss nichts mehr machen, nur noch den richtigen Bot haben. Es ist eine Marke für Rich Kids geworden, die nicht auf die Artikel sparen müssen.“

Ein Schuss Realness

Doch der Mode wird Mythisches nachgesagt, und es kann nicht ganz verkehrt sein. Nicht umsonst entsteigen ihr die Ätherischen, die Gottgleichen: Coco Chanel, Karl Lagerfeld, Christian Dior. Und den von ihnen gegründeten Marken traut man zu, dass sich die Menschheit noch kurz vor der Explosion der Sonne an sie erinnern wird. Vielleicht, weil sie niemals ein Hilfsmittel brauchten, um sich in eine Nische zu klemmen, von der aus sie gemächlich größer werden konnten. Supreme hingegen brauchte das; die ganzen schönen Hemdchen wären einfach nur ganz nett gewesen, wäre man nicht so fest mit der Skaterszene verhaftet. Supreme benötigte das ultimative Transportmittel für einen Schuss Realness: das Skateboard.

Das Skateboard ist das einzig überlebende Utensil der Permajugendlichkeit, das letzte verbliebene Verweigerungsgerät. E-Gitarre? Spielt vielleicht noch dein Vater im Hobbykeller. Frisbee? Haha. Junge Digitalprodukte wie Musical.ly? In zwei Jahren vergessen und ersetzt.

Sogar der zuletzt sehr glücklose Haufen von Snapchat hatte das zumindest geahnt: Als Snap im Herbst 2016 die mittlerweile gefloppten Spectacles einführte, machte man das konsequent mit einem aus der Ich-Perspektive gefilmten Skatevideo.

Supreme nutzte das Skateboard und den sich darum drehenden Lifestyle als Hebel. Es finden sich zwar auch jetzt noch ein paar Rollen oder auch mal Achsen im Store. Dennoch ist das Skateboardzubehör bei Supreme nur noch Ladenhüter. Es sind die einzigen Produkte, die fast nie ausverkauft sind. Bei all den überraschenden und immer größer werdenden Kollaborationen mit anderen Marken passiert Supreme das Unverzeihliche: Die Marke vergisst ihre Basis, macht sie als nicht mehr umsatzrelevant aus. Wer so eiskalt ist, dem Skateboard den Rücken zu zeigen, der dreht gefährlich am Karma-Roulette.

Berlin-Friedrichshain im Dezember. Eine Gruppe älterer Skater sitzt vor einem Billigbillig-Italiener und schiebt sich frierend Pasta in den Mund. Man merkt: Die meinen es ernst. Skaten ist kein Vergnügen, die sind jetzt über 30, die haben nichts sonst. Gespräch mit heiligem Ernst. 360s werden bei ihnen so verhandelt, wie andere Menschen in ihrem Alter darüber reden, ob man jetzt ein Kind bekommt oder nicht. Einer hat türkisfarbene Fäden am Kopf, frische Platzwunde, andere sind narbengesäumt, die Haut von lange vergangener großer Sonne braun gebacken. Zigarette in der einen Hand, Gabel mit Arrabbiata zu 3 Euro pro Teller in der anderen. Das ist ein zittriges Skateteam am Ende oder zumindest davor, einen ganz neuen Zustand der Erleuchtung zu erlangen, bald, gleich nach Funghi-Prosciutto und dem Sterni.

„It’s shit. I hope it dies.“

Schöner Gedanke: Man stelle sich vor, die würden Supreme tragen. Sich über Nacht für ein T-Shirt in einer Schlange einreihen. Oder jemandem in Florida Geld überweisen (Wie?), um einen Bot (Was?) zu kaufen, der dafür sorgt, dass die Klamotten nach Hause (Wohin?) kommen. Also: Was haltet ihr von Supreme, Jungs? Kopfschütteln, Unverständnis. Wovon, bitte? Dann erbarmt sich einer: „It’s shit. I hope it dies.“ Eine Antwort wie eine Fliegenklatsche; ab zurück ins Gespräch untereinander.

Was sagt der Experte? In etwa dasselbe. Auch Carl Jakob Haupt, der das Berliner Modeblog Dandy Diary mitbetreibt, nimmt Supreme nicht mehr als Skatelabel wahr: Vor zehn Jahren kaufte er in New York seine erste Supreme-Mütze. „Damals dachte ich, dass das alles schon zu viel ist und eigentlich wieder vorbei sein müsste – und dann ging es erst mal richtig los.“ Als er vor Kurzem wieder in New York war und in der Nähe eines Stores gewohnt hat, konnte er sehen, dass da mittlerweile viele ältere Menschen in der Schlange standen – die hielten ihren Kindern den Platz frei, während die in der Schule waren.

Das ist natürlich sehr albern. Er sagt: „Ich habe mich neulich mit einem Besitzer eines Berliner Skateboardladens unterhalten. Keiner trägt mehr Supreme.“ Wer als Skater noch die Marke anhat, hat es einfach nicht verstanden, ist blind für die Signale der Kultur. Wer sich in eine Schlange stellt, um ein T-Shirt zu kaufen, verpasst wichtige Stunden auf dem Board. Wer im Skatepark mit Supreme am Körper erscheint, könnte genauso gut als Dachdecker in pinker Zimmermannshose zur Arbeit antreten. Man muss kein grauer Skateveteran sein, um Supreme zu verachten, es reicht, wenn man einfach das Allernotwendigste mitbringt, was die Marke einst groß gemacht hat, nämlich das Skate-Mindset.


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