HQ Trivia zeigt, wie Liveshows auf dem Smartphone funktionieren

Die Macher der Live-Quiz-App HQ Trivia haben das Crack unter den Smartphone-Games erfunden: billig, irrer Suchtfaktor, und es breitet sich weltweit aus.

Feuchte Handflächen. Gleich ist es wieder so weit. Kurz vor 20 Uhr MEZ, und der Reminder poppt aufs Smartphone – es geht los, nur noch wenige Minuten, gleich beginnt HQ Trivia. Der Chat unten in der App läuft heiß, während in der Mitte Farben und Formen wabern. Ambientartige Musik kommt aus den Smartphone-Lautsprechern. Oben links rast die Zahl derjenigen, die sich zum Raten versammelt haben – 50 000, dann plötzlich 420 000. Einen Moment später ist man einer von knapp einer Million. Das Gefühl: Jetzt, hier passiert die Zukunft des Entertainments. Schon heute.

Was aber passiert überhaupt? Nun, treue Fans auf der ganzen Welt legen seit vergangenem August in ihrem Tagesablauf zwei Pausen von knapp 15 Minuten ein, um ein simples Smartphone-Game zu spielen: eben HQ Trivia. Das ist schnell erklärt: eine Mischung aus „Wer wird Millionär?“ und „Quizduell“, als App, aber eben live, mit Moderator. Ein Screen, auf dem alles passiert – mobile only. Wer die zwölf Fragen bis zum Ende durchhält, darf sich mit anderen Gewinnern einen Topf Preisgeld teilen. Der liegt bei 2 500 Dollar, in seltenen Fällen auch mal bei 25 000 Dollar. Gründer Rus Yusupov sagt, dass die beiden fixen Termine mit für die Faszination verantwortlich seien. Diese lineare Verbindlichkeit, die es im Zeitalter des Streamings eigentlich nicht mehr gibt. „Die Menschen planen ihren Tag um Dinge herum, die sie mögen“, sagte er „ABC News“. Nur: Niemand muss dazu mehr auf die Couch klettern und den Fernseher einschalten. Der First Screen ist tot. Die Gameshow aus dem Studio in SoHo direkt im Telefon der Menschen. Yusupov und sein Mitgründer Colin Kroll wissen, wie man auf kleinem Screen und mit engen Ressourcen großen Effekt erzielt: Vor ein paar Jahren haben sie Vine ins Leben gerufen, die sehr tolle Sechs-Sekunden-Videoloop-App. Die gibt es leider nicht mehr. Sehr gut möglich aber, dass ihr neues Produkt viel längeren Erfolg und weitaus größeren Impact haben wird. Intermedia Labs, Yusupovs Unternehmen hinter HQ Trivia, wird mit mittlerweile 100 Mio. Dollar bewertet.

„Hello HQ-ties!“

Gut. Erst mal Blick zurück aufs Telefon: Countdown von 20 runter. Der Screen wird lila, und ein lachender Mensch taucht auf. Nicht Scott. Wo ist Showmaster Scott? Scott Rogowsky – Scott Quiztanza, wie er sich nennt – ist heute nicht auf dem Bildschirm. Stattdessen ist da Sarah Pribis, eine neue Moderatorin, die Kult-Scott neuerdings ab und an vertritt und übernimmt. „Where is Scott??“, fragt der Chat fassungslos. Pribis lächelt sich zur ersten Frage, vertritt den Meister würdig.

Scott Rogowsky ist eigentlich Stand-up-Comedian. Vor ein paar Jahren wurde er mit den in der New Yorker Subway inszenierten Fake Book-Covers leicht internetberühmt; was ihm jetzt an Aufmerksamkeit widerfährt, dürfte ihn Tag für Tag aufs Neue überraschen. Seine Redewendungen „Hello HQ-ties“, „Savage Question“ und „Quemero Numero Uno“ sind schon jetzt in den Alltagssprech der Fans übergegangen.

Und weil das Internet das Internet ist, kommen schnell Memes zu den Fragen. Beispiel: das mittlerweile legendäre Bird’s Nest Soup. Die Frage, die, verfolgt man die Threads bei Twitter und Reddit, viele an den Abgrund der Verzweiflung getrieben hat, lautete: „The Asian delicacy known as bird’s nest soup is made from what?“ Rogowsky löste auf: „It’s real bird’s nest, people!“ – und sah, wie eine Million Leute die falsche Antwort gaben. (Noch immer wird der Begriff Bird’s Nest Soup gerne schlachtrufartig wahllos in den Chat geworfen.) Und die Zeit zum Antworten ist so knapp bemessen, dass Googlen keine richtige Option ist. Auch wenn Yusupov darin kein Betrügen erkennen will. Er sagt: „Das Internet ist halt als Werkzeug da, und wer in der Lage ist, Antworten auf die kniffligen Fragen in so kurzer Zeit aus dem Netz zu ziehen – Respekt.“ Der Schwierigkeitsgrad wächst ab der fünften Frage steil an, echtes Nischenwissen ist gefordert, und die letzten Antworten weiß dann eben von der knappen Million Mitratender nur eine erlesene Schar – echte HQ-Champs.

Das TV kniet nieder

Auch nicht schlecht, wenn einem ein schöner Zufall in die Hand spielt. Denn Anfang Januar gewinnt Lauren May 11,30 Dollar bei HQ Trivia. Ein recht normaler Betrag, den die Gewinner sich anschließend über Paypal auszahlen lassen können. Oft liegt die Gewinnsumme sogar noch niedriger. May also flippt vor der Kamera restlos aus, springt auf, rollt entrückt vor Freude auf dem Boden, will ihren Hund umarmen. „Oh my God, oh my God, OH MY GOD!“, kommt es eine Minute lang schrill aus ihr heraus. Der Clip geht viral, beste Werbung für das bis dahin noch nicht flächendeckend bekannte Quizgame.


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