Out of Germany: Warum für Creative Directorin Lisa Kirchner LA das bessere Berlin ist

In unserer Serie „Out of Germany“ stellen wir Expats vor, die mit ihrem Beruf in die Ferne gezogen sind. Über das Wie und Warum sprechen wir diesmal mit Creative Directorin Lisa Kirchner, die seit 2015 in Los Angeles lebt.

Lisa Kirchner, 36, arbeitet freiberuflich für einige große Agenturen, unter anderem für Deutsch. Viel spannender findet sie allerdings all die neuen Marken, die in Los Angeles und San Francisco entstehen, zum Beispiel das junge Food-Startup Impossible Foods, für das sie vor Kurzem gearbeitet hat.

Lisa, warum hast du dich entschieden, in einem anderen Land zu arbeiten?

Mir war kalt. So toll Berlin im Sommer ist, so schwer war es für mich als Kreative, mich in den restlichen 50 Wochen durch das schlechtlaunige Grau zu kämpfen. Die Vielfalt der Gegend hier, seien es Leute, Essen, Kunst oder Natur, hilft natürlich auch. Hier sprudeln die Ideen nur so und ich will am liebsten immer etwas kreieren. Irgendwann wurde mir klar, dass ich dieses Gefühl auf Dauer haben kann und ich hab mich um ein Visum beworben.

Hier geht es zu den Kreationen von Lisa Kirchner

Was ist besser in LA ist als in Deutschland?

Der ständige Sonnenschein macht die Menschen glücklicher. Die ganze Freundlichkeit hat mich am Anfang sehr irritiert. Von Wildfremden wird man in Berlin nicht auf der Straße angesprochen, Komplimente macht auch keiner. Dementsprechend skeptisch war ich zuerst und dachte, irgendwas stimmt mit denen nicht.

Außerdem ist die Lebensqualität viel besser, da hier alles eher tagsüber passiert. Man steht früh auf, will draußen sein, fast jeder macht irgendeinen Sport, irgendeine Detox-Kur oder macht Yoga. Es wird weniger gefeiert und getrunken – und sich gesünder ernährt.

Berlin ist wahnsinnig kreativ, aber arm. In LA wird schnell mal eben in diese oder jene Idee investiert und man bekommt eher die Chance an großen Projekten zu arbeiten.

Und was sind die Pain Points? 

Mit deutscher Bescheidenheit kommt man nicht weit. In Amerika ist schamlose Selbstvermarktung ein Pflichtfach. Mir fällt diese laute und oft aggressive Art der Eigenwerbung noch immer wahnsinnig schwer.

Ich weiß sehr zu schätzen, wie schnell man Leute für etwas begeistern kann, aber ich musste definitiv lernen, diese Begeisterung nicht zu überschätzen. Heute kann alles “absolutely fantastic” sein, aber Morgen ist das vielleicht auch schon wieder vergessen. Ausserdem musste ich lernen mit der Unverfänglichkeit der Leute hier klarzukommen. “Amazing, let’s have lunch Thursday and talk about the details” bedeutet für mich: Wir sind verabredet und schreibe es in meinen Kalender. Hier ist das eine vage Option, die jederzeit ignoriert oder kurzfristig abgesagt werden darf.

Und man muss lernen sich an die Stadt anzupassen. Es gibt nicht genug öffentliche Verkehrsmittel – ohne Auto geht hier gar nichts und ziemlich häufig steht man ewig im Stau. Man lernt mit der Zeit weniger Meetings an einem Tag zu machen.

Dein „favorite place to work in LA?

Mein Küchentisch in Venice ist ziemlich toll. Das Licht am Vormittag ist so gut und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Palmen und bin in zehn Minuten am Strand zur Mittagspause. Und ich freue mich, dass „The Wing“ demnächst auch eines ihrer großartigen Coworking Spaces für Frauen in LA aufmacht.

Und wo trifft man spannende Leute zum Netzwerken?

Ich bin begeistert von der Frauen-Power hier in LA. Es gibt unzählige Gruppen und Veranstaltungen, wo Frauen zusammenkommen um sich gegenseitig unterstützen und inspirieren. Hierbei entsteht eine mitreissende Energie, die mich noch Tage danach vorantreibt. Ich habe hier viel mehr das Gefühl, dass Frauen erkennen wie viel man gemeinsam erreichen kann, wenn man sich hilft, anstatt zu konkurrieren.

Was vermisst du aus Deutschland?

Freunde und Familie natürlich. Ich hab hier zwar tolle Menschen kennengelernt, aber die besten Freunde ersetzt man nicht mal so eben, wenn man über 30 ist.

Als Kreative ist Kollaboration absolut lebenswichtig und auch hier fängt man wieder bei Null an. Von daher fehlen mir meine deutschen Go-to Leute für bestimmte Projekte. Zum Glück baue ich mir hier nach und nach ein ebenso gutes Netzwerk auf, allerdings ist das nicht immer einfach. Die Arbeitseinstellung ist nämlich wirklich nicht überall gleich.

Business Do’s und Dont’s in LA?

Business darf sich nicht nach Business anfühlen. Es passiert viel mehr über Drinks, als in offiziellen Meetings. Man hilft und empfiehlt und wird dann selbst empfohlen. Es hilft tatsächlich, nett zu sein und nicht zu unbequem zu werden. Ich musste lernen, meine unverblümte Art Feedback zu geben in ein Shit Sandwich zu verpacken (ja, das heisst wirklich so): Man leitet ein mit einem Lob oder Kompliment, in der Mitte liegt dann die Kritik und oben drauf kommt wieder eine fluffig weiche Lage aus Nettigkeiten.

Könntest du dir vorstellen wieder nach Deutschland zurückzukommen?

Im Moment nicht. Wenn man sich einmal an die Sonne und die gute Laune gewöhnt hat, ist es schwer das wieder aufzugeben.

Außerdem ist hier mittlerweile mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. Ich arbeite nicht nur für große Agenturen und Mega-Kunden, sondern habe Fernweh, mein eigenes Kreativ-Studio, mit dem ich mehr Frauen bei der Realisierung ihrer Ideen helfe und neue, spannende Marken aufbaue.


Julia Berger

Julia hat irgendwas mit Literatur, Medien & Politik studiert – ist dann aber an der Bundespräsidentschaft knapp vorbeigestolpert. Die famosen Weltherrschaftspläne mussten deswegen erstmal verschoben werden und nach ein paar kleinen Kreativpausen in Asien, Südamerika und der Agenturlandschaft ist sie nun stets bemüht als Leiterin der Digital Redaktion von Business Punk unterwegs.

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