Glitz & Pomp: Andy Kassier inszeniert den perfekten Instagram-Narzissmus

Zeitgenössische Kunst? Aber bitte, wie der smarte Medien-Allrounder Andy Kassier sie gerade prägt. Der Berliner schafft Spaß, Bildgewalt und die nötige Prise Verwirrung.

Andy Kassier streicht in einem Vorort von Kapstadt um die Häuser. Hohe Märzsonne, die ihm auf den Kopf scheint, Spätsommer auf der Südhalbkugel, das lose getragene Hawaiihemd weht sachte an ihn herum. Dann hat er ihn gefunden: „Mercedes Benz 280 SE“, sagt er. „Bestimmt 400 000 Kilometer runter. Perfekt.“ Der Benz duckt sich in einer Einfahrt, schmutzgold, verstaubt, an allen Ecken und Enden nur von Klebeband und Optimismus zusammengehalten. Ein Bastler sieht im 80er-Schlitten ein ambitioniertes Projekt, ein Gebrauchtwagenhändler sieht darin Kopfschmerzen, Kassier erkennt darin: sein nächstes Foto, auf dem er sich inszeniert.

Kassier drückt dem Besitzer 350 Dollar in die Hand, damit er einen Monat lang mit dem Stahl-Methusalem anstellen kann, was er will. Dann putzt er eine Seite des Wagens, hüllt sich in einen rosafarbenen Morgenmantel, nimmt einen Golfschläger in die Hand und stellt sich aufs Dach. Pose, Auslöser – Kunst fertig. Kassier sagt: „Man kann mit sehr wenig Geld sehr viel machen.“

Glitzernde Oberfläche

Nur in seltenen Momenten hat man als Betrachter das Gefühl, der Entstehung einer Kunst beiwohnen zu dürfen, die völlig die Gegenwart bedient. Kassier, ein 28-jähriger Berliner, gelingt es, Werke zu schaffen, die in alle denkbaren Richtungen anknüpfbar sind. Da ist einerseits die Effizienz, mit der er arbeitet. Kassiers Werke entstehen in Eigenregie, oft mit Selbstauslöser. Ebenfalls aus Effizienzgründen hält er sich einen Großteil des Jahres an Orten auf, die ihm die Kulisse für die Oberfläche, den Glitz und Pomp bieten: „Die Idee ist, immer dort zu sein, wo es nicht gerade arschkalt ist.“ Letztlich natürlich die Motive selber: Er. Kassier. Immer das zentrale Element, auf dem der Blick zu ruhen kommt. Ein instagramfähiger Narzissmus ohne Ende. „Ich habe gemerkt, wie Leute sich in den sozialen Medien darstellen, dass es ein großer Unterschied zur Realität ist. Das habe ich dann auf die Spitze getrieben.“

Vielleicht nicht verwunderlich, wenn man sich seine Vorbilder anhört: „Bruce Lee, Rafael Horzon, Gary Vaynerchuk“, zählt er auf. Lee? Klar. Der erfahrene Berlin-Mitte-Schrat Horzon? Sicher; für einen, der wie Kassier demnächst in Berlin eine große Einzelausstellung hat, eine gute Wahl. Aber der Schreihals Gary Vee? Kassier sagt: „Ich lese Sachen von Vaynerchuk und versuche, die im Kontext meiner Arbeit zu reflektieren. Mein Kontext verändert die Sichtweise darauf.“ Als es Anfang vergangenen Jahres popkulturell chic wurde, Tweets mit leeren Coachinghülsen rauszuschicken, war Kassier schon der Zeit voraus, sein Twitter bediente bereits die Tonalität, bevor Accounts wie @DaxWerner und @StartupClaus für einen kurzen Hype sorgten. Kassier sagt: „Ich will nicht allein die Kunst-Bubble bedienen, ich will da raus.“

Andy Kassier voll auf Insta

Guru, Mentor, Instagram

Er hat Glück, dass sich Kunst heute viele Kanäle suchen kann. „Klar kann ich alle meine Bilder an Zahnärzte verkaufen, aber am Ende bringt mir das nichts für die Legacy.“ Legacy erschafft man sich 2018 am einfachsten über Instagram. Kassier ist verdammt schnell, hat vor dem Studium in der Werbung gearbeitet: „Ich weiß, wie man Technik gut benutzt. Es fällt mir leicht, vor der Kamera zu stehen.“ Sieht man. Und hat beim Betrachten großen Spaß daran. Aber zurück zum schnellen Arbeiten: Als er neulich in New York war, schneite er im Studio von Giphy vorbei und schnitt ein paar Videos. Seitdem kann man Kassier als Gif in Instagram-Storys verwenden.

 

„Ich dachte: Das ziehe ich sofort durch. Gute Hashtags, ordentlich taggen, weite Streuung.“ Mittlerweile wurde er über 60 Millionen Mal in Insta-Storys geloopt, Leute auf der ganzen Welt, die noch nie vorher von ihm gehört haben, nutzen den tanzenden Kassier, um gute Laune zu verbildlichen.

Was als Nächstes? Kassier sagt: „Ich frage mich immer: Wie kann ich noch was toppen? Mein Problem ist, dass ich ex­trem faul bin, gleichzeitig aber auch extrem motiviert.“ Er erzählt von neuen Themen, mit denen er sich beschäftigt: Meditation. Achtsamkeit als Allheilmittel. Die Guruhaftigkeit. „Interessant ist“, sagt er, „dass Erfolg nicht mehr ausreicht, wenn du nicht noch Mentor und Guru gleichzeitig bist.“ Gut vorstellbar, wie er mit seiner Kunst und als Person Begehrlichkeiten in Konzernen weckt. Der junge, bildstarke, selbstbewusste Traumerschaffer. Und wäre – nur mal so – ein großer Autokonzern interessiert, hätte er schon ein verdammt gutes Motiv.

 

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 02/2018. Darin porträtieren wir Lea-Sophie Cramer, Gründerin von Amorelie. Nach der Übernahme durch ProSiebenSat.1 soll sie die Konzerntochter zu einer Lifestylemarke ausbauen. Außerdem: Quiz-App HQ Trivia, Schauspieler Bryan Cranston, DJ-Gott David Guetta und wie immer viele weitere Geschichten. Mehr Infos gibt es hier.

 


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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