David Guetta über seinen Hunger nach Erfolg und die ersten Gigs als DJ

Wenn einer in der EDM alles abgeräumt hat, dann ist es dieser Mann. Trotzdem scheint David Guetta noch lange nicht satt zu sein. Im Gegenteil: Mit 50 ist der Pariser DJ produktiver denn je.

Mittlerweile schon altes Ausgehwissen: Will der DJ kurz mal den Floor räumen und eine Art Party-Reset schaffen, dann einfach einen Track von David Guetta anspielen. Genau, erst mal Spex-Leser und Geisteswissenschaftler zurück an den Rumstehrand wegsortieren; wer dann noch mit in den Himmel gereckten Händen übrig bleibt, hat ehrlich Bock auf Party, kennt die Regeln, nach denen so ein Abend funktioniert – eben ein Profi, mit dem es zumindest andenkbar ist, den Rest der Nacht feiernd zu verbringen.

Guetta weiß das. Er nimmt es gelassen, nimmt alles gelassen. Ein gleichmütiger, sanft lächelnder Schalk, der wie zufällig ein ganzes Genre erfunden und groß gemacht hat. Wir sitzen Backstage in der Hamburger Barclaycard Arena, gleich wird er der Main-Act in der Halle sein, von wo der Bass gerade wummst und die Leute sich aufs Ausflippen vorbereiten. Guetta sagt: „Ich habe lange dafür gekämpft, für das alles, für meine Musik.“ Nun, er hat den Kampf gewonnen, auf jeden Fall nach Zahlen: verkauften Alben, verdienten Gagen, Kollaborationen mit anderen großen Stars. Und jetzt?

Jetzt hat er erst mal einen neuen, eher pfiffig zu nennenden Haarschnitt. Und ein neues Album, das „ein bisschen funkier geworden“ ist. Guetta schnalzt sich das Wort „funkier“ zufrieden von der Zunge. Aber die Haare? „Das war eine gute Idee! Neues Album, neuer Look. Ich werde jetzt nicht mehr so oft auf der Straße erkannt.“ Lächeln. Dann, leise hinterher: „Aber das war mir ja immer egal, ob ich auf der Straße erkannt werde oder nicht.“

Foto: Christoph Neumann.

Stichwort Funk: Guetta erinnert sich, wie er als 14-Jähriger in Paris die ersten Partys organisiert hat, in einem Keller irgendwo an der Bastille. Nahm auf heute umgerechnet 1 Euro Eintritt dafür, hat vorher noch an der Schule selber zusammenkopierte Flyer verteilt. Und im Gepäck eben Platten mit grundehrlichem Funk aus den 70ern: „Funk war meine Musik. Das, was Bruno Mars seit ein paar Jahren macht. Wenn ich seine Lieder höre, kann ich ganz genau die Platten von damals raushören, die er als Inspiration dafür genommen hat.“

Neulich ist Guetta 50 Jahre alt geworden, was er selber nicht fassen kann. Und als jemand, der dem lächelnden Typen im kreischroten Jäckchen gegenübersitzt, kann man es noch viel weniger fassen. Man versteht: Alter ist dann eben doch auch ein bisschen Mindset. Weil so verschmitzt-kitzig, wie Guetta noch immer wirkt, dürfte selbst der begabteste Producer-Ikarus mit Mitte 20 nur bedingt sein. Wie er da lässig den Pappbecher mit Tee in der Hand schwenkt und so aussieht, als würde er selber nur staunender Gast auf der Backstage-Couch sein.

Und es ging ja noch früher los: „Ich war mein ganzes Leben lang Producer. Mit zwölf habe ich zu Hause richtiggehend trainiert: Mischen, Beat-Matching. Es gab kein Youtube, und für die Clubs war ich viel zu jung.“ Er konnte sich nichts abschauen, keinen Rat suchen. „Wenn ich heute zwölf wäre, würde ich mein komplettes Leben auf Youtube verbringen.“ Er schüttelt den Kopf: „Du kannst alles lernen: die Styles. Die Techniken.“ Würde er seinem jüngeren Ich etwas raten? Guetta sagt: „Nein. Gar nichts. Sonst hätte ich nicht den Hunger entwickelt, nicht die ganzen Jahre geschuftet.“

Und dieser Hunger hat den Franzosen in den traditionell Euro-gelangweilten USA bis auf die Titelseite von „Billboard“ gebracht. Zeile: „David Guetta Takes Over – How a French Dance Music Star Changed the Sound of Top 40“. Er sagt: „Das war für mich komplett crazy. In den USA haben sie alles, die größte Unterhaltungsbranche“ – klar, eigentlich brauchen die ja keinen. Und dann eben doch ihn, der ihnen von Paris aus den neuen Electro-Sound beibrachte, der das folgende Jahrzehnt nicht mehr aus dem Radio verschwand.


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