Ich bin der schreckliche Typ in deinem Office, der immer Crunch Time schreit

Dein schlimmster Kollege – lauert in jedem Büro. Deshalb stellen wir in unserem neuen Format typische Office-Charaktere vor, die es überall gibt. Auch bei uns.

Schau mal auf den Kalender: Genau, es ist Freitag. Du weißt was das bedeutet. Du weißt es, ahnst es, spürst es: Irgendwo in deinem Hinterkopf hast du es parat, das Geräusch. Hörst du die beiden Silben, die sich jetzt per hastig abgerufener, tief verwurzelter Erinnerung den Weg vom Stammhirn in dein Ohr bahnen? Crunch Time. Es ist mal wieder Crunch Time.

Du kennst mich vielleicht nicht vom Sehen, aber du hast mich immer und immer wieder gehört. Hören müssen. Ich bin der Typ, der irgendwo in den Weiten deines Großraumbüros existiert und von seinem Platz aus nicht anders kann, als unvermittelt „Crunch Time“ zu schreien, wenn die Deadlines näher kommen. Oder einfach nur so. Weil nichts so sehr kickt wie mein spitzer Schrei, der sich an allen Wänden des Office bricht, bis er an deinen drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel vorbei bis tief in dein Action-Zentrum im Hirn funkt.

Gib zu: An die drei Gehörknöchelchen hast du seit der siebten Klasse nicht mehr gedacht, oder? Gern geschehen, falls das demnächst eine Frage bei HQ Trivia sein sollte, für das ich selber keine Zeit haben werde, weil: Es ist bestimmt wieder Crunch Time hier.

Erinner dich: Muss noch schnell was vor dem Wochenende im Backend implementiert werden? Crunch Time! Braucht der Kunde den KV noch vor 21 Uhr? Crunch Time!, hörst du mich vom Klo aus mit der Nase am Toilettendeckel brüllen. Finanzen nicht schön genug, müssen schnellschnellschnell noch vor dem nächsten Gespräch mit den Investoren in Excel schick gemacht werden? Ich stehe schon an der Espressomaschine und drehe mich kurz um, die Faust zur Decke gereckt, werde meinen kolossalen Shout los: Crunch Time!, ihr Vollnüsse.

Hauchzart mit softem Ausrufezeichen

Du hasst mich. Ich kann damit umgehen. Dein Hass ist für mich vor allem eines: Crunch Time für mein Emotionsmanagement.

Schließ mal die Augen: Kannst du es hören? Jetzt? In diesem Moment? So hauchzart, kurz vor dem Wochenende? Heiß hingeatmet, wie das Bekenntnis des verschmähten Liebhabers, bevor er mit dem One-Way-Ticket für immer nach Chile verschwindet: Crunch. Time. Hier noch ein softes Ausrufezeichen, nur für dich: !

Früher habe ich ja immer „Allnighter“ geschrien, wenn die Workload mal ein bisschen angezogen ist. Oder die Zahlen auf dem Dashboard sich rot einfärbten. Oder wenn irgendjemand aus dem C-Level in Hörweite vorbeispaziert ist. Aber dann sind immer mehr Leute mit ihren Burnout-Attesten bei HR vorstellig geworden. Anschließend hatte ich Gespräche im Meetingraum, dass mein Mindset ja vollkommen superduper sei, aber vielleicht will ich es ja mal lieber langsamer angehen? Vielleicht mal den Fokus auf die eigentliche Arbeit verlegen? Ob ich es nicht mal mit so ein paar homöopathischen New-Work-Ideen versuchen will? Zumindest mal einen Stehdesk ausprobieren?

Interessante, aber völlig falsche Einwände. Denn, ganz kurz: Will ich nicht. Weil ich bislang kein Substitut gefunden habe für den Moment puren, reinen Schreckens auf dem Gesicht der neuen Mitarbeiter, die frisch vom Onboarding kommen, wenn ich halb entrückt vor ihnen stehe und ihnen klarmache, was die Stunde geschlagen hat. Nämlich – ihr wisst es.

Gänsehaut

Und ich habe sie alle überlebt: Die Semikarrieristen mit ihren Fistbumps. Die Sport-Doofis mit ihren Laufgruppen während der Mittagspause. Den Coach, der uns stundenlang ein „affirmatives Selbstbild per kritischem Zwiegespräch im Spiegel“ hat üben lassen.

Moment, ich weiß schon, warum du bis hier hin gelesen hast: Weil du eine Pointe erwartest. Weil du gelernt hast, dass gegen Ende ein brechendes Element auftaucht. Irgendetwas, das die Luft rauslässt. Eine kleine Überraschung. Eine Pointe, dieser gefühlte Feierabend einer Rede. Aber nichts da. Crunch Time ist stumpf. Crunch Time kennt kein kumpeliges Augenzwinkern.

Unter uns: Nichts kommt auch nur annähernd an dieses Gefühl des Urschreis ran. Lasst euch vom Achtsamkeitsbeauftragten aus den Loser-Etagen nichts erzählen. Probiert es selber aus. Jetzt! Wann, wenn nicht heute? Es ist immerhin Freitag – echte, unverfälschte, vintage Crunch Time. Gänsehaut.

Nochmal: Crunch. Time. Und: !


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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