Erst Visionär, dann Trump-Supporter: Was plant Peter Thiel?

Was kommt nach dem tiefen Fall? Als Trump-Versteher hat Peter Thiel sich zur Persona non grata gemacht, nicht nur in der Techszene. Jetzt zieht der Investor die Konsequenz und verlässt das Silicon Valley. Der Neuanfang muss her, aber wie und wo? Eine Spurensuche.

Die Strecke von San Mateo runter bis nach San José führt eine lange, kurvenlose Straße entlang, und es fällt auf: Das Silicon Valley ist ein zutiefst unspektakulärer Ort. Sicher, Google, Facebook und Apple mit ihren raumschiffartigen Zukunftscampusanlagen, die stechen an den sanften, braunen Hügeln schon hervor. Aber sonst hat sich bislang niemand hier architektonische Frivolitäten erlaubt. Zwar werden auf dem Landstrich entlang der Bucht täglich Milliarden an Dollar herumgeschoben, aber es scheint außer Apple noch keinem eingefallen zu sein, davon die eine oder andere in ein repräsentatives Objekt zu stecken. Der Ort lebt ganz offensichtlich nach wie vor von dem Mythos, dass die besten Ideen in Garagen entstehen, in Dachkammern, am Küchentisch bei Mama und Papa. Legenden werden hier durch Arbeiten und Erfinden gemacht, nicht durch Hinweisen auf den Prozess des täglichen Wundervollbringens.

Eigentlich alles im Sinne von Peter Thiel. Arbeiten, nicht zeigen. Wohlstand kommt daher, dass man sich nicht auf vergangenen Erfolgen ausruht, sondern weiterspinnt, weitermacht, weiterdreht, niemals stillsteht. Dieser Landstrich voller Garagen mit Träumen und Ideen hat letztlich auch Thiel groß werden lassen. Hier hat er an der Stanford University studiert, hier das erste Unternehmen Paypal gegründet, dieses hier an Ebay verkauft, hier mit den erwirtschafteten Millionen einen Fonds gegründet. Und dann noch einen Fonds, und dann noch einen und noch einen. Hier Milliardär geworden. Thiel investiert, Thiel kennt alle wichtigen Menschen, Thiel sieht in einem jungen Mark Zuckerberg, dass aus dem und seinem komischen Onlinealbum etwas Gewaltiges entstehen kann. Weiterspinnen, weitermachen, weiterdrehen. Thiels Valley kennt kein Stopp, keinen Sonntag, kein Nein. 20 Jahre, nachdem er Paypal mitgegründet hat, ist der Mann – nicht zuletzt, weil er mit Trump den Pakt mit dem Teufel eingegangen ist – Synonym für das Valley geworden. Viele meinen: zu einer finsteren Schattengestalt, die alles weiß und alles sieht und politisch fragwürdige Ansichten hat. Das Valley hat Peter Thiel zum VC und zum Milliardär gemacht. Und es heißt auch: Peter Thiel hat das Silicon Valley der Erfinder und Tüftler zum Silicon Valley der Geldgeber und Riesen-Investments gemacht.

Aber das Valley und sein prominentester Visionär haben ein Problem miteinander. Schon seit längerer Zeit. Auf der einen Seite predigt Thiel seit Jahr und Tag, dass das Valley die Lust auf Innovation verloren hätte. In anderen Regionen der Welt, nicht zuletzt in China, sei man viel hungriger. Und dank laxerer Regularien auch innovativer. Predigt, das Valley habe vergangenen Großtaten nichts folgen lassen und sich mit der bloßen Verwaltung zufriedengegeben. Seine Leier: Die großen Techunternehmen seien arrogant und selbstverliebt, würden selber nicht die Ausmaße ihrer Produkte verstehen. Leisten sehr viel weniger Gutes für die Menschheit, als sie gerne vorgeben. Dass diese ganze Region eine Kultur der Gleichheit und Gleichdenkerei pflege, eine Seifenblasenwelt ohne Widerspruch, ohne Stachel, in der Kritik schnell mit Hass gleichgesetzt wird und aus der nichts Großes entstehen kann.

Das Valley ist vorbei

Und auf der anderen Seite haben sie ihm an der Westküste seine Unterstützung von Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2016 nicht verziehen. Seinen Abgesang auf das Valley konnte man noch ertragen, immerhin flossen aus seinen Fonds ja reichlich Gelder, und Thiel, der grundsätzlich aus voller Überzeugung handelt und keine halben Sachen mag, würde nicht investieren, wenn er sein eigenes Geklage allzu ernst nehmen würde. Aber die Sache mit Trump? Thiels konservative Gesinnung war nichts Neues, die kannte man schon. Trotzdem stellte die offene Unterstützung eine weitere Stufe der Eskalation dar. Der Mann war schon immer unbequem, jetzt war er darüber hinaus auch noch unangenehm, peinlich, ein hässlicher Rechter. Thiel wurde in seiner Homebase zum Außenseiter: Mittlerweile gehen Gründer so weit, wortreiche Pressemitteilungen zu verschicken, in denen sie erklären, zwar von einem Thiel-Fonds finanziert zu werden, keinesfalls aber dessen persönliche Ansichten und Meinungen teilen.

Und so hat Thiel neulich das einzig Sinnvolle verkündet: Er wird das Silicon Valley verlassen. Wohin? Noch nicht ganz sicher, aber ein Teil des Plans besteht darin, dass er einige seiner Büros die Küste runter nach Los Angeles verlagern wird. Hauptsache, erst mal raus aus San Francisco, dessen Mindset Thiel als „toxische Monokultur“ bezeichnet. Er suche einen Ort, an dem seines Erachtens weniger Herdendenken vorherrsche.

Sofort kam Panik auf im Valley: „Wer soll Thiel ersetzen?“, titelte Recode Anfang Mai. Thiel mag der düstere, rechte Schatten sein, der über der Gegend liegt, aber er ist eben ein Schatten, an den man sich gewöhnt hat, mit dem man sich arrangiert hat. Wenn er es ernst meint und geht, so die Befürchtung, ist vielleicht doch etwas dran, dass der legendäre Landstrich seine besten Tage hinter sich hat.

Aber die andere Frage: Was nur will Peter Thiel fern dem Ort, mit dem er so eng verknüpft ist? Was hat er für Pläne, welche neuen Ziele verbindet er mit einem Umzug? Was will einer noch, der eigentlich schon alle weggekämpft hat, die sich ihm jemals in den Weg gestellt haben?

Denn selbstverständlich ist er gut vorbereitet. Er handelt niemals überhastet, sondern stets kalkuliert – und redet nicht drüber. Etwa eine Existenz, die sich mit Kryptowährungen beschäftigt? Ein Aufbau einer konservativen Medienmarke? Auswandern nach Neuseeland, um sich ganz zurückzuziehen? Derzeit alles denkbar. Wenn man Thiel verstehen will, muss man aber etwas weiter ausholen.

Denn gäbe es ihn nicht schon, man hätte eine Riesenfreude daran, sich Peter Thiel auszudenken. Schön vorstellbar, wie Autorenteams liebevoll an einer Figur feilen: hier das leicht Weltfremde von Zuckerberg, dazu die kühle Intelligenz eines Schachprofis (Thiel rangiert unter den 1000 besten Spielern der USA), am besten deutschstämmig und homosexuell und so überzeugt konservativ, dass er bereits während des Studiums „The Stanford Review“, eine Zeitschrift mit deutlich konservativer Haltung, herausgab. Am Ende noch einen guten Schuss Vergeltungssucht des alttestamentarischen Gottes. Thiel mag komplex sein, aber eigentlich reicht es, wenn man sich eins merkt: Thiel muss immer siegen. Thiel muss immer recht haben.

Und Thiel hatte, das muss man sagen, in Bezug auf die Arroganz des Valleys zumindest nicht ganz unrecht. Neulich hat es Facebook erwischt, jenes Unternehmen, dem er seit seinem Frühinvestment im Jahr 2004 mit vorsitzt. Der Datenskandal um Cambridge Analytica belegte für Thiel, dass die Verantwortlichen nicht wissen, was für eine gefährliche Waffe sie eigentlich in den Händen halten. Zum Beispiel Susan Wojcicki, Chefin von Youtube, überzeugte Demokratin. Ihr Produkt und dessen Empfehlungsalgorithmus sind mit dafür verantwortlich, dass sich Menschen verstärkt nur noch das ansehen, was ihre Gesinnung bedient. So rotten sich eben auch ultrakonservative Stimmen zusammen und bestärken sich in ihren Überzeugungen. Konnte sie nicht gewollt haben, ist aber passiert.

Zuckerberg hingegen wollte via Facebook-Timeline eine immerpositive Erfahrung bieten. Einen fröhlichen, unkritischen Ort. Als bei Untersuchungen herauskam, dass Zensurteams bei Facebook konservativ gefärbte Beiträge teilweise nicht mehr ausspielten, sah Thiel seine Werte verraten: Was will Facebook eigentlich sein? Eine Plattform, die von Meinungsfreiheit lebt, die dann aber auch in aller Konsequenz und für alle offen geboten werden muss? Oder eher das, was es seit Jahren ist – nämlich die genialste Marketingmaschine, die es jemals gab?

Thiel sieht das Valley und die Techbranche in einer großen Sinnkrise. Und er sieht die Akteure nicht von alleine darauf kommen, diese Krise anzugehen oder überhaupt nur zu benennen, sieht sie lediglich reaktiv tätig werden.

Als Sam Altman, der Chef des Inkubators Y Combinator, Anfang des Jahres mit dem Gedanken spielte, sich zur Wahl als Gouverneur von Kalifornien aufstellen zu lassen, bat er vorher um ein Gespräch mit Thiel. Dieser sagte ihm, dass er sich lieber eine gute Antwort auf folgende Frage ausdenken sollte: „Warum ist Tech so wertvoll für den Durchschnittsmenschen in Kalifornien?“ Die Antwort durfte einerseits keine Plattitüde wie „weil wir alle miteinander vernetzt sind“, andererseits auch kein Utopiegerede wie „weil Tech alle Krankheiten besiegen wird“ sein. Altman ist keine Antwort darauf eingefallen. „Mir auch nicht“, sagt Thiel. Altman hat die Kandidatur am Ende sein lassen.

Zusammen mit Schachgenie Garri Kasparow und Evernote-Gründer Max Levchin hat Thiel 2012 ein Buch darüber geschrieben, wie Innovation im großen Stil und als Methode möglich ist, „The Blueprint“ heißt es. Im Internet kann man das Cover ansehen, leider ist das Werk nirgends erhältlich. Ironischerweise konnten sich die drei Riesenegos auf kein Rezept, auf nicht den einen Blueprint einigen, und das Ding ist deshalb nie in den Druck gegangen.


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