Erst Visionär, dann Trump-Supporter: Was plant Peter Thiel?

Kein Buch? Macht nichts. Thiel kann auch so seine Nachricht verkünden, wird auch so nicht müde zu betonen, dass man sich in den USA seit Jahrzehnten bloß alter Leistungen rühmt. Heilung von Krebs, was man optimistisch in den 70ern vorausgesagt hat? Nichts da. Stattdessen das nächste X plus Y, aber für Z.

Skalieren bis in alle Ewigkeit

Lustig ist: Gerade daran ist auch Thiel wie kein anderer schuld. Jedes Modell, das in einer Branche funktioniert, wird bis aufs Skelett gerupft und für andere Branchen flottgemacht. Skalierung in alle Richtungen. Und das Prinzip, nach dem er investiert und das untrennbar mit seiner Person verknüpft ist, ist denkbar einfach: Man investiere in eine ganze Handvoll Startups und Ideen. Davon gehen die meisten ein, keine Frage – Erfolg ist selten und hart, außer der irren Arbeit am Produkt spielen zu viele uneinschätzbare Faktoren wie Timing und Glück eine große Rolle. Aber die wenigen, die sich am Ende durchsetzen, so die Idee, werden Renditen bescheren, die jeden bei den anderen Investments erlittenen Verlust vergessen machen.

Dieses Prinzip ist mittlerweile im Risikokapital auf der ganzen Welt zu finden. Es funktioniert nicht überall, einfach weil nicht jeder Markt so riesig ist wie der amerikanische. Weil nicht derart viel Geld im Umlauf ist, das sich einfach mal so – Risikokapital eben – auf ein paar gut klingende Ideen werfen ließe. Aber es fällt schwer, sich von einer Herangehensweise zu lösen, die immerhin Facebook hervorgebracht hat. Das Payment-Unternehmen Stripe, das mit rund 10 Mio. Dollar bewertet wird. Oder sein eigenes Datensicherheitsunternehmen Palantir, von dem bald ein Börsengang erwartet wird, das über 20 Mrd. Dollar wert sein soll. Andere, weitaus unbekanntere, die nicht den Klang und das Ansehen haben, aber eben allen Beteiligten viel Geld verschaffen konnten.

Trotzdem scheint Thiel wohl seiner eigenen Methode überdrüssig zu sein. Das Valley und dessen alte Versprechen sieht er nirgends mehr gelebt. Eigentlich nur noch bei einem: seinem alten Kollegen, Freund und Paypal-Mitgründer Elon Musk.

Dessen Moonshots sind für Thiel der einzige Anhaltspunkt, dass das Valley noch das Valley sein kann. Mit Musk ist da jemand, der Aufgaben angeht, die am Rande der Unlösbarkeit sind: Besiedelung des Mars. Reisen per unterirdischer Röhre von L.A. nach San Francisco. Fließbandproduktion von batteriegetriebenen Limousinen, und das alles umgesetzt in einem wahnwitzigen Tempo, binnen nur wenigen Jahren. Wenn die Regierung keine neuen, fantastischen Großprojekte mehr vorgibt, dann muss eben der Privatsektor ran. Projekte, die viel zufälligen, jetzt noch unabsehbaren und ungeahnten Beifang schaffen sollen. Als Beispiel führt Thiel die Raumfahrtprogramme der 50er- und 60er-Jahre an; von den dabei im Vorbeigehen gemachten Entdeckungen und Erfindungen hat die Welt noch Jahre gezehrt. Und es gab die verbreitete Ansicht, dass der Fortschritt auf einer stetig nach oben zeigenden Kurve weitergehen würde. „We were promised flying cars“ mag ein Meme sein, aber es beschreibt anschaulich das, was Thiel beklagt: Bestehende Ideen wurden bloß besser vermarktet. Startups denken ihm zu klein, planen zu klein, bis zum Exit und nicht weiter. Oder idealerweise Monopolbildung und dann den Rest des Daseins dieses verteidigen und den Markt melken. Thiel lobt zwar Monopole, dennoch: „Es fehlt an Vorstellungskraft und Fantasie, und sogenannte Sci-Fi-Projekte haben kein solides Geschäftsmodell“, sagt er. Klar, kein klar denkender Investor will Geld in ein Unternehmen stecken, das zusätzlich zu allen anderen Herausforderungen womöglich noch gegen die Gesetze der Physik zu kämpfen hat. Aber was, wenn man diese Vorsicht fahren lässt? Wenn man sich von Thiels eingeübter und bewährter Methode löst?

Insofern ist sein Weggang vielleicht wirklich nicht schlecht. Für alle. Thiel muss sich selbst aus dem Valley nehmen, damit Platz für jemand anderen da ist. Einen, der Investieren von Grund auf neu denkt, weg vom Gießkannenprinzip. Wer neue Ideen will, braucht neue Vordenker. Jahrelang galt Thiel als großer Visionär, jetzt stößt er an die Grenzen.

Also: Bestehendes zerstören, indem man alles neu macht. Ist Thiel nicht fremd. Er geht gerne mit dem Hammer vor. Zum Beispiel vor ein paar Jahren, als er auf seiner Suche danach, wie man das Valley und die dort seiner Meinung nach vorherrschende Gleichförmigkeit auseinanderbrechen könne, auf den allergrößten und tumbesten Hammer von allen gestoßen ist: Donald Trump.

Niemals in der Herde

„The Blueprint“ mag gescheitert sein, aber ein Buch hat Thiel dann doch veröffentlicht. „Zero to One – Notes on Startups, or How to Build the Future“ heißt es. Es ist eine ausgearbeitete Version seiner Vorlesungsreihe an der Stanford University und stellt laut Thiel „alles dar, was ich über Wirtschaft und Unternehmertum weiß“. Ein Rezensent des Magazins „The New Atlantis“, der das Buch bei Erscheinen unter die Lupe nahm, ging so weit, Thiel mit Friedrich Nietzsche zu vergleichen.

Gleich im allerersten Kapitel heißt es dort: „Whenever I interview for a job, I like to ask this question: ‚What important truth do very few people agree with you on?‘“ Thiel will als Antwort keine Allerweltsansicht gelten lassen, etwa dass das US-Gesundheitssystem kaputt ist oder es keinen Gott gibt. Ersterer Aussage würden viele Menschen zustimmen, wahrscheinlich die Mehrheit. Und zweitere schlägt sich lediglich auf eine Seite in einer uralten Debatte. Von der Zukunft, sagt Thiel, wisse man zwei Dinge: erstens, dass sie aus dem Jetzt heraus entsteht, zweitens, dass sie anders sein wird als das Jetzt. Und wenn jemand eine unbequeme und andere Ansicht zur Gegenwart hat, stehe die Chance gut, argumentiert er, dass diese die Zukunft mitgestaltet. Ihm ist Herdendenken unendlich fremd. Jahrelang hat er darauf verzichtet, MBAs einzustellen. Nicht aus Prinzip, sagt er. Er habe diesen Schlag Mensch bloß als zu extrovertiert und von zu geringer Überzeugungskraft ausgemacht. Eine Kombination, die für Thiel zu schnell ins reine Nachmachen führt.

Warum nicht Trump?

Thiel ist überzeugter Libertärer. In seiner Wohnung steht für alle gut sichtbar die gebundene Ausgabe von Ayn Rands „Atlas Shrugged“, der Roman, der die Bewegung vorgedacht hat. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 und 2012 unterstützte er Ron Paul von den Republikanern, für den er fast 4 Mio. Dollar lockermachte, damit der Mann wenigstens eine anständige Internetpräsenz hatte. Vier Jahre darauf setzte er auf Carly Fiorina, ebenfalls Republikanerin. Die Ex-CEO von Hewlett-Packard sollte aus den Vorwahlen hervorgehen und gegen den Kandidaten der Demokraten um das Präsidentschaftsamt kämpfen.

Eine Unterstützung von Thiel ist, nun ja, schwierig. Spätestens seit er vor Jahren der ultrarechten Anti-Einwanderungsgruppierung NumbersUSA 1 Mio. Dollar zugesteckt hat, will man sich eigentlich nicht einreihen in die Projekte, die er für förderungswürdig hält. Als Fiorina aus dem Rennen ausschied, schaute Thiel sich um. Und setzte auf Trump. Den hatte er zwar noch zwei Jahre zuvor als symptomatisch für „alles, was an New York City verkehrt ist“ bezeichnet, aber er machte an Trump Züge aus, die er für sich und seine Vorhaben würde nutzen können. Thiel freut sich: „Der Claim ‚Make America Great Again‘ war eine riesige Beleidigung für das ganze Valley.“ Denn das Valley steht ja dafür, dass die Zukunft besser sein wird als die Vergangenheit. Wenn also jemand kommt und die Vergangenheit als Leitgedanken anführt, greift dies natürlich das Selbstverständnis des Ortes an. Thiel unterstützte Trumps Wahlkampf mit über 1 Mio. Dollar, sprach außerdem als Headliner auf der Republican National Convention. Man kann es sich eigentlich nur schwer vorstellen: Auf der einen Seite die Trump-Anhängerschaft, alles beargwöhnend, was da an neuen Ideen von der Ost- und von der Westküste kommt. Und auf der anderen Seite der Mann, der seine Fonds und Unternehmen nach Elementen aus Fantasy-Romanen von J.R.R. Tolkien benennt. Aber der Zweck hat sie zusammengeführt: Trump durfte sich mit Thiel schmücken, hatte plötzlich einen fachlich angesehenen Menschen an der Seite. Und als Trump später tatsächlich Präsident wurde, konnte Thiel auf dem Rücken des Elefanten in den Porzellanladen Silicon Valley reiten.

Vielleicht ist es die Vergangenheit als Schachspieler: Wenn einer weiß, wie man Menschen für sich nutzen kann, dann Thiel. Der Mann schafft es, Leute wie auf einem Spielfeld umherzuschieben. Als ihn im Jahr 2007 das Onlineportal Gawker als homosexuell outete (Headline: „Peter Thiel is totally gay, people“), war Thiel entsetzt. Dass er schwul ist, galt als offenes Geheimnis, aber Thiel sah sich gegen seinen Willen geoutet. Und fing an, im Hintergrund die Fäden zu ziehen.

Gawker wollte laut eigener Aussage mit dem Artikel deutlich machen, wie selten in der VC-Welt es ist, auf einen Homosexuellen zu treffen. In dem eigentlich aufgeschlossenen Kalifornien sollte es ein Unding sei, dass die weißen, straighten Geldgeberjungs lieber unter sich bleiben. Eine kulturelle Veränderung muss her, steht in dem Artikel, damit die Menschen, die in der Szene einer wie auch immer gearteten anderen Lebensweise frönen, ohne Angst Teil dieser Welt sein können. Der Autor des Artikels, Owen Thomas, ist selber schwul. Sein Artikel schloss mit dem Satz: „Peter Thiel, the smartest VC in the world, is gay. More power to him.“ Alles gut, oder?

Nicht für Thiel. Der wartete und wartete, und als er seine Chance witterte, schlug er zu. Ist Trump schon ein unerwarteter Verbündeter, fand er zuvor auf seiner Mission, an Gawker Rache zu nehmen, einen noch verblüffenderen Mitstreiter: Hulk Hogan.

Im Jahr 2006 hat Terry Gene Bollea Sex. Mit der Frau eines Freundes, eines Radiomoderators, der sich Bubba the Love Sponge nennt und sich in Florida eine loyale Zuhörerschaft im Talkradio erquatscht hat. Bollea machte damals eine harte Zeit durch, „ich hatte Depressionen“, erinnert er sich. Kann daran gelegen haben, dass seine Wrestlingkarriere unter dem Namen Hulk Hogan durch war. Jedenfalls nahm Bubba den Ehebruch alles andere als locker, filmte die beiden heimlich beim Sex und schickte das Tape an Gawker. Die veröffentlichten 2012 natürlich nur allzu gerne gut zweieinhalb Minuten Hulk-Gestöhne aus dem insgesamt halbstündigen Werk. Und rutscht Bollea da auch immer wieder das ­N-Wort raus? Doch, tut es. Unangenehm. Bollea klagte wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten – und bekam am Ende von einem Gericht 140 Mio. Dollar zugesprochen, die Gawker würde zahlen müssen.

Wie? Nun, Thiel hat im Hintergrund Bollea mit einer ganzen Armada von erstklassigen Anwälten ausgestattet, die der Mann sich niemals hätte leisten können. Insgesamt war es Thiel über 10 Mio. Dollar aus dem eigenen Portemonnaie wert, dass er mit der Schachfigur Bollea Gawker in den Ruin reißt. Letztlich einigten sich die Parteien zwar auf die Zahlung von vergleichsweise geringen 31 Mio. Dollar, aber für Gawker bedeutete es so oder so das Ende – die Verbindlichkeiten waren zu hoch, die Site aufgrund ihrer Inhalte ohnehin schon seit eh und je Gift für Anzeigenkunden. Zu Gawker gehörende und gut laufende Nischenseiten wie Lifehacker oder Jezebel wurden veräußert, die Hauptseite geschlossen, drei Artikel über Bollea aus dem Archiv gelöscht. Thiel sagte: „Das war eines der größten philanthropischen Dinge, die ich je geleistet habe. Gawker hat ohne Grund die Leben von vielen Menschen ruiniert.“ Jahrelang sei Gawker damit durchgekommen, weil die meisten Leute nicht die Mittel hätten, sich gegen die Website zu wehren, selbst wenn sie im Recht waren. Und jetzt ist das eben vorbei, Schach und Matt. „In der Sowjetunion hat man Schach als Sport erachtet“, sagte Thiel einmal. „Da hatten die Kommunisten mal recht.“

Und wie zufrieden ist Thiel mit dem anderen Menschenprojekt, das er am Laufen hat? Wie gut geht es ihm mit Donald Trump?

Es muss ihm gefallen haben, dass der Präsident ihn ausgewählt hat, das Transition-Team mit zu leiten. Dieses Team aus etwa 100 Leuten soll für die Regierung die richtigen Personen für die Schlüsselpositionen ausfindig machen. Es muss ihm sehr gefallen haben, dass er für den Präsidenten der USA das Ohr im Valley ist, der erste Ansprechpartner, wenn es um Fragen zu allem von Digitalisierung bis hin zu KI geht. Er könnte Trump, der noch wenige Monate vorher davon gefaselt hatte, das Internet abstellen zu wollen, den Weg weisen.

Aber daraus scheint nichts geworden zu sein: Vor den jetzt anstehenden Midterm-Wahlen haben einige im Lager der Republikaner Angst vor seinem Rückzug. Jared Kushner, der das White House Office of American Innovation anführt, hat angeblich immer wieder Thiels Anrufe ignoriert. Außerdem, sagen Insider, fühlt sich Thiel beleidigt, weil man seine Ratschläge in Sachen Deregulierung und Tech nicht ernst genug nimmt. Eine anonyme Quelle sagt gegenüber dem TV-Sender CNBC: „Keiner hört auf ihn. Er steht völlig alleine da, und das macht ihn sicher wütend.“


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