Erst Visionär, dann Trump-Supporter: Was plant Peter Thiel?

Bereut er die Unterstützung von Trump? „Nein. Alles ist besser als Hillary Clinton oder diese Zombies der Republikaner“, sagte Thiel neulich der „New York Times“. Er sagt, dass er sich am Ende für ein Übel entschieden hätte. Das klingt nicht nach einer langen Beziehung. Thiel hat bislang auch noch nicht die Tasche aufgemacht und Geld in den Wahlkampf fließen lassen. Das Projekt Politik scheint für ihn vorbei. Es hat nicht sehr lange angehalten. Der Rachefeldzug gegen Gawker hat länger gedauert.

Wohin nur mit ihm?

Thiel ist verletzt. In der Politik braucht man ihn nicht, und in der Heimat Silicon Valley, wo er sich zugunsten der Politik unmöglich gemacht hat, will man ihn nicht mehr. Er scheint sich jetzt in einer Rolle zu gefallen, in der er mit dem Schurkendasein spielt. Ist dieses Datenkraken-Ungetüm, das von ihm gegründete Unternehmen Palantir, nicht nur ein Scheinunternehmen für die CIA, wird er bei einem Ask Me Anything auf Reddit gefragt. Nein, antwortet Thiel. Die CIA sei ein Scheinunternehmen für Palantir. Kein Zwinkersmilie. Einem Normalsterblichen würde man in solchen Momenten die Hand auf die Schulter legen und ihm zuraunen, dass er sich doch ruhig mal eine Woche Urlaub in der Sonne gönnen soll.

Also, wohin von hier aus mit dem Verstoßenen? Im Folgenden drei Szenarien, wie und wo es mit Thiel weitergehen könnte. Einerseits könnte Thiel eine weniger prominente Rolle in der Welt des Risikokapitals einnehmen – und stattdessen stärker auf Medien setzen. Durch seinen Ausflug in die Politik hat er gezeigt, sich in anderen Rollen vorstellen zu können. Vielleicht ist es einfacher, ein Klima zu schaffen, in dem seine Ziele und Vorstellungen umzusetzen sind. Er hat nachweislich Ambitionen, das Land mitzugestalten.

Anfang des Jahres hat Thiel gesagt, dass er sich vorstellen kann, von Los Angeles aus eine konservative Medienmarke aufzubauen. Weniger dümmlich als Fox, weniger hässlich als Breitbart. Wer sich bei diesen beiden Marken angewidert wegdreht, trotzdem aber konservativ gesinnt ist, findet in den USA nicht gerade viel, was ihn anspricht. Angeblich hatte Thiel schon im vergangenen Jahr mit Roger Ailes über eine Umsetzung geredet, dem Grabscher und Ex-CEO von Fox News. Der ist allerdings kurz nach dem Gespräch gestorben.

Wie er eine Medienmarke zerstört, hat Thiel schon bewiesen. Aber weiß er auch, wie man eine aufbaut?

Zweitens ist es denkbar, dass Thiel einfach weitermacht wie bisher, aber von woanders aus. Schon seit einigen Jahren touren Thiel und andere Investoren durch die USA und schauen sich Gegenden an, die sich neu gestalten ließen. Das Valley ist teuer, das Valley ist langsam, dem Valley fehlt der Hunger – kein Wunder, dass Thiels Auftritt gleich Schlagzeilen nach sich zieht: Kommt das Silicon Valley, heißt es dann, nach Ohio oder Kentucky oder sonst wohin? Jede Gegend, die seit Jahren darbt und von der Gegenwart abgehängt ist und in die Thiel mal kurz den Fuß setzt, lechzt.

Hoffnung für desolate Landstriche ist so einfach zu entfachen: Wenn mit Thiel einer kommt, der weiß, wie der Laden läuft und man etwas aufbaut, dann kann das die ganze Region beflügeln. Nicht zuletzt, weil es immer wieder hinter vorgehaltener Hand heißt, dass sich Valley-Unternehmen von ihm als untragbarer Gestalt zwar öffentlichkeitswirksam lossagen – um dann doch noch hier oder da den Rat zu suchen, wie etwa Altman vom Inkubator Y Combinator. Der hat seinen Freund Thiel zwar vom Aufsichtsratsposten gestoßen, ist ihm aber immer noch eng verbunden. Um Thiel drehen sich nach wie vor Menschen und Geld. In anderen Teilen der USA wäre man sicherlich bereit, ihm seine Ansichten zu verzeihen, wenn seine Anwesenheit den Aufbau einer zukunftsfähigen Infrastruktur und die Schaffung von Arbeitsplätzen bedeutet. Nicht überall hat man den Luxus der Westküste, die Nase zu rümpfen.

Aber lässt sich das Silicon Valley duplizieren? Wahrscheinlich nicht. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Region zu dem wurde, was sie heute ist. Nur muss das auch gar nicht nötig sein. Denkbar ist etwas völlig anderes: Paypal war einst angetreten, um als neue, globale Währung zu funktionieren. „Das“, sagt Thiel später, „haben wir nie eingelöst.“ Anfang des Jahres wurde bekannt, dass Thiel im großen Stil in Bitcoin investiert hat, neulich auch noch dem Startup Tagomi Geld zugeschossen hat. Das will große Kryptoplattformen auf der ganzen Welt verbinden. Krypto wächst schneller als alles, was sich über Produkte oder Dienstleistungen erreichen ließe. Thiel muss die Dezentralisierung lieben, für die Altcoins und die Blockchain stehen. Vielleicht will Thiel doch noch das Paypal-Versprechen einlösen. Gut möglich also, dass er sich verstärkt mit Bitcoin beschäftigt. Und dies dann tatsächlich von einer anderen Ecke der USA aus, wo die Löhne günstiger sind und die Republikaner in der Überzahl.

Drittens: Wie jeder andere Valley-Milliardär, der etwas auf sich hält, besitzt Thiel ein riesiges Anwesen in Neuseeland. In Wanaka, wo „Der Herr der Ringe“ gedreht wurde, hat sich der Tolkien-Fan ein großes Objekt zugelegt, Anfang des Jahres sich dort außerdem einen anständigen Panic-Room einbauen lassen. Reid Hoffman, Gründer von Linkedin, nennt ein Anwesen in Neuseeland „eine Absicherung gegen die Apokalypse“. Im Valley, sagt Techjournalistin Kara Swisher, kursiert schon dieser Witz: „Falls es zur Katastrophe kommt, habe ich gute und schlechte Neuigkeiten. Die guten? Ich habe ein Anwesen in Neuseeland. Die schlechten? Mein Nachbar ist Peter Thiel.“

Thiel ist jetzt 50 Jahre alt. Es gibt Menschen, die sich mit weniger Erreichtem zurückgezogen haben. In Stanford hat er übrigens einst erst Philosophie studiert, dann Jura. Das ist einer, der mehr kann und weiter denkt als nur von Investment zu Investment. Vor Jahren ist er in den Medien gewesen, weil seine Unterstützung für die Methuselah Foundation öffentlich wurde. Die wollen, ganz plump gesagt, den Tod abschaffen. Für jemanden wie Thiel, der sich nie mit dem Status quo abgibt, ist der Tod eine Hürde, die er logischerweise einreißen muss. „Ich akzeptiere ihn nicht“, sagt Thiel. „Die meisten Leute finden sich mit dem Tod ab, wollen ihn nicht wahrhaben.“ Die Abschaffung des Todes – klingt ganz wie ein Moonshot, den Musk sich ausdenken und verfolgen könnte. Das könnte Thiels großes Altersprojekt sein, dem er sich von Neuseeland aus widmet, dessen Staatsbürgerschaft er bereits seit 2011 hat. Denn wozu sich noch groß in Kämpfe hängen, die langfristig gar nicht die Wirkung haben, die ein unendliches Leben versprechen. Thiels Fonds funktionieren, Palantir soll immer mal wieder an die Börse gehen, Aufgaben, die vielleicht mittlerweile unter seinem Selbstverständnis liegen. Been there, done that.

Gut vorstellbar, dass Thiel sich auf der Südhalbkugel weiter in seinen „Herr der Ringe“-Kokon einspinnt. Auf Fahrten durch die verschwenderischen grünen Hügel dürfte ihn nicht viel an das pragmatische Flachland des Valley erinnern. Aber auch dort wird Thiel das sehen, was er sehen will. Denn auch dort wird es Garagen geben, daneben Häuser mit Dachkammern und wohl auch Küchentischen, an denen gearbeitet wird, gedacht und erfunden.

Es ist tragisch: Thiel kann sich nicht selber disrupten. Die Methoden, die er auf die Wirtschaft angewendet hat, der große Hammer und die Lust an der Zerstörung, bei der eigenen Person funktionieren die nicht. Ihm fehlt ein großer Gegner. Wenn man schon gegen alle gekämpft hat, bleibt nur der Kampf gegen den Tod. Aber auch der könnte bald die Hände heben und sich Thiels Methuselah Foundation ergeben. Und dann hätte Thiel wirklich Zeit, etwas komplett Neues zu planen.

 

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 03/2018. Neben der Titelstory zu Peter Thiel gibt es darin weitere spannende Geschichten – unter anderem über die Neuerfindung von Adidas. Außerdem: Dossier Fußball. Genauer, zum Business mit, hinter und vor dem Spiel. Mehr Infos hier.


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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