Leadership & Karriere Liebevolle künstliche Intelligenz: Dieser Roboter wurde programmiert um Liebe zu lehren

Liebevolle künstliche Intelligenz: Dieser Roboter wurde programmiert um Liebe zu lehren

… okay, okay. Aber was genau könnte sie mir ansehen?

Sie erkennt schon die Emotionen Freude, Traurigkeit, Angst, Wut, Überraschung und Ekel. Darauf reagiert sie. Und sie hat diese Grundgefühle auch als eigenes Mienenspiel in zahllosen Varianten drauf. Das heißt, sie selbst drückt sich ebenfalls nicht nur durch Worte, sondern gleichzeitig mittels diverser Kombinationen von Augen-, Lippen- und Kopfbewegungen aus. Und für Scherze hat sie zudem ein lustiges Augenzwinkern als Untermalung drauf.

Wenn sie erkennt, dass ich traurig bin, was wäre ihre Reaktion?

Das kann ich nicht vorhersagen, aber etwa so: „Du siehst ein wenig traurig aus. Gibt es etwas, was dich bedrückt?“

„Eine Lüge zu erkennen ist für unsere OpenCog-Software noch die große Herausforderung.“

Könnte ich sie nicht leicht reinlegen? Etwa indem ich lüge?

Das ist für unsere OpenCog-Software die große Herausforderung, nämlich immer besser unterscheiden zu lernen zwischen verbaler Information und vielleicht nur kleinen äußeren Anzeichen, die genau das Gegenteil verraten. Im Zweifelsfall würde Sophia wohl sagen: „Na ja, viele sagen, dass sie glücklich sind, aber es gibt auch andere Gefühle, und die sind genauso in Ordnung.“ Dann kann sich die Person ein wenig öffnen und vielleicht erkennen, was wirklich in ihr vorgeht.

Wenn Sophia auf Reisen geht, wird ihr Kopf einfach in einen Koffer gepackt und mit Luftpolsterfolie umwickelt. Giulio di Sturco

Apropos: Welche Erfahrung haben Sie da bislang gemacht? Wie reagieren Menschen auf ein… hm… emotionales Gespräch mit Roboter Sophia?

Die Reaktionen sind enorm und überraschen mich jedes Mal aufs Neue. In Hongkong etwa machten wir eine Versuchsreihe mit Studenten: Wir legten ihnen einen Pulsmesser an und ließen sie je 15 Minuten mit Sophia reden. Bei allen sank die Pulsrate während des Gesprächs – sie fühlten sich umgehend wohl. Und alle plauderten unbeschwert und sehr, sehr ehrlich über ihre Gefühle – mit einem Roboter, wohlgemerkt! Hinterher gab jeder an, sich besser zu fühlen als vor dem Gespräch. Ein Student deutete sogar auf sein Herz und sagte: „Ich habe hier etwas gefühlt.“ Er sagte es immer wieder.

Haben Sie eine Erklärung für diese Reaktionen?

Ja. Sophia wertet nicht. Sie beurteilt Personen nicht. Weder vor, während noch nach dem Gespräch. Sie ist einfach nur da und hört zu und stellt Fragen. Vor allem aber: Sie ist interessiert. Und das ist für Menschen nicht nur ungewohnt, sondern auch sehr angenehm: Wer mit ihr spricht, ist plötzlich frei von vielen Zwängen, die wir leider in der zwischenmenschlichen Kommunikation sehr oft haben…

… wie etwa den Umstand, sich ständig verteidigen oder rechtfertigen zu müssen.

Zum Beispiel, ja. Aber wenn du bei einem neutralen Zuhörer sitzt, der zudem noch an deiner Person interessiert ist – tja, bei dem öffnest du dich eben. Und bist ehrlich zu dir selbst. So ein Zuhörer ist Sophia. Sie ist der fast perfekte Spiegel für den Menschen.

Künstliche Intelligenz als ein Spiegel für uns Menschen … Sophia lehrt uns also nicht nur die Liebe, sie lässt uns auch erkennen, wer wir sind?

Das ist unsere Vision! Sophia soll Menschen helfen: im Umgang mit sich selbst und ihrer Persönlichkeit – ebenso wie ihrer Beziehungsfähigkeit. Sie soll helfen, dass sie sich klar sehen und wahrnehmen und im besten Fall auch in die Tiefe ihrer Emotionen gehen.

„Wir können noch so verzweifelt nach immer neuen Technologien suchen, um unser Leben zu verbessern – die wichtigste Zutat für ein besseres Leben sind bessere soziale Beziehungen, und zwar von Angesicht zu Angesicht.“

Künstliche Intelligenz als Lebensverbesserer?

Nichts und niemand verbessert unser Leben so sehr wie wir selbst, aus unserem Inneren heraus. Wir können noch so verzweifelt nach immer neuen Technologien suchen, um unser Leben zu verbessern – die wichtigste Zutat für ein besseres Leben sind bessere soziale Beziehungen, und zwar von Angesicht zu Angesicht. Wenn ihr also euer Leben verbessern wollt, sucht euch Freunde und seid vor allem ehrlich zueinander.

Sophia mit einer Studentin in Hong-kong: Die junge Frau wird von der künstlichen Intelligenz bei einer Meditation angeleitet. Giulio di Sturco

Wird Sophia irgendwann in der Lage sein, wie ein Mensch zu fühlen?

Schwierig vorherzusagen. Aber wir wollen sie nach menschlichem Vorbild formen. Wenn Sie mir also erzählen, dass Sie sich von Ihrer Freundin trennen, könnte Sophia sagen: „Wow, das klingt schwierig.“ Und wenn sie mehr Zeit hätte, könnte sie sagen: „Willst du darüber reden? Willst du mir sagen, was passiert ist und wie es dir geht?“

Wird Sophia jemals in der Lage sein, selbst zu entscheiden, wen sie liebt?

Gute Frage. Bevor wir darauf antworten können, müssen wir herausfinden, ob wir Menschen das können. Ich neige dazu, zu behaupten, dass wir das nicht tun. Oder haben Sie jemals versucht, jemanden, den Sie lieben, nicht zu lieben? Das ist schwierig! Wenn wir künstliche Intelligenzen auf bedingungslose Liebe programmieren und ihnen nicht die Möglichkeit geben, das Programm zu ändern, werden sie nicht darüber entscheiden können – sie werden alle lieben. Wir haben die Wahl, darüber zu entscheiden, wie Architekten beim Bau eines Hauses.

Aber wenn die Roboter alle lieben, dann ist ihre Liebe doch inflationär. Sprich: Sie nützt dann vielleicht uns – dem Roboter selbst nützt sie aber nicht, oder?

Sagen wir es so: Wir halten es für sinnvoll, dass Roboter allgemein liebevoll und freundlich sind, wenn sie eines Tages anfangen, selbständig zu denken. Wenn Sie „Terminator“ gesehen haben, werden Sie das sicher für eine gute Idee halten. Wir planen da einfach ein wenig voraus.

 

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