Alter Meister: Drei Erfolgsprinzipien des Leonardo da Vinci

Was Leonardo jedoch von all seinen Zeitgenossen unterschied, war die Tatsache, dass es ihm beim Aufgreifen von Ideen anderer nie um blinde Nachahmung ging. Wenn er sich intensiver mit einer frem­den Idee befasste, dann tat er das immer mit der festen Absicht, diese zu verbessern und zu perfektionieren (…). Gerade die Art und Weise, wie Leonardo bestehende Stile, Theorien und Techniken hinter­fragte, überdachte und verbesserte, zeigt die Brillanz seines innovati­ven Geistes (…).

War Leonardo nun ein genialer Erfinder oder nur ein Nachahmer, der auf bestehende Ideen zurückgriff? Die einfache Antwort lautet: beides. Gerade diese Kombination machte Leonardo so erfolgreich (…). Aber auch in unserer heutigen Zeit, die von einem sehr oberflächli­chen Wettlauf um Originalität geprägt ist, arbeiten die erfolgreichs­ten Innovatoren nach diesem Prinzip. Der verstorbene Visionär und Apple­-Chef Steve Jobs war sogar stolz darauf, ein Ideendieb zu sein. In Interviews zitierte er in diesem Zusammenhang gerne Pablo Picasso, der gesagt haben soll: „Gute Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen.“ Bei Apple gehörte der Ideenklau zum Geschäft und war sogar ausdrücklich gewünscht: „Bei Apple haben wir immer scham­los gute Ideen geklaut“, gab Jobs ganz offen zu. So stammte die Idee zu Apples revolutionärem iPad eigentlich von Microsoft. Microsoft hatte bereits zehn Jahre vor dem Erscheinen des ersten iPads einen Tablet­-PC mit Touchscreen entwickelt, der auf dem Markt aber nicht angenommen wurde. Steve Jobs machte sich die Idee für Apple zu ei­gen und perfektionierte sie. Der Rest ist Geschichte.

Als Leonardo die obige Anmerkung in eines seiner Notizbücher schrieb, beschäftigte er sich wieder einmal intensiv mit dem Fliegen – einem Thema, das ihn seit seiner Kindheit faszinierte und zur Erfindung zahlreicher Flugmaschinen inspirierte. Im Rahmen sei¬ner Forschungen stellte sich Leonardo unter anderem die Frage, welchen Einfluss die Strömung der Luft auf den Flug der Vögel hat. Um das herauszufinden, studierte er nicht nur intensiv das Flugverhalten und die Anatomie der Vögel, sondern suchte auch in anderen Berei¬chen der Natur nach Antworten. So hoffte er, durch die Beobachtung von schwimmenden Fischen in starken Wasserströmungen auf entscheidende Hinweise zum Verständnis des Vogelflugs zu stoßen (…).

3. Prinzip: Verbinde das Unverbundene

Beobachte das Schwimmen der Fische im Wasser,

und Du wirst den Flug des Vogels durch die Luft begreifen.

Leonardos Plan, durch die Bewegungen von Fischen das Wesen des Vogelflugs zu verstehen, kommt uns vielleicht auch heute noch etwas abstrus vor. Dennoch landete er mit seiner Vermutung einen wissenschaftlichen Volltreffer. Denn tatsächlich ist es so, dass sowohl Wasser als auch Luftströmungen den gleichen mathematischen Gesetzen gehorchen. Bewiesen wurde dies allerdings erst im 18. Jahrhundert durch den bekannten Mathematiker und Physiker Daniel Bernoulli.

Das aufmerksame Beobachten seiner Umwelt war für Leonardo nur der erste Schritt auf dem Weg zu neuen Ideen und Einfällen. Hinzu kam seine Fähigkeit, diese Beobachtungen in einem zweiten Schritt spielerisch miteinander zu kombinieren und in völlig neue Kontexte zu übertragen. So konnte für ihn jede Sache, mit der er sich gerade beschäftigte, zu einer nützlichen Analogie für etwas anderes werden (…).

Unverbundenes miteinander verbinden zu können, ist auch das Geheimnis anderer großer Erfinder. So haben wir die Erfindung der Druckerpresse im 15. Jahrhundert dem besonderen Kombinationstalent von Johannes Gutenberg zu verdanken. Wie es heißt, beobachtete Gutenberg bei einer Weinlese Winzer beim Traubenpressen. Dabei sei ihm die Idee gekommen, die große Oberfläche der Traubenpresse mit der Funktionsweise eines Münzprägestempels zu verknüpfen – die Geburtsstunde des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern (…).

Wie bei Leonardo zeigen auch diese Beispiele, dass wirklich innovative Einsichten und Lösungen nur entstehen können, wenn bereits vorhandenes Wissen in einer neuen und überraschenden Weise kombiniert wird. Der Philosoph und Schriftsteller Arthur Koestler entwickelte für diese Art des Denkens, die er als das Wesen des schöpferischen Akts bezeichnete, den Begriff der „Bisoziation“ (…). Die derzeit innovativsten Unternehmen der Welt machen sich bisoziatives Denken übrigens schon lange zunutze. So dürfen sich Mitarbeiter von Google an einem Tag ihrer Arbeitswoche ganz bewusst Themen widmen, die mit ihrem eigentlichen Aufgabengebiet nichts zu tun haben.

 

„Die Da-Vinci-Formel. Die sieben Erfolgsgesetze für innovatives Denken“ von Jens Möller ist beim Münchner Redline Verlag erhältlich. Mehr Infos gibt es hier.

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