“Wir haben uns erfolgreich dem Kapitalismus entzogen“

Was hat sich geändert?

Als ich neulich das Ganze noch einmal im Unternehmen vorgestellt habe, habe ich am Ende gesagt: Wir haben es erfolgreich geschafft, uns dem kapitalistischen System zu entziehen. Und es war ein großer persönlicher Schritt. Nachdem ich beim Notartermin die Unterschrift druntergesetzt hatte, habe ich gemerkt: Wow, das fühlt sich jetzt echt anders an. Diese ganze extrinsische Motivation ist weg, dieses „Ich könnte ja mal doch Geld damit machen“. Oder: „Wenn ich mir doch mal ein schickes Haus kaufen will, dann nehme ich was raus.“ Das ist jetzt alles weg.

Waren Sie denn je versucht, es zu tun?

Die Versuchung war nie so stark, dass ich hätte nachgeben wollen, aber sie war immer da. Dieses Teufelchen auf der Schulter, das gesagt hat: „Hey guck mal, ein Ferrari.“ Aber wenn ich genau nachgedacht habe, ist das auch immer verschwunden.

Ein Exit hätte aber auch bedeuten können, noch einmal ganz neu zu starten. Nie Lust darauf gehabt?

Freunde von mir, die Startups gegründet haben, sind den klassischen Weg gegangen und müssen jetzt nicht mehr arbeiten. Das ist schon irgendwie cool. Die reisen dann ein bisschen, aber nach ein paar Monaten wollen die eigentlich alle wieder was machen. Und ich habe mich gefragt, was würde ich eigentlich tun wollen? Und habe gemerkt, eigentlich genau das Gleiche, was ich jetzt bei Ecosia mache. Warum sollte ich dann diesen Umweg gehen? Etwas verkaufen, wieder etwas aufbauen, das dann wieder ist, was ich jetzt schon tue?

Auf wie viel Geld haben Sie mit Ihrer Unterschrift verzichtet?

Es ist schwer, Ecosias Wert zu beziffern. Aber wenn man das jetzt mal mit anderen Startups vergleicht, ist das schon ein dreistelliger Millionenbetrag. Ein sehr profitables Unternehmen in diesem spannenden Bereich hat ja durchaus einen gewissen Wert.

Wie hat sich Ihre Rolle verändert?

Die Idee nennt sich Steward-Ownership. Ich bin jetzt Treuhänder von Ecosia, also nicht mehr wirklich ­Eigentümer. Ich habe zwar die Anteile, aber die sind nichts wert. Die bedeuten mehr oder weniger nur Verantwortung.

Ecosia kooperiert mit der Suchmaschine Bing. Wie sieht diese Partnerschaft aus?

Wir greifen über eine Schnittstelle auf die Such­ergebnisse von Bing zu und kriegen von Microsoft einen Anteil des Umsatzes, der über die ausgespielte Werbung generiert wird. Wir müssen uns also nicht um den Algorithmus kümmern und haben keine direkte Beziehung zu den Werbepartnern. Das hat es überhaupt erst möglich gemacht, dass wir Ecosia starten konnten.

Welcher Anteil landet bei Ecosia?

Die genauen Zahlen können wir nicht teilen, aber es ist die deutliche Mehrheit.

Und wenn Microsoft die Partnerschaft irgendwann einmal aufkündigt?

In dem Fall hätten wir tatsächlich ein Problem, weil man ein paar Milliarden Euro braucht, um eine Suchmaschine aufzubauen. Aber das Risiko ist gering. Microsoft hat uns über die Jahre sehr schätzen gelernt.

Aus welchem Grund?

Am Anfang waren wir ein normaler Geschäftspartner, doch inzwischen haben die gesehen: Mensch, was da passiert, ist ja unglaublich. Im Mai war ich bei einer Konferenz von Microsoft, da saßen viele Führungskräfte. Einer hat quasi seine Präsentation verworfen, nachdem er von Ecosia erfahren hatte und das prima fand. Der hat auf der Bühne gesagt: Mensch, Leute, lasst uns doch mehr so was machen. Ich glaube also nicht, dass sie uns als Partner rauskicken. Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass wir gucken, wo wir strategisch hinmöchten. Wir wollen ja mehr als eine grüne Maske für Microsoft sein und auch einen eigenen Wert haben.

Woher soll dieser Wert kommen?

Wir bauen schrittweise Technologien auf, die über dem Suchalgorithmus von Microsoft liegen. Bislang ganz kleine Sachen wie ein Wetter-Snippet. Google macht das seit vielen Jahren, aber für uns ist es technologisch ein erster Schritt, dass wir ein bisschen was auf Microsoft draufsetzen und eigene Sachen haben.

In welche Richtung soll das weitergehen?

Immer mehr unserer Kaufentscheidungen werden unbewusst durch Algorithmen getroffen, bei den Internetgiganten geht es vor allem um mehr Umsatz und mehr Daten. Wenn wir bei Ecosia das irgendwie anders stricken und die ethisch-moralische Komponente in Kaufentscheidungen mit einbeziehen, können wir die Welt in eine grünere Richtung bewegen. Technologisch müssen wir da noch einiges tun. Es gibt noch nicht die eine Fertiglösung für grüne Suchergebnisse.

Wie würde so ein grünes Suchergebnis aussehen?

Meine Vision ist die: Du suchst zum Beispiel nach einer Waschmaschine. Und wir können dir bei Ecosia zeigen: Dieses Modell kostet ungefähr dasselbe wie das andere, aber es ist stromsparender, die Rohstoffe kommen aus nachverfolgbaren Quellen, und das Unternehmen ist auch noch sozialer als andere – kauf doch die.

Wie kommt Ecosia an die nötigen Daten?

Wenn wir das alles selber bauen würden, kämen wir nie auf einen grünen Zweig. Aber wir merken, es gibt ein Interesse. Shoppingportale und Preisvergleichsseiten überlegen, die Dimension Nachhaltigkeit mit reinzunehmen. Da könnten wir dann andocken.

Wohin wollen Sie noch expandieren?

Wir überlegen hier und da. Wenn eines unserer Baumpflanzprojekte Kaffee produziert, warum sollten wir den nicht auch unter Ecosia verkaufen? Wir haben eine starke Marke und stehen für eine Idee, von der die Leute sagen: Das will ich unterstützen. Wenn wir unsere Prinzipien und unsere Glaubwürdigkeit übertragen, könnten wir in vielen anderen Bereichen aktiv sein. Außerdem glaube ich, dass wir es schaffen werden, Baumpflanzprojekte so rentabel zu machen, dass selbst der böseste Kapitalist auf der Welt in sie investieren will, weil es einfach eine super Rendite zu einem niedrigen Risikoprofil ist. Aber das ist noch ein weiter Weg. Und unser Fokus wird trotzdem zu jeder Zeit auf der Suche liegen.

Warum?

Eigentlich ist es dumm, sich die Suche auszusuchen – die schlimmsten Wettbewerber, die du dir überhaupt vorstellen kannst, auch die cleversten. Wir könnten in anderen Bereichen mehr Geld für Bäume generieren, aber die Suche ist uns aus einem Grund wichtig: Entscheidungsgewalt. Suchmaschinen sind die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Und sie entwickeln sich immer mehr zu Personal Assistants. Wenn wir da nicht präsent sind und auch sonst keine nicht profitgetriebene Alternative, dann wird sich die Menschheit nicht in die richtige Richtung entwickeln. Irgendjemand muss mit einem ethisch-moralischen Kodex an der Schnittstelle sitzen, der anders ist als Gewinnmaximierung, dem es um den guten Zweck geht und nicht nur um den Selbstzweck.

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